# taz.de -- Longevity-Forschung: Der Traum vom langen Leben
       
       > Altersforschung zeigt, dass man seine Lebensspanne durchaus verlängern
       > kann. Viele andere Versprechungen der Longevity-Szene sind jedoch
       > überzogen.
       
 (IMG) Bild: Altern gilt heute nicht mehr als rein schicksalhafter Prozess
       
       „Bleibe jung – lebe länger!“ – was klingt wie ein aktueller
       Gesundheitsratgeber, ist tatsächlich ein Bestseller aus dem Jahr 1951. Der
       Autor Gayelord Hauser propagierte darin vor allem eine Vollwertkost
       angereichert mit Trockenmilchpulver, Hefeextrakt und Melasse. „Ich habe
       alles und jedes über das Thema Langlebigkeit verschlungen“, schreibt er.
       „Warum? Nun, weil ich wenigstens hundert Jahre leben möchte.“
       
       Der aktuelle Boom rund um „[1][Longevity]“, also ein möglichst langes und
       gesundes Leben, ist damit weniger ein neuer Trend als die Neuauflage einer
       uralten Sehnsucht. Die Fortschritte in der Altersforschung lassen den Traum
       nach Langlebigkeit nun in greifbare Nähe rücken – im Windschatten segelt
       jedoch weiterhin viel Scharlatanerie und Abzocke.
       
       Doch zuerst die guten Nachrichten: Forschende wissen heute deutlich besser,
       welche Prozesse den Verfall des Körpers antreiben. Zellschäden durch freie
       Radikale oder chronische Entzündungen zählen dazu. Auch die Mitochondrien,
       die „Kraftwerke“ der Zellen, verlieren mit der Zeit an Leistungsfähigkeit.
       
       In der Folge entstehen sogenannte „seneszente“ Zellen – funktionslose
       Zellen, die sich nicht mehr teilen, aber auch nicht absterben und sich im
       Gewebe anreichern. Diese Entwicklung setzt bereits vergleichsweise früh
       ein, etwa ab dem 30. Lebensjahr. Aktuelle Studien belegen, dass Menschen,
       die nach 1965 geboren sind, sogar schneller altern als die Generation
       davor.
       
       ## Altern, ein gestaltbarer Prozess
       
       Das wachsende Wissen um Alterungsprozesse auf molekularer Ebene hat nun die
       Perspektive verändert. Altern gilt heute nicht mehr als rein
       schicksalhafter Prozess. „Altern ist vielmehr gestaltbar“, sagt Hubert
       Trübel, Mediziner und Autor des Buches „Longevity – die
       Anti-Bullshit-Formel“.
       
       Was beeinflusst nun die Alterungsprozesse? Natürlich ist das Alter selbst
       ein Faktor, wie gesund die Organe sind, das Geschlecht ist ein zweiter. So
       erfreuen sich Frauen meist einer größeren Lebensspanne als Männer. Aktuelle
       Forschung zeigt: Auch traumatische Erlebnisse oder extreme Hitze belasten
       den Körper so, dass die Altersuhr verstellt werden kann. Zudem [2][spielen
       Gene eine Rolle] – all das sind Faktoren, die man als Individuum nicht
       beeinflussen kann.
       
       Allerdings zeigte eine groß angelegte Studie letztes Jahr, dass
       Lebensstilfaktoren deutlich mehr Einfluss auf die Lebensspanne haben als
       die Genetik. Es gibt nur einige wenige Krankheiten, bei denen Erbanlagen am
       größeren Hebel sitzen. „Der Einfluss der Gene wird auf etwa 10 bis 15
       Prozent geschätzt“, sagt Joris Deelen vom Max-Planck-Institut für Biologie
       des Alterns [3][gegenüber Zeit Online].
       
