# taz.de -- Longevity-Bewegung: Macht ohne Ende
       
       > Autokraten sinnieren vom ewigen Leben, Tech-Bros stecken Milliarden in
       > die Longevity-Forschung. Über die gefährliche Obsession mit der
       > Unsterblichkeit.
       
 (IMG) Bild: Im September 2025 unterhielten sich Xi Jinping und Wladimir Putin über die Frage, wie man das Altern herauszögern könnte
       
       Bryan Johnson will den Tod besiegen. 130 Pillen und
       Nahrungsergänzungsmittel schluckt er dafür täglich. Sein Körper folgt einem
       straffen Regiment, einem optimierten Protokoll: Ernährung, Schlaf, Bewegung
       und medizinische Interventionen – nichts überlässt der 47-jährige
       Milliardär dem Zufall. Sogar das Blutplasma seines Sohnes ließ er sich
       mehrmals injizieren. Für sein Anti-Aging-Programm hat er Millionen Dollar
       ausgegeben. Rund um die Uhr vermisst er seinen Körper, steckt die Daten in
       Algorithmen und teilt sie als vermeintliches Forschungsprojekt im Netz.
       
       Johnson gilt als Pionier der sogenannten [1][Longevity-Bewegung], die
       besonders reiche Tech-Unternehmer zu faszinieren scheint. Deren größte
       Verfechter sind bekannte Namen: Paypal- und Palantir-Gründer Peter Thiel,
       Amazon-Chef Jeff Bezos, Sam Altman, CEO des KI-Riesen OpenAI, oder der
       russische Unternehmer Dmitri Izkow – zusammen bilden die Milliardäre das
       finanzielle Rückgrat der Verjüngungsforschung, in der Hoffnung, selber von
       ihr zu profitieren.
       
       Vom Umprogrammieren der Gene und Zellen bis zu Blutplasmatransfusionen: Die
       Bewegung lässt nichts ungetestet. Manches ist fundiert, manches ist
       Esoterik, alles ist teuer. Es geht nicht nur darum, länger gesund zu
       bleiben, die Lebensspanne soll maximiert werden. Manche wollen sich gar
       unsterblich machen. Und das ist ein Problem.
       
       Erst im September 2025 hielten Chinas Staatschef Xi Jinping und Russlands
       Präsident Wladimir Putin einen Plausch, bei dem das chinesische
       Staatsfernsehen sie eher zufällig überhörte. Mit Anfang 70 sind beide nicht
       mehr die Jüngsten. Beim Spaziergang in Peking behauptete Putin, mit
       [2][Organtransplantationen] könne man „das Altern auf unbestimmte Zeit
       hinauszögern“. Schon in diesem Jahrhundert könnten Menschen 150 Jahre alt
       werden, entgegnete Xi.
       
       ## Ab welchem Lebensjahr soll Schluss sein?
       
       Nur eben nicht alle Menschen. Für die breite Masse sehe Putin solche
       lebensverlängernden Maßnahmen nicht vor, lässt er die Öffentlichkeit später
       bei einer Pressekonferenz wissen. Ohnehin könnten sich die allermeisten
       Menschen zwischen Lohnarbeit, Kindern und knappen finanziellen Ressourcen
       ein so striktes Programm wie das von Bryan Johnson kaum leisten. Der Traum
       vom ewigen Leben ist in seinem Wesenskern ein antidemokratisches
       Elitenprojekt – und das nicht nur, weil libertäre Superreiche und
       Autokraten Freunde der Idee sind.
       
       Dabei wirkt ein langes, gesundes Leben zunächst einmal erstrebenswert.
       Innerhalb der vergangenen hundert Jahre konnte die Menschheit die
       Kindersterblichkeit eindämmen, manche Krankheiten fast vollständig
       ausrotten. Die moderne Medizin heilt Menschen von Infektionen, die früher
       ein Todesurteil bedeutet hätten. Während die Lebenserwartung 1950 weltweit
       bei 46 Jahren lag, steht sie heute bei 73. Warum sollten wir also gerade
       bei der Altersforschung eine rote Linie ziehen? Ab welchem Lebensjahr soll
       denn Schluss sein – 150 dürfen noch alle werden, aber darüber hinaus
       reicht’s?
       
       [3][Liberale Demokratien] haben den Anspruch, die Freiheit des Individuums
       zu garantieren. Man könnte sogar argumentieren, dass es genau diesem Ziel
       dienlich wäre, wenn alle Menschen Zugang zu Mitteln erhielten, die uns
       gesund und lange leben ließen. Und sind wir im Kampf gegen den Tod nicht
       längst allesamt eifrige Mitstreiter*innen? Die Effekte von Lebensstil und
       Umwelteinflüssen sind gut untersucht. Viele von uns versuchen sich im
       Alltag ausgewogen zu ernähren, ausreichend zu bewegen, nicht zu rauchen,
       keinen Alkohol zu trinken, sieben bis neun Stunden zu schlafen, Stress zu
       vermeiden und gesunde soziale Beziehungen zu führen.
       
       Aber was unterscheidet dann die Longevity-Bewegung von unserem alltäglichen
       Versuch, gesund und glücklich zu sein?
       
