# taz.de -- Mercosur-Deal: Aus der Zeit gefallen
       
       > Das Abkommen fokussiert sich zu sehr auf den Freihandel und zu wenig auf
       > Klima- und Umweltschutz. Für einen Neustart ist es noch nicht zu spät.
       
 (IMG) Bild: Protest europäischer Landwirte gegen den Mercusur-Deal in Brüssel, am 4.9.2025
       
       Seit zwanzig Jahren tobt der Streit um das Freihandelsabkommen mit den
       südamerikanischen Mercosur-Staaten. Landwirte und Umweltschützer,
       Menschenrechtler und Politiker aller Couleur haben ernstzunehmende Bedenken
       angemeldet. Immer wieder wurden sie von der EU-Kommission abgebügelt.
       [1][Nun hat die Brüsseler Behörde Fakten geschaffen und den Mercosur-Deal
       abgesegnet].
       
       Wenn es nach dem Willen von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen
       (CDU) geht, dann soll das Abkommen, das sie persönlich abgeschlossen hat,
       im Eiltempo ratifiziert werden und noch vor Jahresende in Kraft treten.
       Hinter ihr steht Kanzler Friedrich Merz. Von der Leyens Parteikollege hat
       geholfen, den Deal gegen den Willen Frankreichs zu verabschieden.
       
       Getrieben werden Merz und von der Leyen von der schieren Not. Nachdem sie
       den Handelsdeal mit US-Präsident Donald Trump vermasselt haben, brauchen
       sie ein Erfolgserlebnis. Mercosur bot sich an, denn vom Ende der
       Zollbarrieren in Lateinamerika würde vor allem Deutschland profitieren.
       
       Doch das Abkommen liefert keine Antworten auf die tiefe Krise, die
       Deutschland und die EU durchlaufen. Es kann weder die schwere Niederlage
       gegen Trump vergessen machen noch die dringend nötigen Impulse für die
       Wirtschaft geben. Klar, die deutsche Autoindustrie freut sich auf neue
       Exportmärkte. Doch das macht die hohen neuen US-Zölle auf alle europäischen
       Waren nicht im Ansatz wett. [2][Selbst Studien im Auftrag der Europäischen
       Kommission rechnen nur mit einem Wachstumsimpuls von 0,1 Prozent des
       Bruttoinlandsprodukts].
       
       ## Übertriebene Hoffnung
       
       Übertrieben ist auch die Hoffnung, dass die EU durch eine engere
       Zusammenarbeit mit Mercosur außenpolitisch gestärkt wird. Das Abkommen habe
       eine „strategische Bedeutung“, die weit über die Wirtschaft hinausgehe,
       heißt es in Berlin und Brüssel. Doch die wichtigsten Mercosur-Staaten,
       Argentinien und Brasilien, gehen längst eigene Wege. Brasilien hat sich dem
       Lager der Brics-Staaten angeschlossen, die Alternativen zum Westen suchen.
       
       Derweil hält Argentinien unter dem ultraliberalen Präsidenten Javier Milei
       ausgerechnet Trump die Treue. Auch da dürfte es den Europäern schwerfallen,
       den Kurs in ihrem Sinne zu beeinflussen. Angesichts der sich
       herausbildenden multipolaren Weltordnung droht der EU der Abstieg in die
       dritte Liga.
       
       Natürlich ist eine Annäherung an Lateinamerika wünschenswert. Nicht einmal
       die härtesten Kritiker des Mercosur-Abkommens bestreiten die Notwendigkeit,
       sich dem Globalen Süden zuzuwenden. Doch dies geht nicht mit einer
       Vereinbarung, deren Wurzeln auf den Neoliberalismus im 20. Jahrhundert
       zurückgehen. Der Handelspakt ist völlig aus der Zeit gefallen; ein Neustart
       wurde verpasst.
       
       Dabei haben Umwelt- und Klimaschützer sowie grüne und linke Politiker
       rechtzeitig eine Umkehr gefordert. Früher als von der Leyen haben sie
       erkannt, [3][dass Freihandel in Zeiten der Klimakrise und des
       Protektionismus nicht die allein selig machende Antwort sein kann]. Doch
       die Forderung nach einem „Reset“ wurde ignoriert.
       
       ## Unfaire Konkurrenz für Europas Landwirte
       
       Stattdessen hat die EU-Kommission einige kosmetische Veränderungen
       vorgenommen. Das Pariser Klimaabkommen wurde in den Vertragstext
       aufgenommen, der umstrittene Investitionsschutz endlich gestrichen. Doch
       weil der Fokus weiter auf Freihandel liegt, birgt der grün angemalte und
       mit Schutzklauseln versüßte Deal immer noch erhebliche Risiken.
       
       Europas Landwirte müssen unfaire Konkurrenz durch billige Agrarprodukte aus
       dem Mercosur fürchten. Die Gefahr einer weiteren Entwaldung am Amazonas –
       künftig dann auch für Rindfleischexporte nach Europa – ist nicht gebannt.
       
       Sogar das Demokratieproblem ist nicht gelöst, im Gegenteil. Schon bisher
       gab es ein eklatantes demokratisches Defizit, weil die EU-Kommission ohne
       Rücksicht auf viele Mitgliedstaaten weiterverhandelt hat. Doch nun wird das
       Dilemma noch größer. Das Abkommen wurde nämlich in zwei Teile aufgespalten
       – den Handel, für den allein die EU zuständig ist, und die politischen
       Vereinbarungen.
       
       Das erklärte Ziel: Kritikern wie Frankreich soll die Möglichkeit genommen
       werden, den Handelsteil durch ein Nein zu stoppen. Nun reicht schon eine
       qualifizierte Mehrheit, um das Abkommen in Kraft zu setzen. Da Polen und
       Österreich signalisiert haben, dass sie ihren Widerstand aufgeben, scheint
       diese Mehrheit in Reichweite.
       
       Dennoch ist die Schlacht um Mercosur noch nicht verloren. Zum einen rollt
       eine neue Protestwelle an, die die Zustimmung erschweren dürfte. Zum
       anderen hat das Europaparlament ein Wörtchen mitzureden. Da gehen die
       Bedenken quer durch alle Fraktionen. Die letzte Schlacht könnte spannend
       werden.
       
       6 Sep 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Freihandelsabkommen-mit-Suedamerika/!6108009
 (DIR) [2] https://umweltinstitut.org/welt-und-handel/meldungen/showdown-um-den-eu-mercosur-deal/
 (DIR) [3] /EU-Mercosur-Abkommen/!6098758
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eric Bonse
       
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