# taz.de -- Cosmo-Redakteur*in über Umbau: „Ich fühle mich ehrlich gesagt verarscht“
       
       > Der WDR möchte den einzigen interkulturellen Radiosender entkernen. Ein*e
       > Redakteur*in erzählt anonym, wie es der Redaktion mit dem Umbau geht.
       
 (IMG) Bild: Früher interkulturelles Aushängeschild und Stolz des WDR, und bald in der Versenkung verschwunden
       
       Das Interview wird ohne Klarnamen veröffentlicht, da die Person weiterhin
       im WDR arbeitet und geschützt über ihre Erfahrung sprechen will. Der Name
       ist der Redaktion bekannt. 
       
       taz: Der [1][Radiosender Cosmo] ist der einzige interkulturelle und
       mehrsprachige Radiosender der ARD. Ein Gemeinschaftsprojekt von WDR, Radio
       Bremen und RBB, vereint Journalist:innen aus über 20 Herkunftsländern.
       Was gefällt dir an der Arbeit für Cosmo? 
       
       Redakteur*in: Was mir besonders an Cosmo gefallen hat, ist der
       interkulturelle Aspekt. Die Welt wird größer und auch sympathischer, wenn
       man ihr zuhört. Vor allem im Alltag der Menschen fern der großen Politik.
       Cosmo ist gestartet als Radiosender Funkhaus Europa und hatte anfangs
       insbesondere den Anspruch, den europäischen Zusammenhalt abzubilden und zu
       zeigen, wie verschiedene Kulturen hier in Deutschland zusammenleben. Dann
       ist der Fokus globaler geworden, auch über Europa hinaus.
       
       Cosmo hat immer einen besseren Blick als andere deutsche Medien darauf
       gehabt, was gerade in den migrantischen Communitys passiert, und es für
       sie, aber auch für das deutschsprachige Publikum aufgearbeitet. Das ist
       auch ein ganz wichtiger Aspekt, [2][den einheimischen Menschen einen Blick
       über den Tellerrand zu ermöglichen]. Dazu kommt, dass Cosmo, was Musik
       angeht, kein komplett durchformatierter Mainstreamkanal war, der nur
       schaut, was marktwirtschaftlich funktioniert, sondern sich traut, auch
       Ungewohntes zu spielen. Uns war es immer ein Anliegen, ein Gegengewicht zum
       vom anglo-amerikanischen Pop dominierten deutschen Radiomarkt zu bilden und
       dabei auch lokale Künstler*innen zu fördern, mit Migrationsgeschichte
       und ohne. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass wir früher wesentlich
       experimentierfreudiger und vielfältiger waren.
       
       taz: 2016 wurde Funkhaus Europa in Cosmo umbenannt. Damit einher gingen
       auch Sparmaßnahmen. Wie hat das den Sender verändert? 
       
       Redakteur*in: Es ging mehr Richtung Dudelfunk. Wir hatten viele
       Musiksendungen, die alle eingestellt worden sind. Ziel war es, eine größere
       Durchhörbarkeit zu schaffen. Es ergibt Sinn, Tageszeiten zu haben, wo
       weniger spezielle Musik läuft, aber die meisten Musiksendungen liefen
       ohnehin in Randzeiten, am Abend oder am Wochenende. Aber der WDR hat damals
       schon bewiesen, dass er Musik außerhalb des Mainstreams keine Plattform
       geben will.
       
       taz: Der WDR-Rundfunkrat wird [3][am Mittwoch über die Zukunft von Cosmo
       entscheiden], denn der WDR will seine jungen Programme zukünftig [4][unter
       einer Dachmarke „1Live“] sammeln. Aus Cosmo soll im Zuge dessen „1Live
       Street“, ein Sender mit HipHop-Fokus werden. Wie groß ist der Unmut in der
       Redaktion? 
       
       Redakteur*in: Das Team ist gespalten, es gibt Personen, die sehr an der
       Ursprungsidee von Funkhaus Europa, der Mehrsprachigkeit und der
       musikalischen Vielfalt hängen, andere freuen sich auf etwas Neues. Aber
       über die schlechte Kommunikation intern und nach außen sind sich fast alle
       einig.
       