       Vielleicht liegt die Antwort auch darin, dass der Versuch, ein
       „Unsterblichkeits-Elixier“ zu finden, eigentlich nur eine Entwicklung auf
       die Spitze treibt, die unsere Gesellschaft ohnehin prägt. Denn schon heute
       ist die Länge eines Lebens maßgeblich an den Reichtum einer Person
       gebunden. So ergab eine Untersuchung des Deutschen Instituts für
       Wirtschaftsforschung 2008, dass wohlhabende Männer 14 Jahre länger leben
       als arme Männer. Bei Frauen betrug die Differenz acht Jahre. Und auch eine
       Verjüngungsbehandlung wäre voraussichtlich so kostspielig, dass sie sich
       nur die Reichsten leisten könnten.
       
       Fortschritte in der Longevitiy-Forschung dürften die Lebensspannen zwischen
       reichen und armen Menschen also immer weiter auseinandertreiben. Und da
       auch der Kapitalmarkt jeglicher Krise zum Trotz immer weiter wächst,
       könnten die Peter Thiels dieser Welt in ihrem immer länger währenden Leben
       weiter Kapital anhäufen. Dabei zeigt sich schon heute, wie Thiel und Co ihr
       Kapital nutzen, um durch Lobbyarbeit gezielt demokratische Prinzipien zu
       unterminieren.
       
       ## Der Tod ermöglicht neue Erzählungen
       
       Wohin dies führen könnte, zeigt eine Metapher, mit der die
       Longevity-Bewegung ihr Ziel umreißt. Sie bezieht sich auf die
       Geschwindigkeit, die eine Rakete erreichen muss, damit sie der
       Erdgravitation entkommen kann. Diese sogenannte Fluchtgeschwindigkeit
       beschreibt, übertragen auf die Longevity-Bewegung, den Punkt, an dem der
       medizinische Fortschritt schneller und effektiver ist als das biologische
       Altern. Ist dieses Forschungstempo erreicht, dann entkommt man wie die
       Rakete der Erdanziehung dem Altern. Von den Tech-Milliardären gehypte
       Altersforscher wie Aubrey de Grey oder Ray Kurzweil meinen, dass die
       Forschung diese sogenannte Longevity Escape Velocity in näherer Zukunft
       erreichen könnte.
       
       Doch die unendliche Akkumulation von Lebenszeit, die sich in diesem Traum
       verbirgt, ist in ihrem Wesenskern antidemokratisch. Denn die Demokratie
       selbst definiert sich durch die Endlichkeit, die Begrenztheit der Macht
       einzelner. Nicht umsonst gibt es in Demokratien üblicherweise
       Amtszeitbeschränkungen. Und nicht ohne Grund sind es genau jene
       Begrenzungen, die Autokraten wie Putin, Xi oder Trump oft als Erstes zu
       demontieren versuchen.
       
       Dabei hat der Tod durchaus etwas Tröstliches. Auch wenn sich ein
       autoritärer Führer, ein Diktator oder gewählter Amtsträger jahrzehntelang
       an die Macht klammern konnte: Irgendwann ist sein Leben zu Ende. Der Tod
       kann ermöglichen, dass etwas Neues entsteht – ein frischer Gedanke, eine
       jüngere Perspektive, eine neue Erzählung. Anders als beispielsweise im
       nationalsozialistischen Faschismus, wo die Unendlichkeit in Form des
       Tausendjährigen Reiches, das ewig fortbestehen solle, ein tragendes Motiv
       darstellte.
       
       ## „Verschiebung dessen, was den Menschen ausmacht“
       
       Die Longevity-Bewegung sieht das Altern als eine Krankheit, die überwunden
       werden kann, werden muss. Ganz so, als reihe sich das Streben nach
       Unsterblichkeit natürlicherweise in die Liste der großen Errungenschaften
       ein. Der Philosoph Christian Illies von der Universität Bamberg sieht in
       diesem Narrativ des „Alterns als Krankheit“ eine gezielte Strategie der
       Longevity-Apologeten, um ihre antidemokratischen Forschungsprojekte zu
       legitimieren. Dadurch werde verwässert, „dass hier eine grundsätzliche
       Neubestimmung und Grenzverschiebung dessen, was den Menschen ausmacht,
       angetrieben wird“, sagt Illies.
       
       „Die Grenze des Todes hat eine grundsätzliche Qualität, weil sie dem Leben
       überhaupt Sinn und Bedeutung schenkt“, meint Illies. Wer begrenzt lebt,
       kann nur begrenzt lieben und gestalten.
       
       Durch den Tod gewinnt das Leben an Wert. Die eigene Endlichkeit zu
       respektieren, bedeutet also, eine Gebrechlichkeit mitzudenken. Daraus, so
       argumentiert Illies, bilden sich auch über die verschärfte Ungleichheit
       hinaus demokratische Tugenden, die das gemeinschaftliche Gestalten
       überhaupt erst möglich machen.
       
       Damit Demokratien funktionieren, braucht es also den Tod. Denn nur er
       schafft immer wieder den Raum, den neue Generationen gestalten können.
       
       17 May 2026
       
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