# taz.de -- Schönheits-Hype um Peptide: Einfach mal spritzen
       
       > Der Wunsch zur Selbstoptimierung verdrängt oft Skepsis. Auch bei
       > Peptiden. Die sollen Schlaf und Schönheit helfen, sind aber in
       > Deutschland nicht zugelassen.
       
 (IMG) Bild: Etwas pipettiert, in die Spritze aufgezogen und schon ist die Selbstoptimierung komplett
       
       Spritz dir diese neuen Mittel vom Graumarkt! Dann kannst du einfach auf dem
       Sofa liegen, während dein Körper ein Hochleistungstraining durchläuft.
       Deine Leistungsfähigkeit wird steigen, ganz ohne Sport. Du brauchst weniger
       Schlaf. Deine Haut wird strahlen. Dein Genom erfährt einen Reset. Die irre
       Rede ist von Peptiden.
       
       Fast jede Maladie soll mit einer Spritze zum Verschwinden gebracht werden.
       Spritzen-Mixe heißen Glow Stack oder Wolverine Stack. Was sie bewirken
       sollen, zeigen die Spritzer*innen online mit Vorher-nachher-Slideshows:
       Ein Gesicht, das vor vier Wochen noch müde und grau aussah – nun mit
       strahlender Haut und klarem Blick; ein athletischer, fast ausgezehrter
       Körper mit Muskelrelief, der vor Kurzem noch gemütlicher wirkte. Zeigt man
       Interesse an der innovativen Selbstbehandlung, schreiben einem umgehend
       Accounts per Direktnachricht. Man solle sich auf Whatsapp melden, dort
       könne man die Mittel ganz einfach bestellen. Mit kosmetischen Hilfsmittel
       wird plötzlich gehandelt wie mit Kokain und Ketamin – denn diese Drogen zu
       besorgen, ist inzwischen so leicht, dass man auch mal vergessen kann, dass
       sie verboten sind.
       
       [1][„Biohacking“: Darunter versteht ein extrem wohlhabender Teil der
       Gesellschaft eine Methodik, die das Leben verlängern soll]. Für
       Schönheitsarbeiter*innen und Selbstoptimierende ohne Tech-Milliarden
       aber versprechen die gerade skizzierten Eingriffe in körperliche
       Stoffwechselprozesse vor allem schnelle Attraktivitätsvorteile.
       Erkenntnisse über Langzeitwirkungen, die vielleicht sogar schaden, statt
       das Leben zu verlängern, gibt es nicht. Angesichts multipler Weltkrisen
       kann es als guter Deal erscheinen, lieber schnell noch das Bestmögliche für
       sich rauszuholen, bevor alles den Bach runtergeht.
       
       Peptide sind Aminosäureketten, die „Befehle an den Körper geben“, die der
       dann ausführe. So erklärt es ein Youtuber, der zum Thema Biohacking auch
       eine „Masterclass“ anbietet. Eine Masterclass ist ein aufgezeichneter
       Video-Kurs, meist hinter einer harten Paywall. Wie solch ein Premium-Abo
       schaltet angeblich auch die Peptidspritze neue Fähigkeiten des Leibes frei.
       Wohin die Reise in der Masterclass nicht gehen wird, macht ein Disclaimer
       vor der Paywall klar: „Die Darstellung erfolgt rein informativ und stellt
       keine Empfehlung zur Anwendung, Beschaffung oder Selbstmedikation dar.“
       
       Sehr anständig, keine Kaufanleitung zu geben! Immerhin sind diese Peptide
       in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen. Der freie Wille, sich
       selbst dennoch in den vermeintlichen Jungbrunnen zu werfen, wird dann aber
       mit solchen Aussagen aufgespritzt: „Jeder Mensch, der sich in Deutschland
       mit Biohacking, mit Optimierung auseinandersetzen möchte, ist gezwungen,
       sich diese Peptide über solch einen inoffiziellen Weg zu besorgen. Und das
       machen einem die Hersteller auch sehr einfach, die sind inzwischen wie
       Amazon.“ 
       
       ## Scheidenflora: exzellent!
       
       Die Pharmazeutische Zeitung schreibt, der Hype um Peptide sei ausgelöst
       worden „durch zugelassene GLP-1-Agonisten wie Semaglutid oder den dualen
       GLP-1/GIP-Agonisten Tirzepatid, die als Antidiabetika, aber auch zur
       Gewichtsreduktion eingesetzt werden“. Die meisten kennen das unter dem
       Namen [2][Ozempic, die „Abnehmspritze“], die auch in Deutschland
       verschrieben werden kann. In den USA sind weitere Peptide bereits
       zugelassen. Und US-Gesundheitsminister und Pharmaskeptiker Robert Kennedy
       Jr. signalisierte im Februar, noch mehr Lockerungen ermöglichen zu wollen.
       
