# taz.de -- Bericht der Abschiebebeobachtung: Als ginge es nicht um Menschen
       
       > Abschiebebeobachter am Berliner Flughafen berichten: Berlin schiebt immer
       > mehr Menschen ab und nimmt wenig Rücksicht auf das Leid von Familien und
       > Kranken.
       
 (IMG) Bild: Organisierteres Abschieben: Seit Juni 2026 gibt es am BER eine Außengrenzeinrichtung
       
       Eine schwangere Mutter und ihr 6 Jahre alter Sohn werden von der Polizei
       oder den Behörden zum Flughafen BER gebracht. Die beiden sollen am 17.
       September 2025 in die Türkei abgeschoben werden. Der Vater und eine Tochter
       sind nicht am Flughafen. Wie sich herausstellt, ist die Tochter während der
       Abholung in der Schule.
       
       Die Mutter sagt, dass sie ihren Mann noch telefonisch erreichen konnte. Es
       sei aber nicht genug Zeit gewesen, dass er die Tochter aus der Schule
       abholt. Trotzdem wird der Abschiebeprozess fortgeführt.
       
       Kurz nach dem Einsteigen ins Flugzeug meldet eine Flugbegleiterin, dass der
       6-jährige Sohn stark weint. Die Mutter ist regungslos, woraufhin der Pilot
       den Flug abbricht. Die Bundespolizei bittet den Sohn, der Mutter zu
       erklären, dass die Abschiebung abgebrochen wird und sie aussteigen können.
       Dieser ist jedoch deutlich überfordert mit der Situation und antwortet
       nicht. Ein Fluggast hilft bei der Übersetzung.
       
       Öffentlich werden solche Fälle durch die Dokumentation der
       Abschiebebeobachtung Berlin-Brandenburg. Die schaut als unabhängige Instanz
       stichprobenhaft bei Abschiebungen am Flughafen BER zu – rechtlich
       abgesichert durch eine EU-Richtlinie. Im Nachgang bespricht ein
       unabhängiges Forum aus staatlichen und nichtstaatlichen Vertretenden die
       Beobachtungen.
       
       Im aktuellen [1][Bericht des Forums Abschiebebeobachtung Berlin-Brandenburg
       (FABB)], der am Montag veröffentlicht wurde, wird betont, dass bei
       Abschiebungen aus Gründen der Verhältnismäßigkeit eigentlich die
       Familieneinheit zu wahren ist. Das gebietet der verfassungsrechtliche
       Schutz von Ehe und Familie und auch der völkerrechtliche Schutz des Privat-
       und Familienlebens. Aber nur weil Mutter und Sohn in diesem Fall so
       reagierten, dass der Pilot die Abschiebung abbrach, wäre die
       Familieneinheit in diesem Fall nicht gewahrt worden.
       
       ## Mehr Abschiebungen aus Berlin
       
       Aus dem Bericht können vor allem drei Veränderungen gegenüber den Vorjahren
       gelesen werden. Erstens: Familientrennungen kommen immer häufiger vor. Das
       FABB berichtet von 28 Familientrennungen am Berliner Flughafen, was einen
       Anstieg um 14 Fälle im Vergleich zum Vorjahr bedeutet.
       
       Zweitens: Die Zahl der Abschiebungen vom BER steigt kontinuierlich. Wurden
       2021 noch 1.360 Menschen von Berlin aus abgeschoben, sind es in 2025 schon
       2.591. Damit ist der BER einer der Flughäfen mit den meisten Abschiebungen
       bundesweit.
       
       Drittens finden Festnahmen zur Abschiebung immer häufiger während
       behördlicher Vorsprachen statt. Laut dem Bericht konnte ein solcher Fall in
       Deutschland erstmals im Jahr 2023 dokumentiert werden. In 2025 meldete die
       Abschiebebeobachtung allein in Berlin 16 solcher Fälle.
       
       Als Fallbeispiel nennt das Forum eine ältere Dame, die im Oktober 2025
       einen Termin beim Landesamt für Einwanderung in Berlin hatte. Dort wurde
       sie in Gewahrsam genommen und zum Flughafen gebracht – lediglich mit einem
       kleinen Rucksack. Wichtige Medikamente und ärztliche Atteste lagen laut
       ihrer Aussage gegenüber der Beobachterin noch zu Hause. Nicht einmal
       Wechselklamotten hatte sie dabei.
       
       Darüber hinaus dokumentiert die Beobachtungsstelle 20 Abschiebungen von
       Menschen mit körperlichen oder kognitiven Einschränkungen, darunter eine
       10-Jährige mit Autismus und einen halbseitig gelähmten Mann, der keinen
       elektrischen Rollstuhl gestellt bekam. Auch sei der Kontakt zum
       Rechtsbeistand oft erst am Flughafen möglich, weil die Polizei oder
       Behörden Anrufe bei der Abholung verwehre.
       
       „Wir erleben eine Brutalisierung der Abschiebungen in Berlin“, sagt Emily
       Barnickel vom Flüchtlingsrat Berlin. „Nicht einmal mehr gesundheitliche
       Beschwerden nehmen die Behörden ernst.“ Sie vermutet, dass die
       Bundespolitik Druck auf die Ausländerbehörden der Länder ausübt, damit die
       höhere Abschiebequoten erreichen.
       
       „Dabei sind Abschiebungen oft eine traumatisierende Erfahrung“, erklärt
       Barnickel. Die Polizei gehe sehr gewalttätig vor. „Eine meiner Klientinnen
       bekam bei der Festnahme einen Nervenzusammenbruch und dann drückte ihr ein
       Polizist seinen Stiefel auf den Kopf.“
       
       Laut dem Mediendienst Integration nehmen [2][Abschiebungen in ganz
       Deutschland seit 2020 zu]. Im Jahr 2025 liegt die Zahl mit 22.787 Menschen
       fast ebenso hoch wie in den Jahren 2016 bis 2018. Allerdings beantragten
       laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in den vergangenen Jahren
       deutlich weniger Menschen Asyl als vor 10 Jahren. Trotzdem schiebt der
       deutsche Staat jährlich ähnlich viele Menschen ab.
       
       3 Nov 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Malte Steinmüller
       
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