       Die Programmleitung hat im vergangenen Jahr, nachdem es Gespräche über ein
       mögliches Ende von Cosmo gab, immer behauptet, dass man Cosmo nicht
       abschalten werde. Wenn nun aber der Name, die Musik, die Mehrsprachigkeit,
       die Themen, über die wir berichten, und das Personal zu großen Teilen ein
       anderes ist, dann ist es de facto eine Abschaffung des Senders. Das
       „Weiterentwicklung“ zu nennen, empfinde ich als ziemlich dreist. Besonders
       der neue Name, „1Live Street“, wird vor allem von den jungen Mitarbeitenden
       im Team als rassistisch und klassistisch kritisiert. Warum wird ein
       interkulturelles, migrantisches Programm auf den Straßenaspekt reduziert?
       Es gibt doch genug migrantisches Leben außerhalb davon.
       
       taz: Wurde die Redaktion vorher über den Namen informiert? 
       
       Redakteur*in: Ein Mitspracherecht des Cosmo-Teams bei der Namensfindung
       oder anderen grundlegenden Dingen gab es nicht. Wichtige
       Richtungsentscheidungen werden so kurz vor den Entschlüssen der Gremien
       bekannt gegeben, dass es keine Möglichkeit mehr gibt, diese zur Diskussion
       zu stellen. Das wirkt schon sehr taktisch. Außerdem wird mit dem nur
       regional etablierten Namen „1Live“ meines Erachtens klargemacht, dass kein
       Interesse seitens des WDR besteht, weiter überregional mit anderen
       ARD-Anstalten zusammenzuarbeiten, was ich als sehr schade empfinde.
       
       taz: Ist der Fokus auf HipHop-Musik ein weiterer Schritt, Cosmo
       massentauglicher werden zu lassen? 
       
       Redakteur*in: Das denke ich, ja. HipHop ist an sich ein tolles Genre, es
       spielt schon lange eine große Rolle bei uns, es ist eine internationale
       Lingua franca, jedes Land hat seine eigene Version und im besten Sinne ist
       es eine neue Volksmusik. Aber es geht bei diesem Schritt nicht darum, das
       Genre zu stärken oder sich ernsthaft damit zu beschäftigen, sondern darum,
       dass unser Sender mehr Quote erzielt. Der Fokus auf HipHop innerhalb dieser
       Reform begründet sich im marktwirtschaftlichen Potenzial, es steckt kein
       kultureller Gedanke dahinter. Es ist auch für mich schon unfreiwillig
       komisch, wenn der WDR 2026 die „Jugendkultur“ HipHop für sich entdeckt.
       
       taz: Cosmo geht auf die früheren [5][Gastarbeiterprogramme] aus den 1960ern
       zurück. Daher gehören auch heute noch neun muttersprachliche Redaktionen
       zum Sender. Täglich gibt es Sendungen unter anderem auf Kurdisch,
       Italienisch, Türkisch oder Polnisch. Nun sollen sie aus dem Radioprogramm
       verschwinden. Welches Zeichen sendet der WDR damit? 
       
       Redakteur*in: Ich empfinde den Umgang mit den fremdsprachigen Redaktionen
       als respektlos. Wenn man etwas zu Ende bringt, könnte man die jahrelange
       Arbeit der Redaktionen wenigstens in irgendeiner Form würdigen. Aber ich
       sehe nicht, dass das irgendwo passiert. Die Programmleitung will die
       fremdsprachigen Angebote einstellen, weil das öffentliche Interesse zu
       gering sei. Das liegt meines Erachtens aber vor allem daran, dass der WDR
       diese Redaktionen seit Jahren sehr stiefmütterlich behandelt und eine
       positive Entwicklung unmöglich gemacht hat. Wer etwas dermaßen kaputtspart,
       darf sich nicht wundern, dass es kaum neue Hörer*innen gibt. Seit den
       ersten Sparmaßnahmen 2016 und der Umbenennung in Cosmo hat sich das alles
       eher angefühlt wie eine Palliativbegleitung, die schlussendlich in einer
       Abschaltung enden musste und vielleicht auch sollte.
       
       taz: Laut WDR-Pressestelle werden die Angebote auf Kurdisch, Italienisch
       und Serbisch/Bosnisch/Kroatisch eingestellt. Zu allen weiteren Sprachen
       gibt es noch einen Austausch mit dem rbb, der diese bisher zulieferte.
       Dafür soll das türkische digitale Angebot ausgebaut werden. Ist es nicht
       konsequenter für eine jüngere Zielgruppe, sich vom linearem Programm zu
       verabschieden? 
       
