# taz.de -- Sturzflut in Nepal: Mehr als 4.400 Menschen gerettet
> Nach den verheerenden Sturzfluten laufen die Such- und Bergungsarbeiten
> weiter. Retter kämpfen sich durch Schlamm und suchen nach über 3.000
> Vermissten.
(IMG) Bild: Über 670 Menschen sind durch die Sturzflut gestorben, mehr als 3.000 werden noch vermisst. Aber Tausende konnten auch gerettet werden
Graue Schlammlandschaften, zerstörte Häuser und menschliches Leid: Entlang
des Bhotekoshi-Flusses hat die Flut eine Schneise der Verwüstung
hinterlassen. Ein Gletscherabbruch im chinesisch-nepalesischen Grenzgebiet
hatte am Mittwoch eine der schwersten Katastrophen ausgelöst, die Nepal in
den vergangenen Jahren erlebt hat. Eine Flutwelle raste durch den Bezirk
Rasuwa, riss Menschen, Fahrzeuge und Gebäude mit sich und trieb eine
Wasser- und Trümmerwand flussabwärts.
Durch die zerstörten Straßen und Brücken wurde auch die wichtige
Handelsroute zwischen China und Nepal unterbrochen. Über das Bhotekoshi-
und Trishuli-Flusssystem erreichten die Wassermassen auch weit flussabwärts
gelegene Regionen. Suchteams durchkämmten unterdessen Flussufer und
flussabwärts gelegene Siedlungen.
## Mindestens 670 Tote, mehr als 3.000 Vermisste
Leichen werden inzwischen auch weit entfernt vom ursprünglichen
Hochwassergebiet geborgen. Die Zahl der Toten nach der verheerenden
Flutkatastrophe im Himalaya ist auf mehr als 670 gestiegen. Zugleich werden
nach Angaben der Behörden in Nepal und China insgesamt rund 3.000 Menschen
vermisst – darunter Hunderte Ausländer. Nepals Außenminister Shishir Khanal
bezifferte die Zahl der Vermissten in seinem Land auf rund 2.426, Chinas
amtliche Nachrichtenagentur Xinhua meldete für Tibet 554 Vermisste.
Darunter sind Hunderte ausländische Staatsangehörige.
Auch von einigen deutschen Staatsbürgern fehlt nach wie vor jede Spur. Das
Auswärtige Amt erklärte am Abend auf Anfrage: „Laut unserem Kenntnisstand
befindet sich zum aktuellen Zeitpunkt eine hohe einstellige Zahl deutscher
Staatsangehöriger unter den Vermissten.“ Die Auslandsvertretungen in China
und Nepal stünden mit Familienangehörigen und lokalen Behörden „im engen
Kontakt“, hieß es aus Berlin weiter. Eine vierköpfige Familie konnte
bereits gerettet werden.
Unter den Überlebenden ist die Familie der 26-jährigen Nepalesin Resma
Karki. „Meine Eltern, meine Tante und andere Verwandte waren zur Wallfahrt
auf dem Weg zum Gosaikunda-See. Nach der Flut verloren wir den Kontakt zu
ihnen“, sagt sie. Nach einem Tag gelang es der Familie, wieder miteinander
in Kontakt zu kommen. Die Straßen waren jedoch beschädigt, sodass ihre
Rückreise nur über einen Umweg möglich war.
Besonders eindringliche Bilder kommen aus dem chinesischen Teil des
Katastrophengebiets. Am zerstörten Grenzübergang Gyirong bahnten sich
chinesische Rettungskräfte mühsam einen Weg durch meterhohen Schlamm und
Trümmer. Immer wieder blieben sie stehen, beugten sich über Erdmassen und
riefen gemeinsam: „Ist da jemand?“ Die von chinesischen Medien verbreiteten
Aufnahmen zeigen, wie die Einsatzkräfte vorsichtig durch die verwüstete
Landschaft gehen, mit Schaufeln in Geröllhaufen suchen und auf mögliche
Lebenszeichen lauschen.
Außenminister Khanal erklärte vor Journalisten, ein indisches Team sei
eingetroffen, um bei der Rettung von Arbeitern zu helfen, die in einem
Wasserkraftwerkstunnel im Distrikt Rasuwa eingeschlossen seien. Auch ein
Team aus fünf chinesischen Experten für Tunnelrettungen sei inzwischen vor
Ort eingetroffen, berichtete die Zeitung China Daily unter Berufung auf das
Ministerium für Katastrophenschutz in Peking.
## Leichen sind kaum zu identifizieren
Allein im nepalesischen Distrikt Chitwan an der Grenze zu Indien wurden
derweil 233 Leichen geborgen, von denen bislang nur vier identifiziert
werden konnten, wie die dortige Bezirksverwaltung mitteilte. Viele Tote
waren von der Gewalt der Wassermassen Dutzende Kilometer mitgerissen
worden.
In den kommenden drei Tagen könnten nach chinesischen Angaben weitere drei
Millionen Kubikmeter Wasser in den See fließen. Die Sorge gilt vor allem
den flussabwärts gelegenen Gemeinden, die bereits von der ersten Flut
schwer getroffen wurden.
