# taz.de -- Jugendproteste in Deutschland: Die Wut ist berechtigt
       
       > Zehntausende junge Menschen gehen gegen hohe Preise, schlechte Bildung
       > und Wehrpflicht auf die Straße. Auch Krawalle ändern nichts daran, dass
       > das legitim ist.
       
 (IMG) Bild: Die Initiative „Gen Z regelt“ hatte am 31. Oktober zu Protesten aufgerufen, rund 120.000 Menschen sind gekommen
       
       Ein Gespenst geht um in Europa und der Welt – das Gespenst einer wütenden
       Jugendbewegung. Nicht nur in Frankreich, auch in Italien, Spanien, Serbien,
       Albanien oder Indien gehen junge Menschen auf die Straße. Sie protestieren
       gegen Krieg und Aufrüstung, gegen miserable Zustände in den Schulen, die
       Wohnungsnot und soziale Ungleichheit. Kurz: gegen eine Politik, die ihnen
       zunehmend jede Vorstellung einer besseren Zukunft nimmt. An diesem
       Wochenende hat diese Protestbewegung auch Deutschland erreicht.
       
       120.000 Teilnehmer:innen zählen die Organisator:innen der „Gen Z
       regelt“-Proteste bundesweit. Das sind zwar weniger als die 180.000, die
       sich angekündigt hatten – aber für das erste Auftreten der Bewegung ist das
       doch beachtlich. In 34 Städten gab es bunte und laute Proteste, die den
       Verlauf über friedlich blieben. Doch vielerorts trafen Demonstrierende auf
       eine martialisch auftretende Polizei, die Wasserwerfer und Räumpanzer
       auffuhr und damit die Stimmung der Kriminalisierung fortsetzte, die bereits
       die letzten Wochen den Diskurs bestimmte.
       
       Und nein, auch dass es nach Ende der Demos – und gegen den Willen der
       Organisator:innen – vor allem in Frankfurt aber auch in Hamburg, Köln
       und Berlin zu teils heftigen Krawallen gekommen ist, ändert nichts an der
       Legitimität der Wut der Jugendlichen. Vielfach dürften die brennenden
       Mülltonnen sogar eine Folge dieser Gewaltdebatte gewesen sein: ein
       trotziger Versuch zu zeigen, dass man sich eben nicht vorschreiben lässt,
       wie man zu demonstrieren hat. Bei den auf den Protesten vielerorts den Ton
       angebenden sozialistischen Jugendgruppen kommen sicher auch Gefühle von
       Fomo (der Angst, etwas zu verpassen) mit Blick auf Frankreich dazu.
       
       Vor alldem kommt aber das in der Generation real verbreitete Gefühl,
       verraten und verkauft zu werden. Junge Menschen leben in einer Welt, in der
       die Merz-Regierung mit offen vorgetragener Verachtung für arme Menschen die
       Bildungs- und Sozialsysteme dieses Landes kaputt spart. Sie blicken auf
       eine Zukunft auf einem brennenden Planeten, doch sie sehen, wie die fossile
       Wirtschaft einfach weitermacht wie bisher. Wie erst Flüssiggasterminals und
       jetzt Rechenzentren aus dem Boden gestampft werden, während eine
       Ex-Vorstandsvorsitzende eines fossilen Konzerns das
       Bundeswirtschaftsministerium leitet.
       
       Und dann erklären Politiker:innen der Jugend unentwegt, ein kommender
       Krieg sei wahrscheinlich, sie könnten sich schon mal darauf einstellen.
       Weil aber nicht genügend Freiwillige in die Bundeswehr wollen, wird
       ziemlich offen die Wehrpflicht vorbereitet. Wie Krieg aussieht, sehen die
       jungen Leute dabei jeden Tag in ihren Livefeeds, wo die Bilder des auch mit
       deutschen Waffen begangenen Völkermords Israels in Gaza in Dauerschleife
       laufen, gefolgt von Szenen brutaler Polizeigewalt auf
       palästinasolidarischen Demos.
       
       Es ist gut, dass sich nun zumindest Ansätze einer emanzipatorischen
       Gegenbewegung gegen die Gefühle von Hoffnungslosigkeit zeigen, die all das
       auslöst. Denn auf der anderen politischen Seite trägt diese Stimmung wohl
       entscheidend zum grassierenden Fremden- und Frauen*hass bei – also zu
       Wertesystemen, in denen man wenigstens noch durch die Abwertung anderer
       glaubt, etwas zu gelten. Doch dass die bürgerliche Mitte den demokratischen
       Impuls der Proteste versteht, darf bezweifelt werden.
       
       Wahrscheinlicher ist, dass sich nun wieder alle in rassistisch aufgeladener
       Sprache auf die Bilder des geplünderten Snipes-Stores auf der Frankfurter
       Zeil stürzen. Bei rechten Politiker:innen und Medien ist das keine
       Überraschung. Aufhören muss aber die Moralpanik im linksliberalen Lager.
       Und zwar nicht, weil man geplünderte Läden gutheißen müsste. Es gibt gute
       Gründe für die Kritik, dass Krawallromantik der Sache mehr schadet als
       nützt. Aber im Zentrum sollte das politische Versagen stehen, das solche
       Proteste hervorbringt – nicht das Verhalten derjenigen, die offenbar nicht
       mehr wissen, wie sie sich sonst Gehör verschaffen sollen.
       
       Das müssen sich im Übrigen auch die Organisator:innen der „Gen Z
       regelt“-Proteste sagen lassen, die sich in vorauseilendem Gehorsam von
       allem distanziert haben, was man ihnen irgendwie anlasten könnte. Dabei
       müssen sie verstehen, dass Deutschland 2026 nicht mehr dasselbe ist wie zur
       Zeit von Fridays for Future. Die Zeiten sind rauer geworden, und es ist
       absehbar, dass nur wenige Teile von Medien und Politik der Bewegung
       wohlwollend gegenüberstehen werden. Der Blick auf den Rest der Welt zeigt,
       dass „Gen Z regelt“ trotzdem etwas erreichen kann. Dafür muss die Bewegung
       aber Druck aufbauen – und darf sich nicht spalten lassen.
       
       1 Nov 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Timm Kühn
       
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