# taz.de -- Begegnungen im Nahverkehr: 13 Jahre und 4 Monate
       
       > Schildkröten halten bekanntlich Winterruhe statt -schlaf. Was sie jedoch
       > in den dunklen Stunden so treiben, behalten sie für sich.
       
       Es ist Freitagabend gegen kurz nach sechs auf dem S-Bahnhof Julius Leber
       Brücke und bereits dunkel. Neben mir gähnen die Leute in ihre Handys. Ich
       bin auch müde. Diese frühe Dunkelheit ist jedes Jahr wieder
       gewöhnungsbedürftig. Man will eigentlich nur aufs Sofa, sich in eine Decke
       einkuscheln, lesen oder bloß Schokolade essen und vor sich hinstarren.
       
       Rechts von mir steht eine Frau mit einer orangen Mütze und einer schillernd
       grünen Ballonjacke. Sie erinnert mich an eine Schildkröte, weil sie sehr
       langsam von einem Brötchen mit Salat abbeißt und noch langsamer kaut. Dabei
       sieht sie vor sich auf die Schienen. Neben ihr gähnt ein Mann in einem
       Daunenmantel mit weit geöffnetem Mund. Er macht dabei zum Abschluss ein
       lautes erschöpftes Geräusch. Die Schildkrötenfrau dreht langsam den Kopf
       und sieht ihn an. Er blickt immer noch auf sein Handy, bemerkt aber den
       Blick der Frau und sagt: „Schuldigung.“
       
       „Alles gut“, sagt sie mit vollem Mund. „Ich werde den ganzen Tag kaum wach
       und dann die Nachrichten, das macht einen fertig“, erklärt er. Sie nickt,
       überlegt und sagt dann: „Ja, wenn es dunkel wird, muss der Bär in die
       Höhle.“ Er seufzt und nickt. „Besser wär’s. Schön in den Winterschlaf gehen
       und erst aufwachen, wenn es Frühling ist.“
       
       Die Frau kaut und überlegt. Der Mann sieht kurz zu ihr und dann wieder auf
       sein Display. „Aber“, sagt sie eine Unendlichkeit später, „dann verpasst
       man ja noch mehr vom Leben.“ Er sieht sie länger an und sagt dann langsam:
       „Ist doch sowieso schon jede Nacht so, oder?“ Sie nickt. „Genau. Ich
       schlafe aber immer nur vier Stunden pro Nacht.“ „Ist das nicht zu wenig?“
       „Kann sein, aber sollte ich 80 Jahre alt werden, gewinne ich damit 13 Jahre
       und 4 Monate Lebenszeit.“ „Hm“, macht der Mann. „Denken Sie mal drüber
       nach“, sagt die Frau und lächelt fröhlich. Ich lächle auch. „Mach ich“,
       sagt der Mann und seufzt.
       
       4 Nov 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Isobel Markus
       
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