# taz.de -- Leben, Begegnungen und Erfahrungen: Herr Bundespräsident, hier kommt Ihr Update
       
       > Vor zehn Jahren lernte unser Kolumnist Frank-Walter Steinmeier kennen,
       > der bat, auf dem Laufenden gehalten zu werden. Nun kommt unser Autor
       > seiner Pflicht nach.
       
 (IMG) Bild: Frank-Walter Steinmeier, der scheidende Bundespräsident
       
       Fast zehn Jahre sind vergangen, seit ich nach Deutschland gekommen bin.
       Einige Wochen nach meiner Ankunft nahm mich ein Kollege – praktisch an der
       Hand – mit ins Parlament. Die Türkei war zu der Zeit ein großes Thema,
       meine Kollegen in Istanbul waren gerade verhaftet worden. Und durch
       irgendeinen Zufall war ich, ahnungslos und blauäugig, auf einmal hier und
       schüttelte [1][Frank-Walter Steinmeiers] Hand.
       
       Das Einzige, was sich bewegte, waren seine zitternden Augen, die hinter
       seinen Brillengläsern immer kugeliger und tiefer zu werden schienen. Ich
       hatte das Gefühl, dass er mich musterte, mich spüren ließ, dass ich mich an
       einem Ort befand, an dem ich eigentlich nichts zu suchen hatte. Nach einer
       kurzen Pause sagte Steinmeier – der damals noch Außenminister war – etwas,
       von dem ich bis heute glaube, dass ich es falsch verstanden haben muss, so
       seltsam klang es: „Keep me updated.“
       
       Es war eine beiläufige Bemerkung, von der ich annahm, dass sie sich auf die
       [2][politischen Entwicklungen in der Türkei] bezog. Keep me updated:
       Irgendwie nah und doch distanziert – Politik eben. Von Anfang an war klar,
       dass ich ihn nicht updaten kann. Obwohl ich einmal in seinem Haus war und
       ein anderes Mal in seinem Garten gearbeitet habe, habe ich ihn seitdem
       nicht mehr gesehen.
       
       ## Steinmeier und Erdoğan
       
       Kurz nach unserer Begegnung wurde er Bundespräsident – und ich nach zehn
       Jahren, in denen ich dies und das gemacht habe, deutscher Staatsbürger.
       Steinmeier ist mein Präsident, genau wie Erdoğan. Wenigstens einer von
       beiden wird sein Amt niederlegen, wenn seine Amtszeit vorbei ist.
       
       Ich kann nicht sagen, ob Steinmeier gerade seinen „La Grazia“-Moment
       erlebt, jenen Moment aus Sorrentinos letztem Film, in dem der scheidende
       Präsident große Entscheidungen treffen muss und beginnt, über sein Leben
       und Vermächtnis nachzudenken. Oder ob er innerlich bereits ausgestiegen
       ist. So wie manche Menschen, die man an jedem Arbeitsplatz antrifft. Der
       Bellevue-Palast ist schließlich schon leergeräumt, wie es seine Gedanken
       sein könnten. Vielleicht freut er sich als Fan auch einfach darauf, dass
       Schalke 04 wieder in der Bundesliga spielt.
       
       ## Einblicke für den Bundespräsidenten
       
       Egal ob er nun über die großen oder kleinen Dinge nachdenkt: Diese Kolumne
       ist auf beide Fälle vorbereitet. Ich werde jetzt endlich meiner Pflicht
       nachkommen und das tun, worum mich Steinmeier vor genau zehn Jahren gebeten
       hat. Ich werde ihm berichten: von Leben, Begegnungen und Erfahrungen, die
       dem Bundespräsidenten sonst wahrscheinlich verschlossen bleiben.
       
       Und ich spreche nicht nur von Belanglosem: etwa von all den
       Späti-Schildern, die plötzlich pink werden; von den einfachen
       Tortilla-Chips, die aus den Supermarktregalen verschwinden; oder von den
       merkwürdigen Kindern, die ihren Müll durch offene Fenster in die Wohnungen
       fremder Menschen werfen.
       
       Diese Kolumne wird auch von den Menschen handeln, die in diesen
       [3][Wohnungen] leben, und von den Dingen, die sie tun, um dort weiterleben
       zu können. Von denen, die keine Wohnung haben. Von anderen, die jene nicht
       ertragen, sogar hassen. Von Menschen, die anderswo Häuser bauen, während
       sie sich hier zu Tode schuften, oder von denen, die vom Staat leben. Von
       Menschen, die hier und dort zugleich sind, die an beiden Orten und doch
       nirgendwo zu Hause sind.
       
       Also, Herr Bundespräsident, hier kommt Ihr Update.
       
       11 Sep 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ali Çelikkan
       
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