# taz.de -- Zum Tod von Janosch: Oh, wie schön war …
       
       > Illustrationen und Geschichten mit Herz und Verstand: Dafür war Horst
       > Eckert aka Janosch bekannt. Nun ist er 95-jährig gestorben. Ein paar
       > Erinnerungen.
       
 (IMG) Bild: Horst Eckert alias Janosch mit seiner Tigerente
       
       Um es zu dieser Berühmtheit zu bringen, Kinderbuchautor, Illustrator und
       Figurenerfinder, brachte er die allerbesten Voraussetzungen: eine Kindheit
       (im damals noch deutschen Oberschlesien, Hindenburg), die schrecklich war,
       ein Vater als gewalttätige Figur im Dauersuff, eine Mutter als dessen
       Komplizin, ein Auf-der-Welt-Sein als kleines Wesen, das wohl hauptsächlich
       dies fühlte – Angst. Ein nicht untypisches Leben als Kind in jenem frühen
       20. Jahrhundert, in dem der eigene Nachwuchs als nervende Last verstanden
       wurde, zu behandeln mit Schlägen.
       
       [1][Janosch, wie sich der Zeichner dann nannte], um nicht als der geborene
       Horst Eckert kenntlich zu bleiben, erschuf sich eine bessere Welt in seinen
       Zeichnungen und Geschichten. Die Tigerente, Günter Kastenfrosch &
       selbstverständlich die beiden Freunde, der kleine Bär und der kleine Tiger,
       die Helden des Buchs „Oh, wie schön ist Panama“, 1978 erschienen und auf
       Anhieb als Helden in Kinderzimmern, bei freundlich gesinnten Eltern die
       Stars einer Weltsicht, die auf Freundschaft setzt, auf Einvernehmen,
       Neugier und Weltstaunen, nicht auf Prügelstrafe und Demütigung.
       
       Janoschs Welt wurde (nicht nur) in Deutschland so prägend für das
       Verständnis von Kindern als kleinen Menschen, nicht lästiger und zu
       zügelnder Brut wie Jahrzehnte, gleich nach der Nazizeit, zuvor Astrid
       Lindgrens Heldinnen, unter ihnen besonders [2][Pippi Langstrumpf], oder die
       Wesen aus der US-Serie der [3][„Sesamstraße“], hierzulande in der ARD
       verantwortet.
       
       Der Zeichner, der, was sonst, jeden Tag den Schrecken seiner Kindheit
       entfloh und deshalb auch sehr gern auf Teneriffa lebte, ist am 4. November
       dortselbst, [4][95-jährig und länger schon nicht mehr so recht gesund,
       gestorben.] Aber was heißt das schon? In den Herzen seines Publikums bleibt
       er gewichtig. Jan Feddersen
       
       ## Über Kinderbücher hinaus
       
       „Es lebte einst ein Floh, in einem Zirkus froh, er lebte wunderbar, denn er
       war dort ein Star.“ Das Lied aus dem Hörspiel [5][„Leo Zauberfloh“], von
       dem ich vor fünfzig Jahren eine Langspielplatte bekam, habe ich heute noch
       im Ohr. Pilarski, Direktor des Flohzirkus Magnus, ist sein bester Floh
       entkommen. „Der Leo ist entlaufen“ steht auf den Suchplakaten, die er in
       der Stadt aufhängt. Doch zwei freche Jungs, Kalle Schnappka und Achim
       Dudek, ändern das Wort „Leo“ in „Löwe“ – und die Panik beginnt.
       
       Pilarski, Schnappka und Dudek – mich haben als Kind vor allem diese Namen
       fasziniert in den frühen Geschichten von Janosch. Andere hießen Piontek,
       Postalski oder Glatzek. Denn Janosch – eigentlich Horst Eckert – stammte
       aus Oberschlesien. Das wurde mir erst so richtig klar, als ich zwanzig
       Jahre später selbst für ein Jahr dort gelebt habe, als Sprach- und
       Kulturassistentin beim Verband der deutschen Minderheit. Dort war ich für
       die Jugendarbeit zuständig. Unter schlesischer Literatur wurde hier vor
       allem Josef von Eichendorff verstanden. Für Kinder und Jugendliche nichts,
       um sie für Literatur zu begeistern. Von Janosch hatten sie noch nie gehört,
       und seine Bücher gab es damals in Polen auch nicht zu kaufen.
       