       Bei den Lebensstilfaktoren ist es wiederum die [4][Ernährung, die dabei
       eine Schlüsselrolle spielt]. Ein Blick auf sogenannte „Blue Zones“ liefert
       dafür eindrückliche Beispiele. In Regionen wie Okinawa in Japan oder
       Cilento in Italien erreichen Menschen überdurchschnittlich häufig ein hohes
       Alter – und bleiben dabei oft lange gesund. Hochbetagte im Cilento hatten
       [5][in der CIAO-Studie] laut ihrer Blutwerte ein um 8,3 Jahre jüngeres
       biologisches Alter. Das wird einerseits auf ihre kalorienarme, mediterrane
       Ernährungsweise mit viel Olivenöl zurückgeführt. Starkes Übergewicht kommt
       in den Blue Zones hingegen praktisch nicht vor.
       
       Andererseits waren die 100-jährigen Italiener in der CIAO-Studie auch
       erstaunlich geistig fit und emotional stabil. Ursache dafür könnte sein,
       dass die Hochbetagten sozial stark eingebunden waren, aber auch Hobbys nach
       gingen, wie Rätsel lösen, kreativ sein oder musizieren. „Einsamkeit und das
       Gefühl ‚nicht mehr gebraucht zu werden‘, ist umgekehrt mit einer kürzeren
       gesunden Lebensspanne assoziiert“, sagt Trübel. „Ich empfehle daher die
       bewusste Pflege von Kontakten, Vereinsaktivitäten sowie ehrenamtliche
       Rollen.“
       
       ## Nicht rauchen, nicht saufen, nicht stressen
       
       Gut belegt sind auch die Effekte von weiteren klassischen Elementen eines
       gesunden Lebensstils: Verzicht auf Nikotin und größere Mengen Alkohol,
       regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf und ein möglichst niedriger
       Stresspegel. Stressreduktion etwa durch Yoga oder Medikation scheint also
       Sinn zu ergeben. Bemerkenswert ist dabei, dass Veränderungen auch im
       höheren Alter noch Wirkung zeigen können.
       
       Es ist, so legen Studien nahe, nie zu spät, gesunde Gewohnheiten zu
       entwickeln. Laut einer russischen Studie aus dem Jahr 2021 kann mithilfe
       eines guten Lebenswandels, einer robusten Genetik sowie einem Quäntchen
       Glück die Lebenspanne bis maximal 150 Jahre ausgeweitet werden.
       
       Jenseits von einfacher Prävention hat sich der Traum von einem langen und
       gesunden Leben zu einem milliardenschweren Markt entwickelt. Dieser reicht
       von Nahrungsergänzungsmitteln, Wearables und Apps über Diagnostik zu
       dubiosen Verjüngungskuren in Anti-Aging-Kliniken. Fachleute beobachten den
       wachsenden Markt skeptisch. Viel davon wird zwar intensiv erforscht,
       allerdings hält nicht jede Kur, was sie verspricht.
       
       „Für Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel ist meist kein Nutzen belegt,
       sie sind nur bei einem nachgewiesenen Mangel sinnvoll“, sagt Trübel. „Der
       Effekt von Omega-3-Fettsäuren ist zum Beispiel klein.“ Auch für das
       hochgehandelte Spermidin, das natürlicherweise in Soja, Weizenkeimen und
       Käse vorkommt, fehlende Wirkungsnachweise, wenn man sie in
       hochkonzentrierten Kapseln aufnimmt.
       
       ## Mit Daten den Körper hacken
       
       Neben Vitaminpülverchen ist in der Longevity-Szene auch die
       Selbstvermessung angesagt. Mithilfe von Biomarkern und digitalen
       Technologien sollen individuelle Risikoprofile erstellt werden, um
       Krankheiten frühzeitig zu erkennen oder ganz zu verhindern – „Biohacking“
       wird das genannt.
       
