# taz.de -- Humanitäre Krise in Ukraine: Kaum Essen, kein Entkommen in Oleschky
       
       > In der russisch besetzten Stadt Oleschky in der Südukraine sind die
       > Menschen von Versorgung und Evakuierung abgeschnitten. Eine ukrainische
       > Drohnenaktion bringt kurzfristig Hilfe.
       
 (IMG) Bild: Demonstration vor der Downing Street in London: Seit Mai gelangen kaum Lebensmittel und Medikamente nach Oleschky
       
       In der Nacht vom 26. auf den 27. September überflogen Dutzende schwerer
       Frachtdrohnen, begleitet von Aufklärungsdrohnen, den Dnipro im Süden der
       Ukraine. Unter russischem Beschuss ließen sie insgesamt vier Tonnen
       Lebensmittel in die russisch besetzte Stadt Oleschky hinab. Oleschky liegt
       am linken Ufer des Dnipro, nur neun Kilometer [1][von der südukrainischen
       Hafenstadt Cherson] entfernt. Es war die bislang größte Hilfsaktion zur
       Lieferung von Lebensmitteln in die Stadt, in der schon seit acht Monaten
       eine humanitäre Katastrophe herrscht.
       
       „Wir haben Mehl, Getreide, Öl, Konserven, Dauergebäck und Brot an hundert
       Stellen in der Stadt abgeworfen. Bis dahin waren die Menschen am Rande des
       Hungertodes“, erklärt Oleksandr Tolokonnikow, stellvertretender Leiter der
       Militärverwaltung des Gebietes Cherson.
       
       Oleschky wurde gleich zu Beginn der russischen Invasion 2022 besetzt. Laut
       Tolokonnikow hätten russische Truppen die Stadt faktisch in eine Sperrzone
       verwandelt. Alle Wege zur Evakuierung von Menschen aus und zur Lieferung
       von Waren und Hilfsgütern nach Oleschky sind vermint.
       
       „Genaue Zahlen kennt niemand, weil es keinen Zugang zur Stadt gibt. Aber
       nach Angaben von Einwohnern und dank der Beobachtungen unserer Aufklärung
       leben dort noch etwa 2.000 Menschen, darunter 50 Kinder. Mehr als einmal
       haben wir uns an Russland und an die internationale Gemeinschaft mit der
       Bitte gewandt, einen humanitären Korridor einzurichten, um diese Menschen
       evakuieren zu können“, sagt Tolokonnikow. „Aber die Russen weigern sich und
       nutzen die Menschen in Oleschky quasi als Schutzschild. Das ganze Gebiet
       wird von russischen Drohnen kontrolliert“, erklärt er.
       
       ## Kein Strom, keine Medikamente
       
       Bis zu Beginn der Vollinvasion 2022 lebten in Oleschky nach Behördenangaben
       24.000 Menschen. Einige konnten in den ersten Kriegstagen die Stadt
       verlassen. [2][Andere starben während der Überschwemmung nach der Sprengung
       des Kachkowka-Staudamms im Juni 2023]. Wieder andere starben durch
       russischen Beschuss.
       
       In Oleschky gibt es seit 2023 weder Strom noch funktionierende Geschäfte,
       keine Medikamente, keine Feuerwehrwagen und keine Schulen. Wasser holen die
       Menschen aus selbst gegrabenen Erdlöchern und Brunnen.
       
       An der humanitären Hilfsaktion zur Lieferung von Lebensmitteln waren sechs
       ukrainische Militäreinheiten und -verbände beteiligt. Die Aktion wurde von
       Einheiten der Streitkräfte der Ukraine, der Nationalgarde und des
       staatlichen Grenzschutzdienstes mit der Militärverwaltung des Gebietes
       Cherson durchgeführt.
       
       „Die Drohnen flogen extra nachts, indem sie die toten Winkel der Russen
       aufgespürt und Wärmebildkameras eingesetzt haben, um nicht abgeschossen zu
       werden. Mit diesen Lebensmitteln kommen die Menschen in Oleschky jetzt über
       die nächsten zwei, drei Wochen“, erzählt Tolokonnikow. Und fügt noch hinzu,
       dass er nicht wisse, ob eine solche Operation noch ein zweites Mal gelänge,
       da die Russen künftig wohl wachsamer wären.
       
       ## Hin und wieder eine Verbindung
       
       Freiwillige und Behördenvertreter des Gebietes Cherson sagen, die
       humanitäre Blockade in Oleschky wurde bekannt, weil Zivilisten es hin und
       wieder gelänge, telefonisch Nachrichten an die ukrainische Seite zu
       übermitteln. Diejenigen, die einen Generator besitzen, laden die Telefone
       auf und versuchen dann, ein ukrainisches Mobilfunksignal zu finden.
       
