# taz.de -- Konferenz zu Drogen und Gewalt: Wenn sogar Drogenbossen Krieg zu teuer ist
       
       > An einer Mailänder Uni wird über internationalen Drogenhandel diskutiert.
       > Dann wird bekannt, dass eine Anti-Mafia-Zeugin sich das Leben genommen
       > hat.
       
 (IMG) Bild: Immer mehr Business: Im Drogenmilieu gehen die Dinge tatsächlich zivilisierter zu
       
       Wo organisieren sich am erfolgreichsten Drogenbanden? Im Knast. Woher kommt
       der Nachwuchs für die kriminellen Milizen? Aus dem staatlichen
       Polizeiapparat. Worin unterscheidet sich die Lage in Ländern wie Brasilien
       grundsätzlich von der in der EU? 35 Prozent der Bevölkerung seien
       Analphabeten.
       
       Was man vielleicht als sozialkritisches Statement eines Streetworkers hätte
       vermuten können, kam auf einer [1][Konferenz der Staatlichen Universität
       Mailand zu Entwicklungen auf den internationalen Drogenmärkten] vergangene
       Woche aus dem Mund einer brasilianischen Staatsanwältin.
       
       Die sich, weil die Dinge eben nie schwarz-weiß sind, im gleichen Atemzug
       durchaus heftig darüber beklagte, wie das Vorgehen ihrer Beamten in den
       Favelas regelmäßig zu internationaler Kritik und Verurteilungen führe. Was
       würden Sie tun, fragte Corina Rodrigues de Senna von der Staatsanwaltschaft
       Rio, wenn vor der Uni hier im Herzen der lombardischen Metropole ein Mann
       mit Sturmgewehr stünde, von denen Ihre Beamten allein im letzten Jahr 85
       beschlagnahmt hätten?
       
       Wahrscheinlich, war in den Gesichtern im Auditorium abzulesen, würden wir
       trotzdem keine Aktion durchführen, die mit 132 Toten endet, wie die
       „Operação Contenção“ im Oktober 2025 in zwei Favelas in Rio. Aber weiß
       man’s? Wenn bei einem Bevölkerungsanteil von 8 Prozent global gesehen ein
       Drittel aller Morde auf Südamerika entfällt, ist Besserwisserei jedenfalls
       keine Option.
       
       ## Wer die Probleme erzeugt
       
       Tatsache bleibt, dass auf einer Drogenkonferenz mit dem Untertitel
       „Neuigkeiten, Perspektiven, Reflexionen, Vorschläge“ eigentlich niemand
       mehr meinte, man solle den einst von US-Präsident Nixon erfundenen „Krieg
       gegen die Drogen“ fortführen.
       
       Sondern, dass vielmehr Konsens darüber bestand, dass die Lage durch diese
       Strategie nicht nur nicht besser, sondern schlimmer geworden sei. Je
       heftiger Politik und Polizei, Gesellschaft und Medien mit dem Finger auf
       die Mafien und Kartelle zeigen, desto unveränderlicher weisen vier Finger
       auf sie selbst zurück. Weniger allegorisch hat es gerade Soziologe Robert
       Feustel formuliert: „Gerade die repressive Verbotspolitik stellt
       systematisch jene Probleme erst her, die dann von unterschiedlichen
       Institutionen gelöst werden sollen.“ ([2][Der verbotene Rausch, Kolhammer,
       2026]).
       
       Aber wie geht eigentlich die Angebotsseite, also die Drogenhändler selbst,
       mit dieser „repressiven Verbotspolitik“ um? Erstaunlich zivilisiert, führte
       der Papst der Branche „Sozialwissenschaftliche Erforschung von
       Organisierter Kriminalität“, Federico Varese von der Uni Oxford, aus.
       
       Gewalt sei weniger als das letzte Mittel, wenn es zu Unstimmigkeiten bei
       den Deals käme. Sie würde selten angedroht und sei bei den untersuchten
       Fällen NIE zur Anwendung gekommen. Es gelte das gesprochene Wort, „words
       are not cheap“; Entschuldigungen würden zur Lösung von Konflikten
       angenommen, Schulden, die aus Beschlagnahmungen resultieren, würden –
       jedenfalls im Big Business – anders verrechnet als mit immer sehr
       kostspieliger Gewaltanwendung.
       
       ## Noch immer Kokain
       
       Warum? Weil jede Racheaktion zu mindestens vorübergehendem Stillstand des
       Geschäfts führe, was immer kostspieliger sei, als die Verluste
       abzuschreiben.
       
       Und was ist der gewinnbringende Stoff, der nicht versiegen darf? Noch immer
       Kokain, hieß es von verschiedenen Seiten – aber eben nicht nur. Denn Coca
       hat jedenfalls eine Schwäche. Es ist ein Naturprodukt, eine Pflanze, die
       verderben kann. [3][Das können wir doch im Labor viel besser.]
       
