# taz.de -- Waffenstillstand in Oleschky: Humanitäres, Handeschütteln und bleibendes Misstrauen
       
       > In der ukrainischen Stadt Oleschky hält der vereinbarte Waffenstillstand.
       > Hilfslieferungen treffen ein, Menschen nutzen die Chance zur Evakuierung.
       
 (IMG) Bild: Ein Markt in Oleschky unter Anti-Drohnen-Netzen – zu kaufen gibt es nur sehr wenig
       
       Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn hält sich ein offizieller Vertreter der
       Ukraine in einer von Russland besetzten Stadt auf. Dmytro Ljubinetz, der
       ukrainische Menschenrechtsbeauftragte, und seine russische Kollegin, Jana
       Lantratowa, sind am Freitagmorgen in der seit März 2022 von Russland
       besetzten ukrainischen Stadt Oleschky eingetroffen. Ziel der gemeinsamen
       Mission ist es, den in dieser Stadt lebenden Menschen eine Evakuierung
       anzubieten, humanitäre Hilfe in die Stadt zu fahren.
       
       Seit Monaten herrscht in dieser Stadt eine humanitäre Katastrophe. Die
       Stadt ist von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten, die Zufahrtswege sind
       vermint, es gibt kein fließendes Wasser, keine Medikamente, kaum
       Lebensmittel. Von den ehemals 24.000 Einwohnern leben dort noch zwischen
       1.700 bis 2.000 Menschen.
       
       Nun haben die Ukraine und Russland eine [1][auf Oleschky begrenzte]
       [2][Waffenruhe] vom 27. Oktober bis zum 1. November vereinbart. Und sie
       hält so weit. Auch im benachbarten [3][Cherson] ist es seit dem 27. Oktober
       absolut ruhig. Während dieser Waffenruhe sollen Hilfslieferungen in die
       Stadt gebracht und Bewohner evakuiert werden. Nach Angaben des ukrainischen
       Ministerpräsidenten Serhij Korezkyj wollen 527 Bewohner dieses Angebot
       annehmen und in den von Kyjiw kontrollierten Teil der Ukraine reisen.
       
       Gemeinsam mit seiner russischen Kollegin Jana Lantratowa hatte sich Dmytro
       Ljubinetz in Oleschky den Fragen der Journalisten gestellt. Auch die Fragen
       der russischen Journalisten beantwortete er in ukrainischer Sprache.
       
       ## Menschenrechtsbeauftragte: Vertrauen und Vorbehalte
       
       Im Juni war Ljubinetz in seiner ukrainischen Heimat in die Kritik geraten,
       weil er Lantratowa am Rande eines Gefangenenaustausches mit Handschlag
       begrüßt hatte. Die 37-Jährige hatte kurz zuvor ihr Amt angetreten. In der
       Ukraine ist es verpönt, Vertreter*innen von Belarus und Russland die
       Hand zu reichen.
       
       Ljubinetz ist voll des Lobes über seine russische Kollegin, die für seine
       Behörde „immer erreichbar“ sei. Fast täglich stehe man miteinander in
       Kontakt. Diesem regelmäßigen Austausch sei es auch zu verdanken, dass bei
       der Übergabe sterblicher Überreste inzwischen nicht mehr auf
       Gegenseitigkeit geachtet werde. Statt auf gleiche Zahlen zu bestehen,
       übergebe jede Seite nun so viele Leichen, wie sie gerade zur Verfügung
       habe.
       
       Außerdem sei es gelungen, so Dmytro Ljubinetz, einen Kommunikationsweg für
       den Austausch juristischer Dokumente zwischen den beiden Ländern
       einzurichten. Deswegen ist es jetzt ukrainischen Bürgern möglich, über das
       Büro des Menschenrechtsbeauftragten Dokumente und Bescheinigungen in
       Russland anzufragen.
       
       In der ukrainischen Gesellschaft unterstützt man die Bemühungen des
       Menschenrechtsbeauftragten Ljubinetz. Gleichwohl gibt es Vorbehalte gegen
       Jana Lantratowa. Diese hatte sich als Abgeordnete in Russland unter anderem
       an der Umsetzung des Gesetzes über „ausländische Agenten“ und
       Gesetzesverschärfungen gegen angebliche „Falschmeldungen“ über die
       russische Armee beteiligt. 2024 beschuldigte der ukrainische Geheimdienst
       SBU Lantratowa, an der Deportation ukrainischer Kinder aus Cherson
       beteiligt gewesen zu sein.
       
       ## Kaum Chancen auf dauerhafte Waffenruhe
       
       Im ukrainischen Außenministerium hofft man, dass dieser Waffenstillstand
       nur ein erster Schritt für weitreichendere Vereinbarungen zwischen Russland
       und der Ukraine ist.
       
       Realistisch betrachtet sind die Aussichten auf eine Verlängerung des
       Waffenstillstands gering. Ein Blick auf die Smartphone-App, die vor
       Luftangriffen warnt, genügt: Nahezu alle fünf Minuten wird dort Alarm wegen
       neuer möglicher russischer Angriffe ausgelöst.
       
       Erst in der Nacht zum Donnerstag wurden bei einem russischen [4][Angriff
       auf einen Bahnhof in Dnipro] 15 Menschen getötet. Zudem griff die Ukraine
       erstmals seit zwei Wochen wieder eine russische Raffinerie in der Region
       Samara an. Am Donnerstagabend mussten mehrere Moskauer Flughäfen zeitweise
       wegen angreifender ukrainischer Drohnen den Betrieb einstellen.
       
       30 Oct 2026
       
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