# taz.de -- Kyjiw nach russischem Großangriff: „Russland tötet uns an der Front und im Hinterland“
       
       > Nach den massiven Angriffen auf Kyjiw hat Bürgermeister Vitali Klitschko
       > einen „Tag der Trauer“ ausgerufen. 24 Menschen starben, rund 50 wurden
       > verletzt.
       
 (IMG) Bild: Da, wo früher der Nachbaraufgang war, ist jetzt nichts mehr. Zerstörtes Hochhaus im Kyjiwer Bezirk Darnyzja, 15. Mai 2025
       
       Vorsichtig legt Anna Nizhenska einen weißen Teddybären auf den Berg aus
       Spielzeug und Blumen im Innenhof eines Kyjiwer Wohngebietes. Hier, neben
       den Trümmern eines Neungeschossers, haben sich mehrere Dutzend Menschen
       versammelt. Sie weinen, umarmen sich und zünden Kerzen an. An diesem
       Freitag ist in der ukrainischen Hauptstadt ein Tag der Trauer. In der Nacht
       zum 14. Mai starben bei einem russischen Luftangriff 24 Menschen, darunter
       drei Kinder. Die meisten Opfer hatten hier, in dem Wohnblock im Kyjiwer
       Stadtteil Darnyzj,a gelebt.
       
       „[1][Eine russische Rakete hat in der Nacht die dritte Etage getroffen].
       Einige Menschen starben sofort, andere später unter den Trümmern. Darunter
       waren auch drei Mädchen. Was haben sie verbrochen?“ – Die 24-jährige Anna
       beginnt zu weinen, als sie die Fotos der verstorbenen Nachbarn betrachtet,
       die zum Gedenken am Ort der Tragödie aufgestellt wurden.
       
       Auf den Fotos sieht man nicht nur die lächelnden Mädchen, 12, 15 und 17
       Jahre alt. Auch ein junges verliebtes Paar, einen alten Mann mit bunte Hut,
       eine Frau beim Strandurlaub. Sie alle sind tot.
       
       ## Die „Zwei-Wände-Regel“ hat nicht geholfen
       
       Vitali Klitschko, Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt bezeichnete den
       gestrigen Angriff auf Kyjiw als den bisher massivsten, rund 50 Zivilisten
       wurden dabei verletzt. „Derzeit werden 24 Menschen noch in Krankenhäusern
       behandelt“, teilte Klitschko über seine offiziellen Social-Media-Kanäle
       mit.
       
       Die Rettungsarbeiten am Ort des Raketeneinschlags dauerten fast 30 Stunden.
       „Mehr als 3.000 Kubikmeter zerstörter Gebäudeteile wurden schon weggeräumt.
       Aktuell bemühen sich die Versorgungsbetriebe, die Strom- und
       Wasserversorgung für die Bewohner der umliegenden Häuser
       wiederherzustellen“, erklärt Pawlo Petrow, Sprecher der Hauptverwaltung des
       staatlichen Katastrophenschutzdienstes in Kyjiw gegenüber der taz, während
       hinter ihm Mitarbeiter des Katastrophenschutzes mit einem Kran Betonplatten
       wegräumen.
       
       Die Maniküristin Nataliya Parchomenko, ist gerade dabei, die zerbrochenen
       Fenster ihres Schlafzimmers mit Plastikfolie abzudecken. Letzte Nacht
       fielen die Scherben direkt auf sie herab. „Eine Rakete traf den
       benachbarten Hauseingang. Ich hatte gerade noch Zeit, eine Decke
       umzuwerfen. Dann rannte ich los, um meine Mutter und meine beiden Neffen,
       die bei uns wohnen, aus dem Haus zu bringen“, erinnert sie sich.
       
       „Die Zwei-Wände-Regel funktioniert nicht mehr – wenn eine Rakete
       einschlägt, überlebt niemand. Und wir hatten Angst vor einem zweiten
       Einschlag, die Russen machen das oft so, damit es mehr Opfer gibt“, sagt
       Nataliya auf dem zerstörten Balkon ihrer Wohnung. Da, wo früher der
       Nachbaraufgang war, ist jetzt nichts mehr.
       
       Obwohl die Wände ihrer Wohnung voller Risse sind, meint Nataliya, dass sie
       noch Glück gehabt haben. „Die Sachen waren alle nichts wert. Wir hätten nie
       gedacht, dass wir diese Nacht überleben würden. Mein Neffe hat mich heute
       gefragt: ‚Tante, was hättest du getan, wenn ich gestorben wäre?‘“, sagt sie
       unter Tränen. Und ergänzt, sie habe keine Antwort darauf gewusst.
       
       Ganze Familien starben 
       
       Am Ort der Tragödie sind neben dem Katastrophenschutz Dutzende von
       Freiwilligen im Einsatz. Sie räumen die Trümmer weg, helfen den
       Betroffenen, ihre Habseligkeiten aus den zerstörten Wohnungen zu tragen und
       die Fenster zu verbarrikadieren. Valeriya Samuta ist eine von ihnen. Die
       zierliche 22-jährige Barista trägt einen riesigen Müllsack aus dem
       zerbombten Haus. Darin befinden sich zerbrochenes Glas, verkohlte Bücher
       und kaputte Souvenirs – der Eiffelturm und das Brandenburger Tor.
       
       „2014, als ich noch ein Kind war, kam Russland in meine Heimat. Wir flohen
       aus der Ostukraine [2][in den Kyjiwer Vorort Borodjanka]. 2022 haben sie
       unser Haus in Borodjanka zerstört. Ich weiß, wie es ist, alles zu
       verlieren, und deshalb komme ich, um zu helfen“, sagt das Valeriya und
       zieht an ihren dicken Arbeitshandschuhen.
       
       Sie hat schon die Trümmer der Wohnung weggeräumt, in der zwei Schwestern
       ums Leben kamen. „Ich spreche nie mit den Menschen, denen ich helfe. Was
       würde mir ihre Mutter sagen? Dass sie morgen ihre Kinder beerdigen muss?“,
       fragt Valeriya.
       
       „Ich habe einfach Angst vor dem, was ich von ihnen hören könnte. In dieser
       Familie sind zwei Kinder ums Leben gekommen, und ihr Vater ist vor drei
       Jahren an der Front gefallen. Russland tötet uns sowohl an der Front als
       auch im Hinterland“, sagt die junge Freiwillige. Am Knie hat sie sich durch
       Glassplitter verletzt, das Blut läuft an ihrem Bein herunter. Doch Valeriya
       scheint das gar nicht zu bemerken. Der seelische Schmerz ist heute stärker
       als der körperliche.
       
       Aus dem Ukrainischen: Gaby Coldewey
       
       15 May 2026
       
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 (DIR) Julia Surkowa
       
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