# taz.de -- Wohnungslosigkeit in der Hauptstadt: Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin
       
       > Frank-Walter Steinmeier promovierte zu Wohnungslosigkeit. Heute leben
       > mehr als 6.000 Menschen auf Berlins Straßen. Eine Begegnung mit einem von
       > ihnen.
       
 (IMG) Bild: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einem Besuch beim Kältebus der Berliner Stadtmission 2024
       
       Der Winter kommt bald. Zwischen den Blättern, die mit einer kaum
       wahrnehmbaren Traurigkeit zu Boden gefallen sind, liegen einzelne
       Handschuhe, die gleich beim ersten Tragen verloren gingen. Mit sinkenden
       Temperaturen verlassen die Berliner*innen nach und nach die Stadt.
       
       Manche vermieten ihre Wohnungen mit Aufschlag an Neuankömmlinge und
       überwintern in Mexiko. Für alle, die sich nicht längst auf Weihnachten
       freuen, wird nun alles schwieriger. Besonders für diejenigen, die keinen
       Wohnraum haben, den sie untervermieten oder selbst bewohnen können.
       Diejenigen, die aus den U-Bahn-Stationen vertrieben wurden, suchen Zuflucht
       in Kellern, Treppenhäusern oder Schrottautos.
       
       In den vergangenen 15 Jahren ist die [1][Zahl der Wohnungslosen in Berlin
       auf rund 57.000 gestiegen] – mehr als die Zahl der in Kreuzberg lebenden
       Türk*innen. Sie schlafen in befristeten Notunterkünften. Über 6.000 leben
       inzwischen ganz ohne Unterkunft auf der Straße.
       
       Herr Bundespräsident, ich habe gelesen, dass Sie Ihre Doktorarbeit zum
       Thema Wohnungslosigkeit in Gießen verfasst haben. Ich bin sicher, dass
       [2][die Arbeit nicht plagiiert war.] Und bestimmt beschäftigen Sie sich auf
       eine Art mit wohnungslosen Menschen. Denn sonst hätten Sie bei einer
       Preisverleihung in Berlin im September nicht gesagt: [3][„Nicht über
       wohnungslose Menschen reden, sondern mit ihnen.“] Das sehe ich auch so.
       
       ## Nach einem Unfall wurde er obdachlos
       
       Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie, wenn Sie mit der U-Bahn
       fahren würden, nicht hastig in den nächsten Wagen flüchten würden, wenn
       eine wohnungslose Person einsteigt und plötzlich ein Geruch aufkommt. So
       machen es viele, als könnten sie darüber hinwegspringen wie über eine
       Pfütze. Weil das Leid zu groß ist, können wir nicht direkt hinsehen. So war
       es auch, als ich eines Tages auf Nikolais verrottenden Finger blickte.
       
       Nikolai hat hellbraunes Haar, einen vollen Bart, halb geschlossene Augen
       und Zähne, die ihre besten Tage hinter sich haben. Jeden Tag trägt er
       andere bunte Kleidung. Manchmal schlägt er mit einem Stock gegen alles, was
       ihm in die Quere kommt. Manchmal läuft er den Jogger*innen im
       [4][Görlitzer Park] hinterher oder treibt Mütter mit Kinderwagen dazu, ihre
       Entscheidung, noch immer in Kreuzberg zu wohnen, zu bereuen. Manche
       Ladenbesitzer halten ihn für abhängig von Feuerzeuggas, weil er in
       zahlreichen Kiosken Feuerzeuge gestohlen hat. Dabei ist Nikolai
       cracksüchtig.
       
       Wenn er auf Entzug ist, dauert es nicht lange: zehn Euro zusammenkratzen,
       zum Park bringen, einen Zug nehmen – und das zehn Minuten später von vorne.
       Mit schnellen, kurzen Schritten marschiert er dann die Oranienstraße
       entlang. Nikolai hat nicht immer so gelebt. Früher, erzählt er mir, war er
       alkoholabhängig. Von Estland nach Finnland, von Karlsruhe nach Berlin. Dann
       hatte er einen trunkenen Unfall, der seinen Körper in unbeschreibliche
       Schmerzen stürzte. Danach schwor er, dass er nie wieder trinken würde. Er
       hat sein Wort gehalten.
       
       Nikolai sagt, er sei die Kälte aus Estland gewohnt. Doch im Winter auf der
       Straße zu leben, ist nicht dasselbe, wie im Sommer im Schatten eines Baumes
       auf der Naunynstraße einzuschlafen. Jetzt trägt er einen Schlafsack auf dem
       Rücken, wirkt erschöpft, seine Schritte sind schwerer geworden. Man sieht
       ihm an, dass es ihm nicht gut geht. Vielleicht hat er längst den Punkt
       überschritten, an dem er seinen Schmerz noch ausdrücken oder überhaupt
       wahrnehmen kann. Vielleicht hat er heute einfach keine Kraft zum Reden.
       Trotzdem werde ich, wie von Ihnen geraten, weiterhin mit ihm sprechen.
       [5][Keep you updated.]
       
       6 Nov 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2026/08/zahl-obdachlosen-berlin-fast-verzehnfacht.html
 (DIR) [2] https://www.deutschlandfunk.de/vorwurf-der-taeuschung-gegen-steinmeier-100.html
 (DIR) [3] https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/Reden/2026/09/260911-Preisverleihung-Wohnungslosenhilfe.html
 (DIR) [4] /Goerlitzer-Park/!t5011094
 (DIR) [5] /Kolumne-Keep-me-updated/!t6212287
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ali Çelikkan
       
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