## Auch in Tibet Tote und Vermisste
Ein Erdbeben der Stärke 5,1 in der chinesischen Provinz [1][Sichuan] führte
am Freitag in Nepal zu einer Hochwasserwarnung. Die Polizei forderte
Rettungskräfte und Anwohner auf, sich von Flussufern und gefährdeten
Gebieten fernzuhalten. Aus Tibet wurden nach chinesischen Angaben
inzwischen fünf Tote und an die 550 Vermisste gemeldet. Am Freitag berief
Chinas [2][Staatschef Xi Jinping] laut der staatlichen Nachrichtenagentur
Xinhua eine Sitzung der Parteiführung ein, um über Rettungs- und
Hilfsmaßnahmen nach der Sturzflut im Distrikt Gyirong zu beraten.
Nach Einschätzung des [3][Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ)] löste
höchstwahrscheinlich der Abbruch eines großen Gletschers samt
darunterliegendem Fels an der Nordflanke des Langtang-Massivs die
Katastrophe aus. Beim Absturz der Eis- und Gesteinsmassen sei so viel
Energie freigesetzt worden, dass weltweit seismische Signale registriert
wurden.
## Klimawandel als Verstärker
„Es handelt sich um Naturereignisse, die im Himalaya mehrmals im Jahr
auftreten. Frühwarnsysteme auf der Grundlage seismischer Signale sind
jedoch möglich“, so Prof. Dr. Niels Hovius, Leiter der Sektion
Geomorphologie am GFZ.
Hovius warnt gegenüber der taz davor, dass neben den bereits bekannten Seen
grundsätzlich auch aus anderen Teilen des oberhalb gelegenen Einzugsgebiets
Sturzfluten entstehen können. Das bedeute nicht, dass ein solches Ereignis
unmittelbar bevorstehe. Vielmehr gebe es dort Bereiche, die derzeit nicht
überwacht würden und damit eine grundsätzliche Restunsicherheit bei der
Frühwarnung bleibe.
Wissenschaftler:innen verweisen darauf, dass der Klimawandel die
Risiken solcher Ereignisse verstärkt. Gletscher und Permafrost im Himalaya
schmelzen infolge steigender Temperaturen schneller. „Die Flutkatastrophe
trifft die Menschen mitten in der Erntezeit. Viele Familien haben
Angehörige verloren und zusätzlich auch ihre Felder und Ernten. Das Risiko
einer schweren Ernährungskrise wächst von Tag zu Tag“, warnt Jan Sebastian
Friedrich-Rust, Geschäftsführer der Berliner Aktion gegen den Hunger.
## Internationale Hilfe für Nepal angelaufen
Nepal erreichte humanitäre Hilfe und Finanzmittel aus dem Ausland. Indien
schickte Hilfsgüter, die USA, China und die Weltbank sagten neben NGOs
Unterstützung zu. Angebote mehrerer Länder zur Entsendung von Such- und
Rettungsteams [4][lehnte] Nepal allerdings ab, da man aus der Erfahrung des
schweren Erdbebens im Jahr 2015 gelernt habe. Damals kam es zu erheblichen
Koordinationsproblemen.
In Nepal hat die Katastrophe die Forderung nach einer engeren
Zusammenarbeit mit China beim Schutz vor Gletscherseeausbrüchen verstärkt.
[5][Parteien] forderten einen gemeinsamen Mechanismus zur Bewertung der
Risiken sowie ein grenzüberschreitendes Frühwarnsystem mit Echtzeitdaten
über Flüsse.
In den angrenzenden Regionen [6][Indiens] wächst die Sorge vor
grenzüberschreitenden Fluten. Neben dem Balanceakt zwischen China und
Indien dürfte der Umgang mit der Katastrophe zur großen Bewährungsprobe für
Balendra Shahs noch junge Regierung werden.
Aber es gibt gute Nachrichten: Bis zum Samstag gab die
Katastrophenschutzbehörde des Landes die Zahl der Geretteten mit fast 7.800
an. Laut offiziellen Angaben wurden bislang 227 Ausländer gerettet. (mit
dpa)
28 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://timesofindia.indiatimes.com/world/china/5-1-magnitude-earthquake-strikes-china-s-sichuan-province/articleshow/133584450.cms
(DIR) [2] https://www.indiatoday.in/world/story/tibet-nepal-flash-floods-xi-jinping-reviews-rescue-as-barrier-lake-risk-grows-ptag-2981786-2026-08-28
(DIR) [3] https://www.gfz.de/presse/meldungen/detailansicht/extreme-sturzflut-in-china-und-nepal
(DIR) [4] https://www.indiatoday.in/world/story/nepal-floods-why-kathmandu-declined-india-china-us-uk-bangladesh-rescue-offers-aid-2981700-2026-08-28
(DIR) [5] https://kathmandupost.com/national/2026/08/27/parties-call-for-joint-nepal-china-study-of-glacial-lake-risks
(DIR) [6] https://www.ndtv.com/world-news/nepal-flash-floods-nepal-and-india-share-narayani-gandak-river-and-flood-risk-that-comes-with-it-11965031
## AUTOREN
(DIR) Natalie Mayroth
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