# taz.de -- Die große Angst vor dem Unbekannten: Zwielichtige Landschaft
> Es gruselt sich so schön im dunklen Kreuzberg. Zumindest, wenn man als
> Westbesuch im Herbst in der großen Stadt unterwegs ist.
Westbesuch in der Stadt, die westdeutschen Printmedien zufolge durch
Geister aus einer mit Halbmond und AK-47 versehenen Wunderlampe bald in ein
Gender-Gulag verwandelt wird. Die Stadt, in der kein anständiger Investor
mehr eine leerstehende Bürohölle hochziehen wird. Die ältere Verwandtschaft
hat Angst. Es wird ja jetzt auch schon so früh dunkel. Beim Italiener
schmeckt's aber trotzdem. Vor dem Fenster kriecht jemand ohne Schuhe vorbei
und sucht Zigaretten, aber da ist ja zum Glück eine Scheibe dazwischen. In
Israel wird gewählt – was wir hier in Berlin davon halten?
Wir haben gar nicht so viel Ahnung davon, wie das alles so ist, müssen wir
zugeben. Die westdeutsche Verwandtschaft findet alles ganz schlimm in
Israel, weiß aber auch nicht so genau, was. Na eben „den Krieg“. Es war,
vermutlich gleich nach den News aus dem neuen sozialistischen Sektor, in
den Nachrichten. Zum Glück können wir, wie jede gute Familie, schnell das
Thema wechseln. Die Kinder wollen trotz Dunkelheit noch durch den Görli.
Die Westdeutschen haben schon wieder Angst. Diesmal vor Drogen
beziehungsweise: vor denen, die sie verkaufen. Das sei ja typisch Berlin,
dass man das hier nicht abgesperrt bekomme. Mit den Kindern kommen wir ins
Erzählen: Da war doch im Sommer das Spielmobil! Der Verkehrsspielplatz, wo
wir Geburtstag gefeiert haben!
Der Bombentrichter, die Vergangenheit, die doch auch was mit Krieg zu tun
hat, etwas dichter dran als Israel, aber nicht so furchtbar weit weg davon,
rein geschichtlich. Am Fußballplatz plötzlich gleißendes Flutlicht. Hier
wird noch gekickt. Die Kinder überreden uns zum Seilbahnfahren im
Herbstdunkel. Rappende Teens im Gleichschritt auf unserer Fährte, die
Verwandtschaft, gegruselt: Die kommen hierher! Kommen sie nicht. Wir
kreischen so laut beim Seilbahnfahren, da kriegen sie wohl Angst.
2 Nov 2026
## AUTOREN
(DIR) Jasper Nicolaisen
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