# taz.de -- Linke, SPD und Grüne am Mikrofon: „Genau, finde ich superwichtig!“
       
       > Der Trend geht zum rot-rot-grünen Podcast. Wie Bundestagsabgeordnete
       > versuchen, ein Linksbündnis zurück auf die Tagesordnung zu bringen.
       
 (IMG) Bild: Themen setzen ohne störende Nachfragen: Heidi Reichinnek (r.), Ricarda Lang und Rasha Nasr (l.) am Podcasttisch
       
       Es gibt einen Ort im Internet, an dem sich gerade etwas Ungewöhnliches tut
       – Linke machen sich dort Hoffnung. Dieser Ort befindet sich [1][unter einem
       Youtube-Video] aus der vergangenen Woche. Knapp 1000 Kommentare haben sich
       da angesammelt, fast alle klingen begeistert: „So verdammt wichtig!“, „Ein
       tolles Zeichen!“, „Das ist so super!“, „Ihr drei habt mir den Tag versüßt!“
       Sollten die Kommentator*innen nicht bezahlt sein, hat das Video einen Nerv
       getroffen.
       
       Was die User*innen so euphorisiert: Drei Bundestagsabgeordnete von
       Linkspartei, SPD und Grünen sitzen an einem Tisch und unterhalten sich.
       Linke-Fraktionschefin [2][Heidi Reichinnek] hat die Ex-Grünen-Vorsitzende
       [3][Ricarda Lang] und Rasha Nasr von der SPD in ihren Podcast eingeladen.
       Eine halbe Stunde lang sprechen sie über Frauenfeindlichkeit, die Macht der
       Techkonzerne und Strategien gegen den Rechtsruck.
       
       Die drei sitzen nicht zum ersten Mal zusammen. Als im Juli 2025 im
       Bundestag die Wahl von [4][Frauke Brosius-Gersdorf] zur
       Verfassungsrichterin platzte, nahmen sie ein gemeinsames Protestselfie auf.
       Das Foto sollte zeigen, dass „auch eine andere Politik möglich ist“, sagt
       Lang jetzt im Podcast. „Viele Leute“ hätten schon da gesagt: „Geil, das
       gibt uns wirklich mal Hoffnung.“ Daher die Idee zum Podcast, der ab jetzt
       öfter in dieser Konstellation erscheinen soll.
       
       Ein antizyklisches Konzept. In Umfragen ist Rot-Rot-Grün weit weg von einer
       Mehrheit. In letzter Zeit haben die Grünen zwar leicht zugelegt, aber nur
       auf Kosten der SPD. Wäre jetzt Bundestagswahl, wären die entscheidenden
       Fragen, ob Friedrich Merz oder Alice Weidel auf Platz eins landet und ob
       Schwarz-Grün Schwarz-Rot ablöst. Eine Machtperspektive, die Menschen links
       der Mitte mobilisiert, ist für die Wahl 2029 nicht in Sicht.
       
       ## „Da krieg ich sofort Puls“
       
       Sie ist höchstens zu hören, nicht nur bei Reichinnek und Co. Deren neues
       Projekt hat ein Vorbild. Drei weniger prominente Abgeordnete begründeten
       schon vor einem Jahr das Genre der R2G-Podcasts. In [5][„Tassenkontrolle“]
       sprechen Maja Wallstein (SPD), Ateş Gürpınar (Linke) und Johannes Wagner
       (Grüne) miteinander. „Es gibt gerade überhaupt keine progressiven
       Mehrheiten, und das muss sich bis 29 drehen“, sagt Wagner in der aktuellen
       Folge über die Intention. „Dieses Projekt hier hat das Ziel, dass wir als
       progressive Parteien miteinander reden und es im besten Fall in drei Jahren
       eine Regierungsoption gibt.“
       
       Ausgesprochen nachsichtig gehen die Abgeordneten im Podcast miteinander um.
       In mittlerweile zehn Folgen bleibt Dissens zwar nicht aus, die drei tragen
       ihn aber nicht talkshowmäßig mit Ellbogen aus. Dafür können sie sich auf
       einen gemeinsamen Gegner einigen. Als es um einen Bundestagsauftritt des
       Kanzlers geht, sagt sogar die Koalitionsabgeordnete Wallstein: „Da krieg
       ich sofort Puls.“
       
       Noch harmonischer präsentieren sich Reichinnek, Lang und Nasr in ihrem
       Gespräch. Ständig sagt jemand „Genau!“ oder „Finde ich superwichtig!“. Was
       kein Zufall ist, sondern Konzept. Lang erwähnt die US-Demokratin Alexandria
       Ocasio-Cortez, die kürzlich in Berlin war. „AOC“ habe gesagt: „Ey, in
       diesen Zeiten müssen wir klarhaben, wo der politische Gegner steht.“ SPD,
       Grüne und Linke sollten sich darauf konzentrieren, gemeinsame Mehrheiten zu
       organisieren, statt auf „ein Infighting, wer der bessere Linke ist“. Neben
       ihr nickt Nasr von der SPD: „Fand ich ehrlicherweise auch den stärksten
       Punkt.“
       