       So wie Astrid Lindgren heute vor allem mit der angeblich heilen
       Bullerbü-Welt assoziiert wird, denkt man bei Janosch automatisch an sein
       Panama-Buch von Bär, Tiger und ihre Tigerente. Wer mehr wissen will über
       diesen Autor, der 1931 in Hindenburg, heute Zabrze, geboren wurde, dem
       seien seine genialen Erwachsenenromane „Polski Blues“ und „Cholonek oder
       Der liebe Gott aus Lehm“ ans Herz gelegt, die in ebendiesem Oberschlesien
       spielen. Da ist es vorbei mit heiler Welt. Und man versteht gut, warum
       Janosch mit seinen späteren Büchern und Zeichnungen diesem von Armut und
       Gewalt geprägten Leben etwas entgegensetzen wollte. Gaby Coldewey
       
       ## Tiger und Bär und die Fürsorge 
       
       Vom Dramatiker Peter Hacks ist der Satz überliefert: „Es gibt, genau
       genommen, nur Kunst, die allen gefällt, und Kunst, die niemandem gefällt.“
       Man muss nun gar nicht in die historisch-ästhetischen Untiefen dieses
       Diktums abtauchen, um sofort auf Janosch zu kommen. Kunst, die allen
       gefällt, allen Kindern, allen Eltern. Weil sie das Traumatische jeder
       Kindheit aufhebt, weil sie bezaubert wie Mozarts „Zauberflöte“.
       
       Allein die Beobachtung im Bilderbuch „Ich mach dich gesund, sagte der Bär“,
       dass, wenn einer krank ist und umsorgt wird – in diesem Fall der Tiger –,
       dann auch der andere – der Bär in diesem Fall – mal krank sein will und
       darf; dass Kinderkrankheit eben etwas auch Schönes ist, weil sie
       Exklusivität der Zuwendung verspricht: Das ist so genau beobachtet, so tief
       und komplex gefühlt, dass zumindest meine Kinder diese Stelle immer wieder
       hören möchten. Immer wieder: Denn Janosch wird nie langweilig.
       
       Selbst beim wiederholten Vorlesen erschließen sich immer neuen (Bild-)
       Details, ohne dass die Seiten dadurch überladen und wimmelig wirkten. Aber
       es ergeben sich eben auch grundsätzliche Fragen: Was ist denn krank, was
       gesund? Was sind wir denn, wenn wir nicht unsere Leibspeise verlangen
       dürfen, wenn wir leidend sind – und warum sind wir dann doch hochzufrieden
       mit einer Suppe?
       
       Und warum geht es uns immer erst ein wenig besser – und dann immer wieder
       ein wenig schlechter, bis wir eben wieder gesund sind? Und wie schön und
       selbstverständlich ist das dann! Janoschs Kinderbücher sind Klassiker. Sie
       sind existenziell, reduziert, hochkomplex, fabelhaft – so wie die Bouillon,
       die der kleine Bär dem kleinen Tiger kocht. Ambros Waibel
       
       ## Aufklärung mit Janosch 
       
       Oh, wie schön ist … Sex. Ausgerechnet das lehrte mich der gerade
       verstorbene Janosch. Neben dem auf Janoschs Figuren beruhenden
       Tigerenentenclub (Must-See am Wochenende), einem Tiger-Fahrrad, um das ich
       meine Freundin S. beneidete und den Lebensweisheiten, die Janosch als Herr
       Wondrak hinterlassen hat, prägte mich vor allem eines aus dem
       Janosch-Universum: das Buch „Mutter sag, wer macht die Kinder“. In ihm wird
       eine Mäusefamilie begleitet sowie das etwas ungleiche, gar diverse Paar aus
       Maulwurf Diddi Neumann und der Mäusin Tütü. Letztere haben innerhalb der
       Geschichte ihren ersten Kuss, was ich als Kind gleichsam spannend wie eklig
       fand.
       