       Dass Biohacker, gerade aus der Tech-Branche, „hohe
       Experimentierbereitschaft bei der Selbstoptimierung“ zeigen, so die
       Pharmazeutische Zeitung, exemplifizierte besonders Bryan Johnson. Der
       Tech-Unternehmer wurde mit seinem Versuch bekannt, dem Alterungsprozess
       mittels experimenteller Behandlungen davonzusprinten. Jüngst teilte er eine
       Infografik, der die Welt entnehmen konnte, [3][wie es um die Scheidenflora
       seiner Partnerin steht]: exzellent natürlich, 100 von 100 möglichen
       Punkten.
       
       Es ist anzunehmen, dass überreiche Menschen wie Bryan Johnson von
       ausgebildeten Mediziner*innen begleitet werden, die ihnen die
       informierte Risikobewertung erleichtern können. Aber was machen nun die,
       die selbst noch nach Überreichtum, Übergesundheit und
       Überleistungsfähigkeit nur streben? Menschen, die dem oben zitierten
       Youtuber gelauscht haben, fragen sich, weshalb diese Wundermittel denn
       nicht von Ärzt*innen verschrieben werden. „Ab wann kann man mit einer
       Zulassung in Deutschland rechnen? Finde das total spannend und will alle
       vorgestellten haben …;-)“ Die erste Antwort eines Freigewillten darauf
       lautet: „Einfach bestellen“. Die zweite: „Vermutlich nie! Einfach
       bestellen, der Markt ist frei.“
       
       Skepsis, ja Antagonismus gegenüber Marktregulationen und Wissenschaft
       gesellt sich zum Interesse an Selbstoptimierung: Wären Peptide alle
       zugelassen, würde Big Pharma ja eh nur die Preise hochtreiben! Weil es noch
       keine Studien zu Langzeitwirkungen gibt, nehmen Anwender*innen die
       unbekannten Risiken einfach in Kauf. Bedenken werden weggeschoben: Die
       tägliche Nahrung sei wahrscheinlich ungesünder als so eine kleine Spritze,
       so rauscht es im Netz.
       
       ## Wo bekomm ich das?
       
       Und in Deutschland? Nur eine zarte Membran aus deutschen
       Zollbeamt*innen schützt die Selbstoptimierer*innen vor der
       Erfüllung ihrer Wünsche. Wer seiner Peptide dennoch habhaft wurde, muss
       sich nur noch trauen, die Spritze zu setzen. Die Anwendung soll einfach
       sein, viel leichter als zum Beispiel Anabolika: „Peptide kannst du dir
       eigentlich überall reinspritzen“, sagt der Youtuber.
       
       Im Subreddit r/DIYaesthetics teilen Menschen Erfahrungen mit kosmetischen
       Eigenbehandlungen. Als ginge es ums Haareselbstfärben, werden
       Kieferkonturen normiert oder die Lippenfülle dem Zeitgeschmack angeglichen.
       Mit Säure abgeschälte Handrücken, die nun weniger Pigmentflecken zeigen,
       oder im heimischen Badezimmer geglättete Fältchen erfahren Bewunderung aus
       der Community. „Mein Ergebnis gefällt mir besser als das der Profis,
       wahrscheinlich verdünnen die das Botox zu sehr.“ Und das für einen
       Bruchteil der Kosten.
       
       Wo haben die Menschen das Botox her? Sie bestellen es online, desinfizieren
       Einmalspritzen mit Chlorox und hauen es sich unter Zuhilfenahme
       anatomischer Grundkenntnisse in Stirn, Wange oder Hals. Natürlich finden
       sich hier auch Peptid-Anwender*innen. Dass die Peptide nicht für den
       Gebrauch am Menschen, sondern für „Research Purposes“ gelabelt sind, also
       etwa für [4][Tierversuche], schreckt niemanden ab. Denn das muss ja so,
       noch: wegen des Zolls.
       
       3 Jun 2026
       
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