       Der Ansatz erklärt auch, warum die Geburtshilfe für Rot-Rot-Grün derzeit
       vor allem in Podcasts stattfindet. Dort kann man die Themen selbst setzen,
       unbehelligt von Journalist*innen. Anders als in TV-Runden oder in
       gemeinsamen Interviews, in denen Moderator*innen auf Punkten herumreiten,
       die Grüne, SPD und Linke trennen.
       
       ## Vertrauensbildende Maßnahmen
       
       Es ist aber auch einfach nicht so, dass alle in den drei Parteien nur
       darauf aus sind, Signale der Gemeinsamkeit zu senden. Das liegt an den
       inhaltlichen Differenzen, die es selbst zwischen linken Grünen und mittigen
       Linken gibt, an der Konkurrenz um Wählergruppen und an Verletzungen, die
       daraus entstehen. Man kann das aus Bundestagsreden und Gesprächen
       heraushören, manchmal sieht man es auch in der Zeitung.
       
       Die taz suchte kürzlich nach Gesprächspartner*innen für ein links-grünes
       Streitgespräch. Heidi Reichinnek hat an solchen konfrontativen Formaten
       weniger Interesse. Für die Linke kam Parteichefin Ines Schwerdtner, die
       ohnehin nicht aufs Regieren aus ist. Sie diskutierte mit
       Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge, und die beiden [6][lieferten, wofür
       die Redaktion sie angefragt hatte: Streit.]
       
       Jenseits der Podcasts ist von Versuchen linker Koalitionsanbahnung im
       Moment auch sonst wenig bekannt. Im Bundestag passiert so etwas klassisch
       über Gesprächskreise, in denen sich Abgeordnete nichtöffentlich treffen.
       Oft nehmen an solchen Runden nicht nur diejenigen Vertreter*innen der
       beteiligten Parteien teil, die ohnehin gut miteinander können, sondern auch
       solche, die weit auseinander sind. Das soll Vertrauen bilden.
       
       Der bekannteste Gesprächskreis ist die Pizzaconnection, in der sich in den
       Neunzigern erstmals Abgeordnete von Grünen und Union annäherten. Sie trifft
       sich auch in dieser Legislaturperiode. Journalist*innen müssten nicht lange
       herumtelefonieren, um Eckpunkte zu erfahren: [7][Vor wenigen Tagen wurden]
       Infos vom letzten Treffen im Februar lanciert.
       
       ## Wer Signale senden will, muss podcasten
       
       Auch auf der anderen Seite gab es früher solche Runden. In der Denkfabrik
       netzwerkten einst linke SPD-Abgeordnete gerne mit Grünen und Linken. Der
       letzte Eintrag auf der Website stammt aber von der Weihnachtsfeier 2023.
       Ein neuer rot-rot-grüner Gesprächskreis ist zwar im Aufbau.
       
       Mehrere Dutzend Abgeordnete kamen im Herbst erstmals zusammen, die
       Fortsetzung ist geplant. Mehr lässt sich zu dieser Runde aber partout nicht
       herausfinden. Anders als bei der Pizzaconnection halten die Beteiligten
       still. So richtig opportun ist es eben wirklich nicht bei allen in den drei
       Parteien, über ein Linksbündnis zu reden.
       
       Wer öffentlich Signale senden will, muss schon einen Podcast starten. Für
       die Diskutant*innen hat das immerhin noch einen Vorteil. Sie sprechen nicht
       nur mit anderen Abgeordneten, sondern auch zum Publikum. Im besten Fall
       schaffen sie darüber erst mal die Nachfrage nach Rot-Rot-Grün. Und ist die
       erst mal da, muss der Rest das Angebot schaffen.
       
       21 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=OBOolAvyfwI
 (DIR) [2] /Landtagswahl-in-Baden-Wuerttemberg/!6151564
 (DIR) [3] /Landtagswahl-in-Baden-Wuerttemberg/!6154429
 (DIR) [4] /Frauke-Brosius-Gersdorf-im-Gespraech/!6147056
 (DIR) [5] https://www.youtube.com/@Tassenkontrolle
 (DIR) [6] /Ines-Schwerdtner-vs-Katharina-Droege/!6161699
 (DIR) [7] https://table.media/berlin/talk-of-the-town/schwarz-gruen-warum-sich-cdu-und-gruene-nun-wieder-annaehern
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tobias Schulze
       
       ## TAGS
       
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