# taz.de -- Aufarbeitung der NS-Geschichte: Der Nazi steckt in dir und nicht in der Kartei
       
       > Der Zugang zur NSDAP-Mitgliederkartei wurde mittels Medientools
       > erleichtert. Welche Gefühls- und Denkwelten die Erben übernommen haben,
       > bleibt offen.
       
 (IMG) Bild: War Opa mit dabei? Jubelnde NSDAP-Anhänger, 1931
       
       Früher, wenn ich Deutsche meiner Generation über ihre Vorfahren sprechen
       hörte, war ich oft überrascht, wie emotionslos das geschah.
       
       Die einen waren sich sicher, bei ihnen habe es keine Nazis gegeben. Gefragt
       hatten sie zwar nie, dafür aber einen aufbereiteten Stammbaum, der sich bis
       ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen ließ. Die Jahre zwischen 1933 und 1945
       waren dabei mit bemerkenswerter Eleganz übersprungen worden. Oder aber man
       wusste ganz genau, dass Uropa in der NSDAP gewesen war. Man sprach darüber
       wie über Fremde oder über Figuren aus einem Geschichtsbuch. Es waren
       Fakten, keine Gefühle.
       
       Später fiel mir auf, dass das kein Widerspruch zur deutschen
       Erinnerungskultur ist, sondern vielleicht ihr Kern. Über den
       Nationalsozialismus wird in Deutschland heute unendlich viel gesprochen.
       Über das, was davon geblieben ist, deutlich weniger.
       
       Das könnte erklären, warum die Begeisterung für [1][die Datenbank, die
       Spiegel und die Zeit] aus den im US-Nationalarchiv überlieferten
       NSDAP-Mitgliederkarteien vor einigen Wochen aufbereitet haben, bei mir vor
       allem Ratlosigkeit auslöst.
       
       Ich verstehe, woher die Faszination kommt. Jahrzehntelang erzählten sich
       deutsche Familien Geschichten, in denen die Nazis immer die anderen waren:
       die Nachbarn, die Funktionäre, irgendwer aus dem Ort. Nur nicht die eigenen
       Leute. Die Datenbank erschüttert manche dieser Erzählungen. Und doch werde
       ich das Gefühl nicht los, einer seltsamen Aufführung beizuwohnen.
       
       Seit Wochen [2][bombardieren mich Medien mit immer neuen Geschichten über
       die Kartei], als handele es sich um das erinnerungspolitische Ereignis des
       Jahres. Dabei bleiben die interessanten Fragen unbeantwortet: Was wurde in
       den Familien erzählt? Was verschwiegen? Welche Entlastungsgeschichten
       wurden weitergereicht? Welche Bilder von Juden, von Deutschland, von Schuld
       und Verantwortung? Wie wurde Scham weitergetragen? Wie und welche
       Moralvorstellungen? Eine Mitgliedsnummer sagt darüber nichts aus.
       
       Die Psychologin Marina Chernivsky nennt solche Nachwirkungen
       „Gefühlserbschaften“: die emotionalen Hinterlassenschaften der NS-Zeit,
       Formen des Schweigens und der Schuldabwehr, Familienmythen und
       Selbstbilder, die über Generationen weitergegeben werden.
       
       Bis heute gelten die 68er vielen als Generation, die mit den Eltern brach
       und den Nationalsozialismus zum Thema machte. Aber haben sie mit den
       „Gefühlserbschaften“ gebrochen? Wohl kaum. Die Kritik an den Eltern hat
       nicht automatisch bedeutet, sich von deren Denk- und Gefühlswelten gelöst
       zu haben.
       
       Man kann die Eltern verurteilen und trotzdem ihre Muster weitertragen. Der
       Wunsch nach moralischer Eindeutigkeit, die Sehnsucht nach ideologischer
       Reinheit, die Einteilung der Welt in Täter und Opfer verschwanden nicht
       einfach. Sie traten nur in anderer Gestalt wieder hervor. Nicht zufällig
       entwickelte sich in Teilen der radikalen Linken ein Antizionismus, in dem
       Israel zunehmend zur Projektionsfläche des absoluten Bösen wurde – zu den
       neuen Nazis, gegen die man sich selbst auf der richtigen Seite der
       Geschichte wähnen konnte.
       
       Wahrscheinlich liegt darin die Attraktivität der Kartei. Sie liefert
       einfache Gewissheiten. Ein Name, ein Datum, eine Nummer. Haken dran. Doch
       die schwierige Arbeit beginnt erst danach. Denn die entscheidende Frage
       heute lautet nicht, ob der Urgroßvater Parteimitglied war. Sondern was
       seine Überzeugungen, seine Ängste, Wut, sein Schweigen und seine
       Rechtfertigungen in der Familie hinterlassen haben.Die Herausforderung
       besteht nicht darin, den Nazi in der Familie zu finden. Sondern die Folgen
       seiner Weltsicht und seiner emotionalen Verfasstheit in sich selbst zu
       erkennen. Nicht im Stammbaum. Sondern in der eigenen inneren Welt.
       
       5 Jun 2026
       
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