       Redakteur*in: Zunächst einmal sehe ich es sehr kritisch, dass der WDR ein
       interkulturelles Programm nur noch für eine jüngere Zielgruppe produzieren
       will. Das entspricht nicht dem Auftrag des Senders nach aktueller
       Gesetzeslage. Dann geht es ja nicht um die Frage, ob linear oder nicht,
       sondern ob es diese fremdsprachigen Programme überhaupt noch gibt. Bis auf
       das türkischsprachige Programm werden ja alle fremdsprachigen Angebote, die
       vorher Teil von Cosmo waren, komplett gekillt. Viele freie Mitarbeitende,
       deren Status im öffentlich-rechtlichen System ich, nebenbei bemerkt,
       arbeitsrechtlich gesehen für höchst fragwürdig halte, verlieren ihre Jobs.
       Wenn lineares Programm allerdings irgendwo noch zukunftsfähig ist, dann im
       Radio. Aber es bräuchte eine viel bessere Verknüpfung zwischen linearen und
       nicht linearen Programminhalten und den Redaktionen, die diese teilweise
       völlig abgekoppelt voneinander produzieren.
       
       taz: Cosmo erreicht kaum Hörer*innen. Im ersten Quartal 2026 erreichte der
       Sender 1,3 Prozent der Menschen im Sendegebiet NRW. Dabei hat fast jede
       vierte Person in Deutschland Migrationsgeschichte. [6][Warum kommt Cosmo
       nicht an? ] 
       
       Redakteur*in: Na ja, ich finde schon, dass Cosmo ankommt. 200.000 Menschen
       täglich allein in NRW sind nicht nichts. Es wäre natürlich schön, wenn mehr
       zuhören würden. Es fehlt aber an Budget für Werbung und Events. Zu Zeiten
       von Funkhaus Europa gab es viele Events, die zusammen mit den
       fremdsprachigen Redaktionen organisiert wurden. Es gab kleine Festivals für
       italienische, türkische, südosteuropäische Musik, es gab Events zum
       Zuckerfest. So erreicht man auch eine jüngere Zielgruppe. Aber darum wurde
       sich seit Jahren nicht mehr gekümmert.
       
       taz: Vor einem Jahr gab es bereits Pläne, Cosmo umzubauen. Damals sammelte
       die Initiative #savecosmoradio knapp 70.000 Unterschriften für den Erhalt
       des interkulturellen Senders. Wie fühlt es sich an, ein Jahr später am
       selben Punkt zu sein? 
       
       Redakteur*in: Es tut weh. Die Leitung zeigt sehr deutlich, dass ihr das,
       was wir gemacht haben in den vergangenen 20 bis 25 Jahren, nichts wert ist.
       Durch den rhetorischen Kniff, sich nach dem angeblich klaren Bekenntnis zum
       Sender seitens der Leitungsebene jetzt mit einer „Weiterentwicklung“
       herauszureden, fühle ich mich ehrlich gesagt verarscht. Das neue Konzept
       und der Name sind einfallslos und anbiedernd. Das ist Jugendsprache aus
       Workshops. Cosmo sei keine Marke, die funktioniert, heißt es. Ich glaube
       nicht, dass es sinnvoll ist, bei einem Sender wie diesem Marketinggedanken
       in den Vordergrund zu stellen. Das Gefühl, das bleibt, ist: Hier wird ein
       Sender zugemacht, der der quotenfixierten, marktwirtschaftlich orientierten
       Leitungsebene im WDR schon lange ein Dorn im Auge oder bestenfalls egal
       war. Natürlich misst sich Relevanz auch in Zahlen. Aber sie dürfen nicht
       der einzige Maßstab sein.
       
       taz: Wie hätte Cosmo stattdessen weiterentwickelt werden können? 
       
       Redakteur*in: Meine Idealversion eines Programms wie Cosmo wäre ein
       unverkrampftes, unterhaltsames und informatives interkulturell
       ausgerichtetes Programm, das versucht, Brücken zu bauen. Und das Mut zum
       Experiment zeigt. Das Fehler erlaubt und verzeiht. Ich hatte lange das
       Gefühl, mit diesem Programm etwas zu einem lebenswerteren, inklusiveren
       Deutschland beitragen zu können. Teil von etwas zu sein, das die
       Gesellschaft tatsächlich verbessern kann. Das ist heute nicht mehr der
       Fall. Wenn wir die Fahne nur nach dem Quotenwind hängen, können wir den
       Laden auch zumachen.
       
       3 Jun 2026
       
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