       „In der Stadt herrscht Hungersnot. Es gibt riesige Probleme mit der
       Wasserversorgung, es gibt keine Heizmaterialien, weder Gas noch Strom. Das
       Krankenhaus wurde bislang über Generatoren mit Strom versorgt. Aber jetzt
       wird kein Heizöl mehr geliefert, deshalb musste es den Betrieb einstellen.
       Die Lieferung von Lebensmitteln, Medikamenten und der am dringendsten
       benötigten Waren ist seit Mai nicht mehr möglich. Das ist ein Genozid. Die
       Leichenhalle ist nicht mehr in Betrieb, seit Februar werden die Leichen in
       Kellern gelagert“, erzählt die Mitbegründerin der humanitären Organisation
       „Humanity“, Iryna-Ester Wratarjewa, die den Kontakt zu den Einwohnern der
       Stadt hält.
       
       Wratarjewa sagt, dass sie Anfang September Nachrichten bekam, in denen es
       hieß, die Leute in Oleschky äßen praktisch nichts mehr als ein paar Löffel
       Brei pro Tag. Aber die schwerste Zeit für die Menschen in der besetzten
       Stadt steht noch bevor. Denn im Winter können sie nicht einmal mehr Gemüse
       anbauen.
       
       „Brot haben die Menschen dort schon lange nicht mehr, aber im Sommer
       konnten sie dank Mohrrüben, Tomaten und Rote Bete aus ihren Gärten noch
       überleben. Aber jetzt erwartet sie ein Hungerwinter“, sagt Oleksandr
       Tolokonnikow. Er hält einen humanitären Korridor zur Evakuierung für den
       einzigen Ausweg.
       
       ## Eine Flasche Wasser
       
       Wratarjewa sagt, die Besatzer nutzten Oleschky als Schutzschild, da die
       ukrainische Seite die Stadt wegen der dort lebenden Zivilisten nicht
       beschieße. „Unter den Zurückgebliebenen sind viele ältere und in ihrer
       Mobilität eingeschränkte Menschen. Viele haben bei der Überflutung nach der
       Zerstörung des Kachowka-Staudamms ihre Dokumente verloren. Die Besatzer
       hinderten sie daran, diese wiederzubeschaffen“, berichtet die Freiwillige.
       
       2023 verbrachte die 43-jährige Unternehmerin Katerina Krupitsch sieben
       Monate mit ihren beiden Kindern in ihrem Ferienhaus auf einer der Inseln
       nahe Oleschky. Kurioserweise war es die Katastrophe am
       Kachowka-Wasserkraftwerk, die der Frau half, der Besatzung und der Blockade
       zu entkommen.
       
       Als das Wasser am 6. Juni 2023 nach der Zerstörung des
       Kachowka-Wasserkraftwerks begann, Oleschky und die umliegenden Inseln zu
       überfluten, waren Kateryna und ihre Kinder gezwungen, sich auf dem
       Dachboden eines dreistöckigen Ferienhauses vor den Wassermassen in
       Sicherheit zu bringen.
       
       „Wir waren einen ganzen Tag lang ohne Wasser und Essen, als uns eine Drohne
       der ukrainischen Grenzschützer entdeckte. Sie kehrte zurück, warf für uns
       eine Flasche Wasser ab – mit einer Notiz darauf, dass eine Evakuierung
       stattfinden würde“, erinnert sich die Frau unter Tränen. Inzwischen lebt
       sie weiter von der Frontlinie entfernt. Kateryna wurde damals von einem
       Boot ukrainischer Rettungskräfte gerettet, das die Familie nach Cherson
       brachte.
       
       ## Tragödie und Wunder
       
       „Wären jene Tragödie und das Wunder, dass eine ukrainische Drohne uns
       entdeckte, nicht gewesen, würden wir jetzt Hunger leiden wie die Bewohner
       von Oleschky. Denn wir waren sieben Monate lang auf jener Insel von der
       Außenwelt abgeschnitten. Wir aßen Fisch, den wir im Fluss fingen, und
       Gemüse, das wir anbauen konnten. Als ich heute gesehen habe, wie
       Lebensmittel per Drohne dorthin gebracht wurden, musste ich weinen“,
       erzählt Katerina.
       
       Die Lage in Oleschky sorgt inzwischen für internationales Aufsehen. Am
       Rande der UN-Generalversammlung in New York rief der ukrainische
       Außenminister Andrij Sybiha die internationale Gemeinschaft dazu auf, sich
       für humanitären Zugang und die Evakuierung der Zivilbevölkerung
       einzusetzen. Menschen suchten nach Essensresten und sammelten Gras, weil es
       keine andere Nahrung gebe, erklärte Sybiha.
       
       „Wir befürchten, dass russische Soldaten den Menschen die Hilfsgüter
       wegnehmen könnten“, sagt Oleksandr Tolokonnikow. Geheimdienstinformationen
       zufolge gingen russische Soldaten von Haus zu Haus und kontrollierten, was
       die Menschen erhalten hätten – weil die Lebensmittel von ukrainischer Seite
       kämen.
       
       Wegen Minenfeldern und russischer Drohnen könnten die Menschen Oleschky
       nicht selbstständig verlassen. Tolokonnikow richtet deshalb eine Frage an
       die internationalen Organisationen: „Warum beteiligen sie sich nicht an der
       Rettung der Zivilbevölkerung von Oleschky?“
       
       Aus dem Russischen Gaby Coldewey und Barbara Oertel
       
       28 Sep 2026
       
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