# taz.de -- Humanitäre Hilfe in der Ukraine: Angst und Hoffnung vor der Evakuierung
       
       > Am Freitag sollen Hunderte aus der belagerten ukrainischen Stadt Oleschky
       > gebracht werden. Sie hoffen auf Ausreise, haben aber Angst vor Folter in
       > Russland.
       
 (IMG) Bild: Russische Soldaten bereiten am 27. Oktober in der Region Cherson eine Straße für die geplante Evakuierung aus Oleschky vor
       
       Seit Dienstag 3.00 Uhr morgens gibt es in der einst 24.000 Einwohner
       zählenden Stadt Oleschky am Ostufer des Flusses Dnipro das, was die
       Menschen seit Monaten vermissen: Ruhe. Kein Geschützgedonner, keine
       Menschenjagd mit Drohnen, keine Raketeneinschläge. In der von russischen
       Truppen umstellten Stadt, die gegenüber der Großstadt Cherson auf dem
       anderen Dnipro-Ufer liegt, herrscht seither die von der US-First Lady
       Melania Trump und Papst Leo mit Russland und der Ukraine ausgehandelte
       Waffenruhe.
       
       Und inmitten des schon „Melania-Frieden“ genannten Waffenstillstandes
       sollen am Freitagmorgen die Evakuierungen beginnen. „Meine Mutter hat sich
       online über Freiwillige für die Ausreise registriert“, berichtete die aus
       [1][Oleschky] geflohene Anna der taz. Die Evakuierungsroute soll zunächst
       in die russische Schwarzmeer-Stadt Anapa führen und von dort sollen die
       Menschen aus Oleschky mit Militärmaschinen ins belarussische Gomel
       ausgeflogen werden.
       
       Seit Tagen werden die Zugangsstraßen in die russisch besetzte
       südukrainische Frontstadt Oleschky für die humanitäre Hilfsaktion von Minen
       geräumt.
       
       ## Große Sorgen um die Mutter
       
       Anna hat dennoch große Sorgen um ihre Mutter und die anderen bisher
       Hunderte Menschen aus der monatelang kaum noch versorgten Stadt, die sich
       für die Evakuierungen angemeldet haben: „Ich bin sehr beunruhigt, da meine
       Familie bei der Flucht aus der besetzten Stadt Oleschky einer Filtration
       unterzogen wurde“, sagte Anna.
       
       „Mein Mann wurde stark unter Druck gesetzt. Daher gehe ich nicht davon aus,
       dass die Ausreise einfach sein wird. Höchstwahrscheinlich werden sie in
       Anapa vor dem Einsteigen ins Flugzeug einer [2][Filtration] unterzogen“,
       befürchtet die Mutter einer fünfjährigen Tochter.
       
       Russland hatte immer wieder Ukrainerinnen und Ukrainer aus eingekesselten
       Städten wie Mariupol und Menschen, die in den von der russischen Armee
       besetzten Gebieten sogenannten Filtrationen unterzogen: Sie mussten sich
       teilweise vollständig ausziehen, um auf angeblich proukrainische
       Tätowierungen untersucht zu werden. Sie wurden stundenlang verhört,
       teilweise nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen gefoltert, um
       herauszupressen, ob sie für die Ukraine gekämpft hatten.
       
       ## Tote bei „Filtration“
       
       Zahlreiche Menschen sind laut Berichten dabei gestorben. Zur Sicherheit für
       die ukrainischen Evakuierungswilligen soll der ukrainische
       Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez bei der Aktion mitreisen.
       
       Annas 55 Jahre alte Mutter hat etwas Vorsorge getroffen, um bei einer
       „Filtration“ durchzukommen: „Über vieles reden wir nicht, weil die
       russische Armee jederzeit das Handy kontrollieren kann“, berichtete die
       Tochter. Sie habe aber regelmäßig, mehrfach im Monat Kontakt zu ihrer
       Mutter – wenn das Handy geladen werden kann und es eine Verbindung gibt.
       
       „Ich stehe der Evakuierung durchaus positiv gegenüber. Ich hatte gehofft,
       dass die Menschen schon vor der Sprengung des [3][Kachowka-Staudamms]
       hätten gehen sollen“, sagte die 30 Jahre alte Anna.
       
