# taz.de -- Neue Bücher über Drogen und Verbote: Dem Irrsinn nahe
> Drogen sind überall, nicht zuletzt an der Supermarktkasse. Der Soziologe
> Robert Feustel schreibt in seinem Buch aufrüttelnd über Rausch und Angst.
(IMG) Bild: Volkskrankheit Alkoholismus: Fetal Alcohol Spectrum Disorder ist in Deutschland die häufigste angeborene Behinderung
Was ist das Hauptproblem des Mannes, der schlafend, bewusstlos oder tot vor
mir auf dem eiskalten Pflaster liegt? Wenn wir der herrschenden Erzählung
folgen, dann ist es nicht seine Obdachlosigkeit, nicht seine Armut,
Krankheit, Verwahrlosung und existenzielle Verlassenheit. Es ist seine –
hier unterstellte – Drogenabhängigkeit.
So würde ich die zentrale These von Robert Feustels Buch „Der verbotene
Rausch: Wie Drogen zum Problem wurden“ zusammenfassen, das der Autor selbst
kein Pamphlet, aber durchaus eine „Streitschrift“ nennen möchte.
Man könnte auch sagen: Das Ganze der Erzählung über Drogen ist das Unwahre
– zumindest, wenn wir auf die Prohibition, auf die Illegalisierung
bestimmter und den völlig selbstverständlich legalen Gebrauch anderer
Drogen Bezug nehmen.
## Verbote erzeugen Probleme
Disqualifizieren würde sich jedenfalls, wer dem in Leipzig als
Sozialwissenschaftler und Autor lebenden Feustel unterstellte, er verkenne
oder verharmlose Drogen. Das tut er nicht: Nicht im Buch, nicht im Gespräch
in einem Leipziger Backshop und schon gar nicht in seinem anschließenden
Vortrag „Die Erfindung des Drogenproblems“, den er vergangenen Mittwoch im
Rahmen des [1][Studiums universale zum Thema „Regeln & Brüche]“ vor gut 60
sehr gut unterhaltenen und am Ende kluge Fragen stellenden Zuhörenden an
der Uni Leipzig hielt.
Aber fangen wir mit dem an, was unumstritten ist: „Gerade die repressive
Verbotspolitik stellt systematisch jene Probleme erst her, die dann von
unterschiedlichen Institutionen gelöst werden sollen“, schreibt eben
[2][nicht nur] Feustel.
Pragmatisch gesagt: Der von angekokelter Alufolie umgebene, leidende Mensch
vor meiner Haustür hätte schlicht ein existenzielles Problem weniger, wenn
er sich die Substanz, die er konsumieren möchte – großes Fragezeichen, klar
– auf legalem Weg besorgen könnte.
Und die globale Gesellschaft könnte Billiarden in Armuts- und
Suchtbekämpfung stecken, die heute ein Polizei- und Justizapparat sich
angeeignet hat, dessen Arbeitsresultate nicht einfach fragwürdig sind,
sondern absurd: Illegalisierte Drogen, die so aufwändig bekämpft werden,
sind erstens überall und werden zweitens immer billiger.
## Reale Verfallsgeschichten
Was auch einen technologischen Grund hat: „Auf dem großen Marktplatz der
Drogen bestimmt inzwischen die Chemie das Geschehen“, hat ein italienischer
Experte dieses Phänomen [3][in der taz benannt.]
Dieser totale Krieg gegen die Drogen hat aber neben seiner totalen
Wirkungslosigkeit einen, wie Feustel es nennt, „mythologischen Raum“
geschaffen, dem mit Argumenten schwer beizukommen ist. Man spürt das nicht
zuletzt an den eigenen Widerständen, an den Mythen, aber eben auch an den
erlebten und erzählten Verfallsgeschichten der Drogenbiografien im
unmittelbaren Umfeld.
Feustel geht es dem folgend nicht zuletzt um „Drogenwissen“. Er schreibt:
„Das in weiten Teilen irreführende und zugleich wirkmächtige Drogenwissen
steht größtenteils stabil wie ein Boxer mit ausgeprägten Nehmerqualitäten.