       Wer aber nach den synthetischen Stoffen auf der Straße Ausschau halte, sei
       immer zu spät dran, erklärte Alessandro Vento vom [4][„Osservatorio sulle
       dipendenze“] (Beobachtungsstelle für Suchterkrankungen) in Rom. Auf einem
       Slide zeigte er einen hübschen Crystal-Eisberg, der die Bezugsquelle
       Internet nach den Schlagworten normale Suche, Deepweb und Darkweb
       aufschlüsselte.
       
       Ergebnis: Drogen im Netz zu kaufen, ist viel leichter, als Sie denken. Hier
       gehe es zu wie bei anderen Statussymbolen der Jugendkultur auch oder in den
       Worten des Protagonisten des aktuellen Romans von Leif Randt [5][„Let’s
       talk about feelings“:] „Oh wow, 2c-b kriege ich selten angeboten. Ich bin
       eigentlich Fan. Aber mir wird manchmal etwas übel davon …“
       
       ## Ein mutiges Leben endet
       
       Am zweiten Tag der Konferenz wurde einem dann wirklich schlecht. Eine
       Nachricht platzte in die Panels, die jenseits der Frage von Angebot und
       Nachfrage zur Weltflucht liegt, eine finale Botschaft.
       
       Denise Cosco, [6][Tochter der von der ’Ndrangheta ermordeten Kronzeugin Lea
       Garofalo,] hatte Suizid verübt. Das war nicht nur ein harter Schlag für
       Nando dalla Chiesa, emeritierter Professor für Soziologie des organisierten
       Verbrechens an der Uni Mailand, Organisator der Konferenz und Sohn des 1982
       von der Cosa Nostra in Palermo ermordeten Carabinieri-Generals Carlo
       Alberto dalla Chiesa. Auch Don Luigi Ciotti, Präsident der
       Anti-Mafia-Organisation Libera, war sichtlich mitgenommen.
       
       Denise Mutter Lea Garofalo wurde 2009 von ihrem Ex-Mann, einem Mafioso,
       ermordet, ihre Leiche in Salzsäure aufgelöst. Sie traf sich mit ihm, weil
       sie der Tochter den Vater nicht vorenthalten wollte. Beide Frauen standen
       für den Mut, sich nicht nur aus einem familiären Mafiaumfeld zu lösen,
       sondern auch gegen das System dahinter auszusagen.
       
       2011, mit 19 Jahren zeugte Denise gegen ihren Vater. Sie sagte damals: „Es
       ist nicht leicht, als Zivilkläger gegen den eigenen Vater auszusagen. Aber
       ich habe mich für [7][meine innere Freiheit] entschieden und möchte mein
       Leben nicht anders weiterleben.“
       
       Dieses Leben ist nun beendet. Ob und wer daran Mitverantwortung trägt, wird
       untersucht. Denise Cosco hatte eine neue Identität erhalten, das Programm
       zu ihrem Schutz war 2018 ausgelaufen, sie hatte einen Arbeitsplatz in einem
       Ministerium in Rom bekommen, lebte mit ihrem Partner zusammen und war
       Mutter eines Sohnes.
       
       Die Gewalt der internationalen Drogenmärkte ist eben nicht immer so weit
       weg wie eine Favela in Rio oder wie das beim Partyballern [8][scheinen
       mag.]
       
       Transparenzhinweis: Auf der Konferenz „I MERCATI INTERNAZIONALI DELLE
       DROGHE. Novità, prospettive, riflessioni, proposte“ hat auch der Autor
       dieses Artikels einen Vortrag gehalten. Reise- und Hotelkosten wurden von
       der [9][Università degli Studi di Milano] getragen.
       
       17 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://intgiurpol.unimi.it/it/eventi/i-mercati-internazionali-delle-droghe-novita-prospettive-riflessioni-proposte
 (DIR) [2] https://shop.kohlhammer.de/der-verbotene-rausch-46822.html#147=22
 (DIR) [3] /Umgang-mit-synthetischen-Drogen/!5961253
 (DIR) [4] https://www.osservatoriodipendenze.com/il-team/
 (DIR) [5] /Neuer-Roman-von-Leif-Randt/!6108931
 (DIR) [6] /Im-Mafioso-ist-keine-Sanftheit/!586048&s/
 (DIR) [7] https://www.repubblica.it/cronaca/2026/09/10/video/denise_garofalo_la_sua_voce_in_piazza_ai_funerali_della_madre_lea-425577958/
 (DIR) [8] /Goerlitzer-Park-in-Berlin-Kreuzberg/!6097175
 (DIR) [9] https://www.unimi.it/it
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ambros Waibel
       
       ## TAGS
       
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