       Der Staudamm war am 6. Juni 2023 gesprengt worden, daraufhin war es zu
       großen Überflutungen am Unterlauf des Dnipro gekommen. Oleschky war im
       Februar 2022 unmittelbar nach der russischen Vollinvasion von russischen
       Truppen erobert worden. Als sich nach großangelegten Gegenangriffen der
       Ukraine die russische Armee aus der gegenüberliegenden
       [4][Gebietshauptstadt Cherson] im November zurückziehen musste, wurde
       Oleschky zur Frontstadt.
       
       Von den einst 24.000 Menschen dort sollen nach ukrainischen Angaben noch
       etwa 1.700 dort leben. Zuletzt mussten sie monatelang ohne fließendes
       Wasser, [5][ohne Strom und ohne Lebensmittel auskommen,] da die
       Zufahrtswege vermint waren. Die Ukraine hatte immer wieder versucht, die
       Menschen per Drohnen mit Nahrungsmitteln zu versorgen.
       
       ## Hilfe von Melania Tump
       
       Auf diese katastrophale Lage hatten [6][Melania Trump] und Papst Leo
       reagiert und durch [7][Druck auf Moskau und Kyjiw] diese humanitäre Hilfe
       erwirkt. Die Gattin des zuletzt erneut mit Vergewaltigungsvorwürfen
       konfrontierten US-Präsidenten setzt sich auch seit Jahren für die
       Freilassung von nach Russland verschleppten ukrainischen Kindern ein.
       
       Unterdessen waren bei russischen Angriffen auf ukrainische Städte erneut
       zahlreiche unbeteiligte Zivilistinnen getötet worden. Bei einem
       Drohnenangriff auf den Hauptbahnhof der Großstadt Dnipro 14 Menschen
       getötet und weitere teilweise schwer verletzt worden. Bei einem Angriff auf
       das Zentrum der nordukrainischen Stadt Tschernihiw kamen zwei 15-Jährige
       ums Leben.
       
       Dass es nach der Evakuierung in Oleschky ruhig bleibt, glaubt kaum jemand:
       „Von anderen Menschen in Oleschky habe ich gehört, dass Russland die
       Waffenruhe nutzt, um militärische Ausrüstung für einen massiven Angriff auf
       Cherson hierher zu bringen“, berichtete Anna.
       
       29 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Demonstration-fuer-Oleschky/!6217307
 (DIR) [2] /Fluechtlinge-aus-der-Ostukraine/!5890692
 (DIR) [3] /Cherson-nach-Zerstoerung-des-Staudamms/!5936184
 (DIR) [4] /Protokoll-aus-Cherson/!6219759
 (DIR) [5] /Humanitaere-Krise-in-Ukraine/!6217026
 (DIR) [6] /First-Lady-der-USA-zu-Epstein/!6169817
 (DIR) [7] /Verhandlungsversuche-fuer-Ukraine-Frieden/!6225651
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Timur Vorkul
 (DIR) Mathias Brüggmann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Kachowka-Staudamm
 (DIR) Russland
 (DIR) Wladimir Putin
 (DIR) Donald Trump
 (DIR) Melania Trump
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Waffenstillstand in Oleschky: Humanitäres, Handeschütteln und bleibendes Misstrauen
       
       In der ukrainischen Stadt Oleschky hält der vereinbarte Waffenstillstand.
       Hilfslieferungen treffen ein, Menschen nutzen die Chance zur Evakuierung.
       
 (DIR) +++ Nachrichten im Ukraine-Krieg +++: Angriffe auf russische Raffinerien ausgesetzt
       
       Laut „Wall Street Journal“ übt die Ukraine auf Druck von Trump derzeit
       keine Luftschläge gegen petrochemische Anlagen des Gegners aus. Russland
       attackiert die Ukraine aber weiter.
       
 (DIR) Energie-Knappheit in der Ukraine: Sie wissen nicht, wohin
       
       In der Ukraine steht der wohl härteste Winter seit Anfang des Krieges
       bevor. Die NGO Proliska rechnet mit einer „Evakuierungswelle“.
       
 (DIR) Humanitäre Krise in Ukraine: Kaum Essen, kein Entkommen in Oleschky
       
       In der russisch besetzten Stadt Oleschky in der Südukraine sind die
       Menschen von Versorgung und Evakuierung abgeschnitten. Eine ukrainische
       Drohnenaktion bringt kurzfristig Hilfe.
       
 (DIR) Flüchtlinge aus der Ostukraine: Wie in einem Gefängniskonvoi
       
       Ein neuer Bericht von Amnesty International bestätigt systematische
       Zwangsdeportationen in der Ukraine. Diese sind Teil der russischen
       Kriegsführung.