# taz.de -- Pressefreiheit in Russland: Agentenlabel für Journalismus
       
       > Das Nachrichtenportal „Meduza“ berichtet anders, als der Kreml es sich
       > wünscht. Nun wurde das Onlinemedium zum „ausländischen Agenten“ erklärt.
       
 (IMG) Bild: Ein Hilfeschrei: Demonstration für Pressefreiheit in Sankt Petersburg im Juni 2019
       
       Moskau taz | Eigentlich sei er stets gegen alle Schwierigkeiten in seinem
       Arbeitsleben gewappnet gewesen, sagt Iwan Kolpakow. Es ist ein Satz, den er
       oft gebraucht in diesen Tagen. Einer, den auch Galina Timtschenko ähnlich
       äußert, um gleich hinzuzufügen: „Jetzt wissen wir aber wirklich nicht
       weiter.“ Sie wirken ratlos dabei. Und nicht nur sie.
       
       Seit das russische Justizministerium Ende April das russischsprachige
       Onlinemagazin Meduza ohne Vorwarnung zum „ausländischen Agenten“ erklärt
       hat, konferieren Kolpakow und Timtschenko unentwegt mit ihrem Team. Der
       37-jährige Kolpakow ist Chefredakteur von Meduza, Timtschenko, 58, ist
       die Gründerin und Geschäftsführerin des Portals, das in Lettland
       registriert ist, jedoch für russisches Publikum arbeitet. Sie suchen nach
       Lösungen für eine Zukunft mit dem diffamierenden Agentenlabel, das ihnen
       jede Grundlage zum Überleben nimmt. Der [1][Kreml gibt sich zynisch]. Der
       heutige Informationsmarkt sei so eingerichtet, dass das Verschwinden eines
       Mediums nicht zu stark zu spüren sein werde, sagte der Kremlsprecher Dmitri
       Peskow.
       
       In Russlands unabhängiger Journalist*innenszene ist seit dem
       unerwarteten Schlag gegen Meduza vor allem eines zu spüren: Unsicherheit
       und das Gefühl „Wir könnten die nächsten sein“. Als „ausländische Agenten“
       können in Russland Organisationen und Personen eingestuft werden, die
       politisch tätig sind und finanziell aus dem Ausland unterstützt werden. Es
       ist ein Stigma, das Assoziationen an die dunklen Kapitel des Landes weckt.
       
       Meduza muss nun alle Veröffentlichungen mit dem Hinweis markieren: „Diese
       Nachricht wurde von einem ausländischen Massenmedium erstellt und (oder)
       verbreitet, das die Funktion eines ausländischen Agenten erfüllt“ – doppelt
       so groß wie die Schrift der eigentlichen Nachricht. Meduzas Werbekunden
       müssen diesen Hinweis ebenfalls bringen, wie auch alle, die auf Nachrichten
       von Meduza verweisen, das Portal als „ausländischen Agenten“ bezeichnen
       müssen. Sonst drohen Geldstrafen bis hin zu Strafverfahren. Das schreckt
       Werbekunden und viele Gesprächspartner*innen ab, gerade aus der
       politischen Elite.
       
       ## Nicht mehr als Papierkram
       
       Russland hat [2][einige unabhängige Medienprojekte] wie The Bell, Projekt,
       Bumaga, 7x7 oder Waschnyje Istorii. Meduza ist dabei das wohl vielfältigste
       und umfassendste Projekt, das der russischsprachige Markt derzeit bietet.
       Sie alle entziehen sich der völligen Kontrolle des Kremls, der die Aufgabe
       von Journalist*innen darin sieht, über die Arbeit der Regierung und die
       staatlichen Organe zu berichten. Gegen alles, was nicht der offiziellen
       Sicht der Regierung entspricht, gehen die Behörden derzeit immer vehementer
       vor.
       
       Die Kennzeichnung von Meduza ist für die Behörden dementsprechend nicht
       mehr als Papierkram. Für die kleine unabhängige Medienszene und letztlich
       auch für die Leserschaft ist das Vorgehen dagegen eine dramatische Wende.
       Seit der Entscheidung hat Meduza, das sein Geld selbst verdient und mit
       Firmen wie Museen kooperiert, alle Werbekunden verloren. Das Führungsteam
       hat die Büros in Riga und Moskau geschlossen, die Gehälter der festen
       Mitarbeiter*innen zum Teil um die Hälfte gekürzt, es beschäftigt keine
       freien Mitarbeiter*innen mehr.
       
       Viele unabhängige Journalist*innen sehen Meduza dadurch langsam
       ersticken. „Erst attackiert man die Aktiven im Land, dann die, die über
       diese Aktiven berichten“, schreibt Tichon Dsjadko, der Chefredakteur des
       unabhängigen Fernsehsenders TV Doschd. Für Meduza sind die Spenden ihres
       Publikums deshalb gerade die einzige Hoffnung: „Sie haben Meduza gelesen.
       Haben Meduza gehört. Geschaut. Es ist Zeit, Meduza zu helfen“, heißt es auf
       der Homepage meduza.io. Es ist ein verzweifelter Hilfeschrei.
       
       5 May 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Opposition-in-Russland/!5765421
 (DIR) [2] /OWD-Info-ueber-russische-Proteste/!5617583
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Inna Hartwich
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Pressefreiheit
 (DIR) Russland
 (DIR) Journalismus
 (DIR) Kreml
 (DIR) Russland
 (DIR) Schwerpunkt Pressefreiheit
 (DIR) Russland
 (DIR) Medien
 (DIR) Schwerpunkt Pressefreiheit
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Russisches Onlineportal „newsru.com“: Freie Presse verschwindet
       
       In Russland wird das nächste unabhängige Medium eingestellt. Diesmal trifft
       es das Onlineportal „newsru.com“.
       
 (DIR) Missstände und Kommunikation: Plädoyer für die Wahrheit
       
       Der internationale Tag der Pressefreiheit hätte ein Anlass sein müssen,
       Missstände beim Namen zu nennen. Es braucht eine kommunikative Währung.
       
 (DIR) Opposition in Russland: Kampf um das Recht auf Existenz
       
       In Russland wird die Luft für kritische Stimmen dünner. Ein Journalist hat
       eine Liste der Repressalien vorgelegt – über 140 Eingriffe in einem Monat.
       
 (DIR) Pressefreiheit in Russland: Es gibt keine Sicherheit
       
       Repressionen gegen Journalist*innen sind in Russland Normalität. Auf der
       Medienkonferenz der OSZE will das aber niemand hören.
       
 (DIR) OWD-Info über russische Proteste: Mediendienst für schlechte Zeiten
       
       Aus der russischen Menschenrechtsszene ist die kleine Medienorganisation
       OWD-Info nicht wegzudenken. Im Zuge der Proteste informiert und hilft sie.