# taz.de -- Frontstadt Oleschky: Trotz erfolgreicher Evakuierung wenig Hoffnung auf Frieden
       
       > Die Ukraine und Russland haben erstmals eine humanitäre Aktion in den
       > besetzten Gebieten durchgeführt. Aber ein Waffenstillstand ist in weiter
       > Ferne.
       
 (IMG) Bild: Bewohner*innen aus Oleschky in Sicherheit nach ihrer Evakuierung
       
       Nach der erfolgreichen Rettung Hunderter Menschen aus der von Russland
       eingekesselten Stadt Oleschky gibt es widersprüchliche Signale in Richtung
       auf einen Waffenstillstand oder Friedensverhandlungen. Jurij Uschakow,
       außenpolitischer Berater des russischen Machthabers Wladimir Putin, sagte
       am Sonntag im russischen Fernsehen, „Putin würde wohl rangehen“ wenn der
       ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskij ihn anrufen würde.
       
       Demgegenüber machte US-Außenminister Marco Rubio wenig Hoffnung auf eine
       schnelle Lösung: „Ich glaube nicht, dass hier irgendjemand behauptet, wir
       stünden kurz vor einer Verhandlungslösung“, sagte Rubio in Atlanta nach dem
       Treffen der Außenminister der G20-Staaten, an dem erstmals auch wieder
       Russlands Ressortchef Sergej Lawrow teilnahm.
       
       Derweil sagte der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha, die
       Evakuierungen in Oleschky „können als vertrauensbildende Maßnahme dienen
       und für weitere Schritte in einem Friedensprozess dienen“.
       
       ## „Die Ukraine ist zum Friedensschluss bereit“
       
       Die Evakuierungen in der Frontstadt während einer 87-stündigen Waffenruhe,
       die unter anderen von US-First Lady Melania Trump ausgehandelt wurde, war
       die erste seit der russischen Vollinvasion in der Ukraine vom 24. Februar
       2022 durchgeführte humanitäre Hilfsaktion. „Wenn die Feindseligkeiten an
       einem Ort beendet werden können, können sie überall und dauerhaft beendet
       werden. Die Ukraine ist dazu bereit. Das erwarten wir auch von Russland“,
       so der Minister am Sonntag.
       
       Am Freitag waren hunderte Menschen aus der seit Monaten am Fehlen von
       Lebensmitteln, Medikamenten, Strom und Wasser leidenden Stadt in Bussen und
       Spezialfahrzeugen für Mobilitätseingeschränkte über die von Russland
       annektierte Halbinsel Krim in die russische Schwarzmeerstadt Anapa gebracht
       worden.
       
       Von dort wurden in vier russischen Militärmaschinen die Menschen, die in
       die Ukraine wollten, ins belarussische Gomel geflogen und von dort in die
       nordukrainische Region Tschernihiw gebracht. Der älteste Mensch, der
       Oleschky verließ, war ein 94-Jähriger, die Jüngste war nur etwas mehr als
       ein Jahr alt. Fernsehbilder zeigten stark abgemagerte und sehr erschöpfte
       Menschen, die in der Ukraine ankamen.
       
       ## Angst vor russischen „Filtrationen“
       
       In elf der Busse saßen Menschen, die in die Ukraine ausgeflogen werden
       wollen, in vier laut Augenzeugenberichten Menschen, die künftig in Russland
       leben wollten. Mehr als 1000 Menschen sind indes in dem einst 24.000
       Einwohner zählenden Oleschky, wo am Sonntag 22 Uhr die Waffenruhe enden
       sollte, geblieben. Beide Seiten machten keine detaillierten Angaben über
       die Gesamtzahl der Evakuierten.
       
       Obwohl mit dem ukrainischen [1][Menschenrechtsbeauftragen Dmytro Lubinez]
       erstmals ein ranghoher ukrainischer Offizieller in die russisch besetzen
       Gebiete reiste, um die in die Ukraine Ausreisenden zu begleiten, trauten
       viele Menschen in Oleschky den Versprechen nicht.
       
       Zugesagt worden war, dass sie frei entscheiden könnten, ob sie nach
       Russland oder in die Ukraine wollten. „Mein Mann hatte Angst, dass er nicht
       durch die russische Kontrollen kommt“, berichtete eine Einwohnerin von
       Oleschky dem [2][Kyiv Independent]. Russische Truppen haben immer wieder in
       den besetzten Gebieten ukrainische Männer bei Verhören gefoltert, um ihre
       Beteiligung bei Kampfhandlungen und pro-ukrainische Haltungen
       herauszubekommen.
       
       ## Hilfsgüter für die Verbliebenen
       
       Anna, deren 55 Jahre alte Mutter die Reise aus Oleschky angetreten war,
       wartet in Kyjiw: Dorthin waren viele der Evakuierten für gründliche
       medizinische Untersuchungen gebracht worden. „Wir können unsere Verwandten
       leider noch nicht in die Arme schließen“, berichtete [3][die 30-jährige
       Anna] der taz, während sie Kleidung für ihre Mutter einkaufte: „Sie hat
       nichts aus Oleschky mitgebracht, alles dort gelassen.“ Und sei auch noch
       nicht in der Verfassung, über das Erlebte zu sprechen.
       
       Zwar war vereinbart worden, dass [4][für die in Oleschky Verbliebenen]
       tonnenweise Nahrungsmittel, Treibstoff und Medikamente in die Stadt
       gebracht werden. Doch wie lange diese Vorräte reichen, ist unklar.
       Monatelang waren die Wege in und aus der Stadt so vermint, dass die
       Menschen dort von allen Lieferungen abgeschnitten waren. Bei Versuchen,
       Lebensmittel von außerhalb zu beschaffen, waren Einwohner immer wieder auf
       Minen getreten und gestorben.
       
       Unterdessen sagte der ukrainische Präsident Selenskij, dass seine Armee im
       Oktober [5][96,2 Quadratkilometer Hoheitsgebiet befreit] – und damit die
       gleichzeitigen russischen Gebietsgewinne um 10,4 Quadratkilometer
       übertroffen habe. Die russischen Angreifer hätten mit 54.400 Soldaten, die
       gefallen oder kampfunfähig verwundet worden seien, so viele wie nie zuvor
       in einem Monat, schrieb Selenskij auf „X“.
       
       1 Nov 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Politiker-faehrt-nach-Oleschky/!6226014
 (DIR) [2] https://kyivindependent.com/oleshky-residents-reach-ukrainian-controlled-territory-after-escaping-russian-occupation/
 (DIR) [3] /Humanitaere-Hilfe-in-der-Ukraine/!6226127
 (DIR) [4] /Waffenstillstand-in-Oleschky/!6226243
 (DIR) [5] https://www.kyivpost.com/post/88801
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Timur Vorkul
 (DIR) Mathias Brüggmann
       
       ## TAGS
       
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