       Noch aufregender, aber auch teils verstörend, wurde es bei Familie Maus,
       deren Mutter – wie im Titel ersichtlich – die schwierige Aufgabe
       zuteilwird, die kleinen Mäuse aufzuklären. Mit fünf Jahren, ab denen das
       Buch freigegeben ist, mag man noch etwas klein sein, denke ich mir heute,
       vielleicht bin ich aber auch nur spießiger, als es meine Eltern und die
       meiner Freund*innen waren.
       
       Spießig war Janosch so gar nicht: Nicht nur lernte ich von ihm, woher die
       Mäuse- und Menschenbabys kommen. Auch dass Sex etwas mit Lust zu tun hat,
       wird in besagtem Buch klar formuliert, man sei „seelisch total elektrisiert
       und fällt innerlich um“. Mit den Jahren habe ich gelernt, dass Janosch
       recht hatte; solange es die richtige Person ist, kann Sex durchaus lustvoll
       sein. Sophia Zessnik
       
       ## Janosch als Lesepate
       
       Beeindruckt sagte die Freundin meiner Mutter: „Du kannst schon lesen?“
       Stolz nickte ich, na klar, kein Problem. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich
       genau war, aber bestimmt noch keine 5. Und lesen, lesen konnte ich
       eigentlich auch noch nicht. Aber ich hatte mir eine
       Tiger-und-Bär-Geschichte so gut eingeprägt, dass ich den Text auswendig
       konnte. Außerdem wusste ich genau, an welcher Stelle ich die Seite
       umblättern muss. Sehr überzeugend war also meine Performance vom Lesen –
       wie gesagt, ohne dieser Fähigkeit in dem zarten Alter schon mächtig zu
       sein. Heute hat sich das wohl umgedreht: Lesen klappt mittlerweile
       reibungslos, das Tiger und Bär-Buch aufsagen, kann ich aber leider nicht
       mehr. Auch welches Buch es genau war, will mir nicht einfallen. Auf der
       zweiten Seite saß der Tiger (oder doch der Bär?) auf einem Sessel.
       Vielleicht fällt jemand anderem da was ein? Clara Dünkler
       
       ## Panama oder das Paradies 
       
       Man muss sich das Eigene fremd machen, um es schön finden zu können. Dieses
       Grundmotiv aus „Oh, wie schön ist Panama“ versteht jedes Kind. Dieser
       Klassiker ist eine ganz eigene Odyssee – zwei Leute gehen hinaus in die
       weite Welt (eigentlich sind es drei, die Tigerente muss mit), erleben
       Abenteuer, treffen Leute, kommen wieder nach Hause zurück, und etwas ist
       anders als zuvor. Dabei kommt es zu hübschen Verschiebungen.
       
       Bei Homer [6][wird Odysseus erst nicht erkannt], nur von der Amme und von
       seinem Hund. Bei Janosch erkennen der Tiger und der Bär ihre eigene Hütte
       nicht wieder; sie waren auch eine Weile unterwegs, die Hütte hat Schäden
       genommen, nach Reparaturen glänzt sie aber schöner als je zuvor.
       
       Kleist kann einem auch einfallen: Das Paradies ist verriegelt, und man muss
       den Weg um die Welt machen, um zu sehen, ob es hinten irgendwo wieder offen
       ist. Bei Janosch ist es das, wobei man nicht vergessen sollte, dass die
       Begegnungen unterwegs mindestens genauso wichtig sind. Das ist der
       Kinderbuchaspekt, der in Dur aufgeht. Spätestens wenn man aber weiß, dass
       Janoschs eigene Kindheit schrecklich unglücklich war, lassen sich auch
       Aspekte in Moll hinzudenken. Der Bär hält es zu Hause eben nicht aus, es
       reicht die Aufschrift einer Kiste, um ihn flüchten zu lassen, nach Panama
       oder, was vielleicht dasselbe ist, in die Fantasie. Dass der Tiger gerne
       mitkommt, erzählt dann noch etwas, nämlich vom Wert der Freundschaft – und
       ist das eigentliche Wunschbild. Wer sucht schon gern allein nach dem
       Paradies? Dirk Knipphals
       
       4 Nov 2026
       
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