       Zu den bekanntesten Selbstoptimierern gehört der 47-jährige US-Unternehmer
       Bryan Johnson, der seinen biologischen Alterungsprozess umkehren will. In
       seinem Projekt „Blueprint“ lässt er täglich Unmengen an Biodaten erfassen,
       sein Alltag ist minutiös geplant, mit festen Schlafzeiten, veganer
       Ernährung, zahlreichen Nahrungsergänzungsmitteln sowie striktem
       Fitnesstraining.
       
       Zudem testet er am eigenen Leib Verjüngungskuren, die bislang keine belegte
       Wirkung haben. So hat er sich zum Beispiel Blutplasma seines Sohnes
       injizieren lassen. Der Hintergrund: Im Tierversuch konnte man bei den
       Organen einer Maus durch das Blut einer jüngeren Maus Alterungsprozesse
       umkehren. Laut seinen Biomarkern soll Johnson im Schnitt 5 bis 10 Jahre
       jünger sein als sein reales Alter.
       
       In der Verjüngungsmedizin werden auf Selbstzahlerkosten auch Kältekammern,
       Rotlichtbestrahlung oder eine Behandlung mit medizinischem Sauerstoff
       eingesetzt. Auch hier ist nicht belegt, ob das Alterungsprozesse
       verlangsamt. Teils werden auch Wachstumshormone in Anti-Aging-Praxen
       verabreicht – eine Methode, die nicht nur wirkungslos, sondern umgekehrt
       krebsfördernd sein könnte.
       
       ## Medikamente gegen das Altern
       
       In der seriösen Medizin wird an anderen medikamentösen Eingriffen in den
       Alterungsprozess geforscht. Ein Ansatz sind sogenannte Senolytika –
       Wirkstoffe, die seneszente Zellen gezielt abbauen sollen. „Dasatinib, ein
       Medikament gegen Krebs, und Quercetin, ein sekundärer Pflanzenstoff aus der
       Gruppe der Flavonoide, zählen zu den am besten untersuchten Substanzen“, so
       Trübel. Erste Humanstudien laufen derzeit.
       
       Auch andere Strategien werden getestet. Das Medikament Rapamycin, das unter
       anderem bei Transplantationen zum Einsatz kommt, verlängerte ebenfalls in
       Studien die Lebensdauer von Mäusen. Es dämpft in Zellen zum Beispiel
       Entzündungsprozesse und macht den Stoffwechsel effizienter. Doch auch hier
       fehlen Humanstudien.
       
       Moderne Gentechnologien wie CRISPR eröffnen darüber hinaus die Möglichkeit,
       altersrelevante Gene gezielt zu verändern oder Zellen zu reprogrammieren.
       Dazu müssten Gentherapien entwickelt werden. Derzeit gehen entsprechende
       Experimente jedoch mit erheblichen Nebenwirkungen einher. Einige Forscher
       bezweifeln, dass es jemals eine entsprechende „Wunderpille“ geben wird.
       
       Mit dem Fortschritt der Longevity-Forschung wachsen auch die
       gesellschaftlichen und ethischen Fragen. Schon heute sind viele der neuen
       Therapien teuer und nur für Gutbetuchte zugänglich. Kritiker warnen vor
       einer möglichen „Zwei-Klassen-Gesellschaft des Alterns“. Gleichzeitig will
       man sich nicht vorstellen, welche Folgen eine deutlich steigende
       Lebenserwartung für Rentensysteme, Arbeitsmärkte und soziale Strukturen
       hätte.
       
       Und auch nicht jede oder jeder möchte steinalt werden. Ein Meinungsbild
       unter unseren österreichischen Nachbarn hat im Jahr 2019 gezeigt, dass
       immerhin ein Viertel der Befragten nicht ihren 150. Geburtstag erleben
       wollen, auch wenn dieser in guter Gesundheit vonstatten geht. Gayelord
       Hauser hätte diese Frage vermutlich anders beantwortet. Er ist mit seinen
       damals bescheidenen Mitteln immerhin fast 90 Jahre alt geworden – und das
       offenbar in sehr guter Gesundheit.
       
       18 Apr 2026
       
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