# taz.de -- Correctiv und NSDAP-Mitgliederkartei: Copy and Waste
       
       > Katapult und Correctiv wollten die Suche im NSDAP-Archiv schnell
       > zugänglich machen – ohne Bezahlschranke. Dabei haben sie die
       > Quellenprüfung vergessen.
       
 (IMG) Bild: Ein NSDAP-Mitgliedsbuch
       
       Das Ende des „Dritten Reichs“ ist jetzt 81 Jahre her.
       Datenjournalist*innen, Entwickler*innen und Archivar*innen spielen
       eine große Rolle dabei, die Erinnerungen daran für die Nachwelt zu erhalten
       und erfahrbar zu machen. Dass es ein großes Interesse an digitalen Archiven
       gibt, zeigen die Zugriffszahlen in Millionenhöhe, seitdem das
       US-Nationalarchiv im März die NSDAP-Mitgliederkartei digital zugänglich
       gemacht hat. Obwohl [1][das Archiv] nicht User-freundlich gestaltet ist,
       man in die Akten zoomen muss, um überhaupt zu erkennen, um wen genau es
       hier jetzt eigentlich geht, war die Seite immer wieder wegen Überlastung
       nicht erreichbar.
       
       [2][Als die Zeit und der Spiegel jeweils eigene Datenbanken mithilfe von
       KI-Tools aufbauten], die die Millionen an US-Daten dann besser durchsuchbar
       machten, erhofften sie sich vermutlich eine ähnliche Resonanz. Und sie
       erhielten international viel Aufmerksamkeit. Unter anderem berichteten BBC,
       CNN und CBC über die Möglichkeit, nun danach zu suchen, ob die eigene
       Großmutter oder der Nachbar Mitglied bei der NSDAP war. „Das Tool wurde
       millionenfach aufgerufen und tausendfach geteilt. Wir haben dazu
       Nachrichten im vierstelligen Bereich erhalten“, schreibt eine
       Verlagssprecherin der Zeit auf Anfrage.
       
       Die Datenbanken werden als wichtiges Tool für Erinnerungsarbeit angesehen.
       Auch das Bundesarchiv stellt schon lange Unterlagen zur Verfügung, wenn man
       eine Anfrage zu einer konkreten Person stellt – kostenlos. Die digitalen
       Suchfunktionen von Spiegel und Zeit senken aber die Hürden. Gleichzeitig
       gibt es auch Kritik: Die Suche steht nur hinter der Bezahlschranke zur
       Verfügung. Deshalb ist die Idee von Correctiv und Katapult, gemeinsam eine
       NSDAP-Mitgliederkartei aufzubauen, die kostenfrei zugänglich ist, erst
       einmal ein begrüßenswerter Schritt. Aber gut gewollt ist nun mal nicht
       immer gut gemacht.
       
       Denn kurz nachdem Correctiv und Katapult am 11. Mai die Datenbank
       veröffentlicht hatten, mussten sie sie auch schon wieder runternehmen. Die
       Zeit teilte Correctiv nämlich mit, dass die Daten vermutlich von ihnen
       stammten. Wie konnte das passieren? Katapult und Correctiv haben die
       Aufbereitung der Daten von dem externen Entwickler Christoph Reith und
       seinem „brownarchive“ verwendet, das derzeit nicht online zugänglich ist.
       Es gab „deutliche Hinweise auf Übereinstimmungen“ etwa bei Datensätzen und
       Kartenbildern, schreibt die Zeit-Verlagssprecherin auf taz-Anfrage.
       
       ## Vertrauen in journalistische Arbeit sinkt
       
       Correctiv entschuldigte sich inzwischen [3][in einer ausführlichen
       Mitteilung auf ihrer Website]. „Die Veröffentlichung in dieser Form
       entspricht nicht unseren journalistischen und dokumentarischen Standards“,
       schreibt Correctiv. Bei Katapult lässt sich bisher keine Erklärung finden,
       im Newsletter wolle das Magazin darauf aber noch eingehen, schreibt der
       Herausgeber Benjamin Fredrich der taz. Wie immer bei Fehlern, die Medien
       machen, ist eine transparente Fehlerkultur besser als nichts, aber: The
       damage is done.
       
       Die Veröffentlichung von vermutlich geklauten Daten schadet dem Vertrauen
       in journalistische Arbeit. Gerade bei historischen Archiven und großen
       Datensätzen müssen Herkunft, Aufbereitung und Kontrolle der Daten
       nachvollziehbar sein. Wer Millionen Dokumente veröffentlicht, übernimmt
       Verantwortung für Genauigkeit und Transparenz. Die Daten müssen eingeordnet
       werden, die Ergebnisse überprüft, besonders wenn sie wie bei diesem
       80-Millionen-Karteikarten-Datensatz auch mit KI erzielt wurden. Hat sie die
       handschriftlichen Namen, Geburtsorte, Tage des Parteieintritts wirklich
       korrekt entschlüsselt?
       
       Diese Checks sind aufwendig und es braucht Ressourcen: Entwickler*innen
       bauen die Datenbanksysteme, Datenjournalist*innen suchen die
       Geschichten in den Daten. Visualisier*innen bereiten die Informationen
       verständlich auf. Das ist Teamarbeit. Und nur wenige Redaktionen verfügen
       über die notwendigen Ressourcen. Die Lehre aus dem Fall lautet deshalb:
       Datenjournalismus muss ausgebaut und finanziert werden. Gute
       Datenrecherchen entstehen nicht nebenbei. Sie brauchen Fachwissen,
       technische Infrastruktur und genügend Zeit für Kontrolle. Nur dann können
       solche Projekte Geschichte zugänglich machen, ohne neues Misstrauen zu
       erzeugen.
       
       20 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://catalog.archives.gov/id/12044361
 (DIR) [2] /NSDAP-Datenbanken-von-Spiegel-und-Zeit/!6177408
 (DIR) [3] https://correctiv.org/in-eigener-sache/2026/05/14/aufarbeitung-fehlern-veroeffentlichung-digitaler-nsdap-mitgliederkartei/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ann-Kathrin Leclère
       
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