# taz.de -- Brasilien und der Regenwald: Vergesst kurz die USA – und schaut nach Brasilien
       
       > Der Wahlsieg Lula da Silvas in Brasilien ist nicht nur ein Erfolg gegen
       > den Bolsonarismus. Sondern auch eine Hoffnung für den Regenwald.
       
 (IMG) Bild: In der Stichwahl wählten 4,4 Millionen mehr Brasilianer*innen den Präsidenten als seinen Herausforderer
       
       Falls wir im Jahr 2060 zurückschauen auf vier Jahrzehnte, in denen die
       Menschheit ihre Lebensgrundlagen bewahrt hat, dann werden für das Jahr 2026
       nicht die USA den Blick auf sich ziehen, sondern Brasilien. Der Wahlsieg
       des amtierenden Präsidenten Lula da Silva gegen seinen rechtsextremen
       Herausforderer Flávio Bolsonaro ist ein Sieg für den Klimaschutz, die
       Artenvielfalt, die Menschenwürde. Lula beweist, dass Demokrat*innen das
       Bündnis aus Rechtsextremen und Tech-Oligarchen besiegen können.
       
       Flávio Bolsonaro ist der Sohn des ehemaligen brasilianischen Präsidenten
       Jair Bolsonaro, der wegen eines versuchten Putsches verurteilt wurde und
       unter Hausarrest steht. Unterstützt wird der Bolsonaro-Clan von
       Agrarunternehmen und Familiendynastien, die seit Jahrzehnten den
       Amazonas-Regenwald und andere einzigartige Lebensräume zerstören – mal mit,
       mal ohne Genehmigung.
       
       Ihr Geld verdienen diese Konzerne, indem sie auf den gerodeten Flächen
       Ackerbau und Viehzucht betreiben, vor allem für den Export. Eine weitere
       Bolsonaro-Präsidentschaft hätte der [1][Amazonas-Regenwald] womöglich nicht
       überlebt: Er ist derart gigantisch, dass er das Wetter beeinflusst. Wird zu
       viel Wald gerodet, verändern sich die Niederschlagsmuster, die den
       Regenwald am Leben halten.
       
       Doch um Artensterben und Erderhitzung zu verlangsamen oder aufzuhalten, ist
       der Amazonas-Regenwald zentral. Ein Zehntel der Tier- und Pflanzenarten der
       Welt lebt dort. Und würde das in den Bäumen des Regenwaldes gespeicherte
       CO2 in die Atmosphäre entweichen, ließe sich eine katastrophale
       Erderhitzung faktisch nicht mehr verhindern. Unter Lula ging die
       Entwaldungsrate um fast 50 Prozent zurück. Bis 2030 will er illegale
       Fällungen vollständig unterbinden.
       
       ## Brasilianische Währung stürzt ab
       
       Das wird schwer werden in dieser letzten Amtszeit des 81-jährigen Lula. Das
       Parlament wird seit den Kongresswahlen vor zwei Wochen dominiert von
       Bolsonaros Liberaler Partei. Von 57 indigenen Kandidat*innen für den
       Senat gewannen nur 2. Und die Märkte bestraften den Sieg des linken
       Präsidenten, indem sie die brasilianische Währung abstürzen ließen: Sie
       fürchten, dass Lulas Sozialprogramme die Staatsverschuldung wachsen lassen.
       
       Um diese Schulden bedienen zu können, muss die brasilianische Wirtschaft
       viel exportieren – und die exportstärksten Sektoren sind die Öl- und
       Gasbranche sowie die Landwirtschaft, die Klima und Artenvielfalt zerstören.
       Kein Wunder, dass Lulas Regierung die Ölförderung unterstützt und den
       Bergbau in Amazonien fördert. Progressive Politik in Brasilien bleibt
       eingeengt von den Zwängen der Weltwirtschaft.
       
       Dennoch: Lulas Überraschungssieg ist die Voraussetzung dafür, dass Klima-
       und Umweltschutz in Brasilien und damit weltweit möglich sind. Nach dem
       ersten Wahlgang lag Lula noch um 2,2 Millionen Stimmen hinter Bolsonaro. In
       der Stichwahl wählten 4,4 Millionen mehr Brasilianer*innen den
       Präsidenten als seinen Herausforderer. Geschafft haben Lulas
       Unterstützer*innen das durch eine massenhafte Mobilisierung auf Social
       Media – der Whatsapp-Kanal „Lula’s Army“ wuchs nach dem ersten Wahlgang auf
       10,8 Millionen Mitglieder – und auf der Straße.
       
       In Rio de Janeiro und São Paulo organisierte das Lula-Lager die größten
       Demonstrationen seit Jahrzehnten. Kurz vor der Wahl führte Lulas Regierung
       außerdem die Fünftagewoche ein und zog Sozialleistungszahlungen vor. Das
       sind transparente Wahlgeschenke, aber sie zeigen: Wer an der Regierung
       beweist, das Leben der Menschen spürbar verbessern zu können, kann
       gewinnen.
       
       Lulas Sieg ist aber vor allem ein Sieg über den Bolsonarismus. Während des
       Wahlkampfes arbeitete Flávio als Anwalt für einen Polizisten, der ein
       fünfjähriges Mädchen erschossen hatte. Er bezeichnete Lula abschätzig als
       „Neunfinger“, weil der als 17-jähriger Metallarbeiter einen Finger verloren
       hatte. Auch Korruptionsvorwürfe konnte Bolsonaro nicht ausräumen. Er,
       [2][der von US-Präsident Donald Trump und US-Techkonzernen unterstützt
       wurde], war einer Mehrheit der Brasilianer*innen schlicht zuwider.
       
       Aber diesen Widerwillen in Wählerstimmen zu übersetzen – das haben die
       Menschen auf der Straße, die energetische Social-Media-Kampagne der
       Arbeiterpartei und Lulas zynisch-kluge Sozialpolitik vermocht. Und auf
       diese Weise Brasiliens einzigartigen Lebensräumen noch etwas Luft zum Atmen
       verschafft.
       
       31 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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