# taz.de -- Israel vor der Wahl: Wenn KI-Videos das Netz fluten
> Im israelischen Wahlkampf spielen KI-generierte Inhalte eine immer
> größere Rolle. Und KI wird auch genutzt, um das Regierungsimage
> aufzupolieren.
(IMG) Bild: Netanjahus Angstbotschaft: er oder die Opposition im Verbund mit den Arabern. Sein Slogan: „Rechts oder Palästina“
Unter dem Titel „die Masken abnehmen“, postet Noch-Premier [1][Benjamin
Netanjahu] im Rahmen des israelischen Wahlkampfs ein Video. Es zeigt seine
politischen Konkurrenten [2][Yair Lapid und Naftali Bennet] von der
Mitte-rechts-Partei B'Yachad. Sie umarmen sich, dann ziehen sie Masken von
ihren Gesichtern ab und zum Vorschein kommen die beiden
arabisch-israelischen Politiker [3][Mansour Abbas] und Ahmad Tibi.
Schließlich kommt noch Yair Golan von der Mitte-links-Partei Demokraten
hinzu und umarmt die beiden fröhlich.
Das Video hat eine offensichtliche Botschaft: Wer Lapid und Bennet wähle,
bekomme eine Koalition mit den arabisch-israelischen Parteien und den
Demokraten. Und wer das nicht wolle, müsse eben Netanjahu und seine
Likud-Partei wählen.
Und das Video hat einen offensichtlichen Ursprung: künstliche Intelligenz
(KI). Das Projekt „Ze Be AI“ der Open University in Israel dokumentiert
etwa 48.600 Posts in Zusammenhang mit den Wahlen, [4][davon enthalten fast
15 Prozent KI-generierte Inhalte].
Das von Netanjahu geteilte Video mit Lapid und Bennet ist auch für ungeübte
Augen als Fake zu erkennen. Bei anderen Bildern und Videos ist das viel
schwieriger. Etwa ein vermeintliches Foto, das Lapid und Bennet Hand in
Hand mit den Anführern der arabischen Parteien in Israel zeigt. Es ist
bearbeitet, auf dem Originalbild sind zwei andere Männer an ihrer Stelle zu
sehen.
## Polarisierung, Verleumdung, Desinformation
Der Inhalt ist derselbe – die Methode aber eine andere. Von „Deepfakes“ und
„Slopaganda“, einer Wortschöpfung aus Slop und Propaganda, spricht Tehilla
Shwartz Altshuler. Sie ist Senior Fellow am Israel Democracy Institute und
beschäftigt sich dort mit dem Einfluss von Technologie auf Demokratie. Der
Zweck der KI-generierten Wahlkampfinhalte: „Polarisierung fördern,
Konkurrenten verleumden, Desinformation verbreiten“.
Schon im Januar warnte sie in einem Blogpost für die Times of Israel: Die
Nutzung von KI im Wahlkampf werde die Demokratie im Land auf die Probe
stellen. Es ist der erste Wahlkampf in Israel, bei dem die Technologie eine
echte Rolle spielt.
Israels Wahlkommission hat auf das Problem mittlerweile reagiert; im Juli
stellte es Regeln dazu auf. KI-generierte oder mithilfe von KI manipulierte
Inhalte müssen nun als solche gekennzeichnet werden.
Auch die sephardisch-ultraorthodoxe Shas-Partei nutzt KI für ihren
Wahlkampf. Gekennzeichnet werden die Videos mit einem kleinen schwarzen
Feld, in dem „KI“ steht. In einem der von der Partei geteilten Videos ist
ein kleiner Junge zu sehen, dem im Kindergarten nicht etwa ein „Frohes
Hanukkah“ gewünscht wird, sondern ein „Hannu-Christmas“, also ein Mix
zwischen dem jüdischen Lichterfest und dem christlichen Weihnachten. Die
Botschaft der Partei: „Ein Staat wie alle anderen oder ein jüdischer Staat.
Ihr entscheidet“.
## Automatisierte Whatsapp-Posts dank künstlicher Intelligenz
Ob es eine solche Konversation in einem Kindergarten irgendwo in Israel
gegeben hat, ist fraglich. Doch um die Wahrheit, um Dinge, die wirklich
geschehen sind, geht es nicht. Mithilfe von KI könne man „eine alternative
Realität schaffen“, schreibt Tehilla Shwartz Altshuler.
Die Videos sind nicht das einzige Problem. Denn mithilfe von KI können
Kapazitäten an Arbeitskraft abgerufen werden, die in einem nur von Menschen
geführten Wahlkampf wohl deutlich teurer wären.
Das illustrierte jüngst ein Skandal rund um den Netanjahu-Berater Jonathan
Urich. Der ist kein Unbekannter: Im Qatargate-Skandal um den Einfluss
Katars auf Benjamin Netanjahu ist er derzeit Gegenstand von Ermittlungen.
Jüngst gab er zu, auch nach dem Angriff der Hamas und anderer
palästinensischer Milizen in Israel am 7. Oktober 2023 weiterhin mit Katar
gearbeitet zu haben. Israel wirft dem Golfstaat Unterstützung der Hamas
vor.
Netanjahus Vertrauen zu Urich scheint ungebrochen, er arbeitet weiter mit
ihm zusammen. Ein Projekt unter Urichs Beteiligung: „Alle 90 Sekunden
durchsucht ein KI-gestütztes Programm rund 50 Nachrichtenquellen nach
Erwähnungen von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, seiner Frau Sara
Netanjahu, der Likud-Partei und deren politischen Gegnern. Wenn das
Programm etwas Wichtiges entdeckt, schickt es eine Zusammenfassung an eine
von zwei WhatsApp-Gruppen“, berichtet die Jerusalem Post. Dank KI läuft das
Projekt quasi nebenher.
## Mit Fakestudien und Analysen ChatGPT füttern
Und die KI kommt nicht nur zu den Wählerinnen und Wählern, sondern sie auch
zur KI. Eine Studie der Israel Internet Association zeigte: 88 Prozent der
Befragten nutzen grundsätzlich ChatGPT, ein Viertel zieht es in Betracht,
ihre Wahlentscheidung mithilfe von KI-Programmen zu treffen.
Die Netanjahu-Regierung hat bereits investiert, um KI-Modelle wie ChatGPT
pro-israelisch beziehungsweise pro der derzeitigen Regierung zu
beeinflussen. Dafür werden Webseiten vermeintlich unabhängiger Institute
aufgesetzt, die dann Analysen und Kommentare im Sinne ihrer Auftraggeber
publizieren. Auf diese Inhalte sollen dann Programme wie ChatGPT zugreifen,
und sie in ihren sogenannten Denkprozess einbeziehen. Laut dem Portal
„Axios“ wurden für ein solches Projekt mehrere Millionen US-Dollar fällig.
Ob es ähnliche Initiativen auch für Pro-Netanjahu-Beeinflussung gezielt vor
den Wahlen gibt, ist bislang allerdings unklar.
Letztlich ist die Nutzung von KI nur ein Rad in einer gut geölten
Wahlkampfmaschine. Immer wieder postet Netanjahu Videos auf seinem
X-Account, die betonen: Achtung, die Oppositionsparteien wollen mit den
Arabern zusammenarbeiten. Um seine Botschaft rüberzubringen, braucht
Netanjahu keine KI.
22 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Lisa Schneider
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