Hier und da hat er ein paar Kratzer, mehr nicht. Wenn ich etwa in Debatten
erwähne, dass die Unterscheidung von ‚harten‘ und ‚weichen‘ Drogen
irreführend ist, schlägt mir im Regelfall Irritation und souverän
ablehnendes Kopfschütteln entgegen.“
„Dasselbe gilt, wenn es darum geht, dass auch Heroin erst nach längerem
Konsum körperlich abhängig macht und der Entzug weniger problematisch ist
als bei Alkohol. Wer es also wagt, die Selbstverständlichkeiten des Drogen-
und Suchtwissens anzuzweifeln (ohne Risiken und problematische Konsummuster
zu leugnen), könnte entweder selbst high oder dem Irrsinn gefährlich nahe
sein. Das Unwissen über das, was als Droge umschrieben wird, sitzt ähnlich
tief wie die Angst davor.“
Nun ist Angst nichts grundsätzlich Schlechtes, zumindest dann nicht, wenn
sie realitätsbezogen ist. Es ist gut, Angst zu haben, wenn ich eine
Substanz zum Konsum angeboten bekomme, deren Zusammensetzung und Wirkung
ich nicht einschätzen kann. Etwas ganz anderes ist die von der Gesellschaft
projizierte Angst vor dem Rausch.
## Die häufigste Behinderung
Feustel schreibt, der unterstellte „Motor der Sucht“ sei „der
Wiederholungszwang, den der mindestens latent irre Rausch auslöst“. Das
dahinter stehende Menschenbild ist eines des Verdachts: Wenn die Mittel zum
Rausch zur Verfügung stehen, dann ballern wir uns nicht nur umgehend
gnadenlos zu, sondern können auch gar nicht anders, als jede Gelegenheit zu
ergreifen, uns wieder zu bedröhnen, was dann letztlich das organisierte
Zusammenleben zerstört.
Diese Geschichte erzählen wir uns, während die Realität, wie sie der
Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum
Leipzig, Georg Schumerus, in seinem ebenfalls aktuellen Buchs „Katerland“,
beschreibt, so aussieht: „FASD ist in Deutschland die häufigste angeborene
Behinderung“, also die Fetal Alcohol Spectrum Disorder.
„Es werden Kinder geboren, die ihr Leben lang darunter leiden, dass sie in
der Schwangerschaft Alkohol ausgesetzt waren“, einer überall verfügbaren
und beworbenen Droge, die steuerlich gepampert wird – die Biersteuer wurde
zuletzt 1993 erhöht, von 8 Cent pro Liter auf 9 Cent, eine super großzügig
inflationsunabhängige Besteuerung. Übrigens: Wird Bier teurer, bleibt die
Steuer trotzdem gleich.
Trotz dieser staatlichen Drogenverordnung ist das Land aber noch nicht
abgesoffen. Zu jeder durch Alkohol verursachten Elendsgeschichte gehört die
Vorstellung, wie elend alles wäre, wenn Alkohol illegalisiert würde; und
natürlich, wie viel besser man die Volksdroge Alkohol regulieren könnte.
Und zu jeder Elendsgeschichte illegalisierter Drogen gehört die
Vorstellung, wie viel Leid gemindert oder vermieden werden könnte, wenn wir
aufhören, Menschen in die Unterwelt zu verbannen und zu quälen.
Robert Feustel öffnet mit seinem populär, und nicht ohne seine Thesen
einhämmernde Wiederholungsschleifen, geschriebenen Buch eine Tür, durch die
wir als selbstbewusste und mitfühlende Gesellschaft hindurchgehen müssen.
Um uns endlich den zentralen Problemen widmen zu können: Obdachlosigkeit,
Armut, Krankheit.
4 Nov 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.uni-leipzig.de/veranstaltungsdetail/termin/studium-universale-regeln-brueche
(DIR) [2] /Konferenz-zu-Drogen-und-Gewalt/!6213504
(DIR) [3] /Umgang-mit-synthetischen-Drogen/!5961253
## AUTOREN
(DIR) Ambros Waibel
## TAGS
(DIR) Drogen
(DIR) Alkohol
(DIR) Prohibition
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