# taz.de -- Urteil im Fall Frank S.: Was ist schon gerecht?
       
       > Wegen einer Serie von Vergewaltigungen muss der 69-Jährige für zwölf
       > Jahre in Haft. Die Frage ist nicht, ob das Urteil gerecht ist, sondern
       > welche Signalwirkung es hat.
       
 (IMG) Bild: Protest gegen sexualisierte Gewalt vor dem Kriminalgericht Moabit in Berlin im Oktober 2026 während des Prozesses gegen Frank S
       
       Nach 15 Verhandlungstagen und einer Verschiebung der Urteilsverkündung ist
       der bisher größte Vergewaltigungsprozess Berlins zu Ende gegangen. Nun
       steht fest: Frank S. muss für zwölf Jahre in Haft, das Landgericht Berlin
       ordnete zudem eine anschließende Sicherungsverwahrung an, weil er laut dem
       Richter weiterhin gefährlich für die Allgemeinheit sei. Zusätzlich muss er
       einem Teil der Opfer Zehntausende Euro Schmerzensgeld zahlen.
       
       Der 69-Jährige hatte 14 Frauen teils mehrfach unter Drogen versetzt,
       vergewaltigt und Videos von den Taten ins Netz gestellt. Die Opfer hatte er
       zwischen 2016 und 2022 in Dating-Apps kennengelernt. Die Polizei geht davon
       aus, dass die Opferzahl noch deutlich höher liegt. Auf seiner
       sichergestellten Festplatte findet sich Material, auf dem 59 Frauen zu
       sehen sind. Manche von ihnen sind mittlerweile verstorben, andere Fälle
       verjährt.
       
       Nachdem Frank S. im August die Vergewaltigungen gestanden hatte, hatte die
       Verteidigung acht Jahre Haft gefordert, die Staatsanwaltschaft 13 Jahre mit
       Sicherungsverwahrung. Das Urteil fällt nun vergleichsweise hart aus. Aber
       ist es gerecht?
       
       Eine Frage, die kaum zu beantworten ist. Denn wie soll nach mehrfachen
       Vergewaltigungen Gerechtigkeit hergestellt werden? Geht das überhaupt? Und
       Gerechtigkeit für wen? Viel wichtiger ist die Frage, welche Signalwirkung
       das Urteil gesellschaftlich hat.
       
       ## Wenig Aufmerksamkeit
       
       Wegen seiner Ähnlichkeit zu den Fällen in Frankreich, wurde der Prozess
       auch als deutscher „Pelicot“-Prozess bezeichnet. Doch das Berliner
       Verfahren hat nicht ansatzweise so viel Aufmerksamkeit bekommen. Und das
       obwohl alle großen Medien berichtet und [1][feministische Gruppen, wie
       „Keine Show für Täter“ oder Terre des Femmes], zur Solidarität mit den
       Opfern und zu Demonstrationen vor dem Gerichtsgebäude aufgerufen haben.
       
       Erklären lässt sich die mangelnde Aufmerksamkeit einerseits damit, dass zum
       Schutz der Privatsphäre der Opfer das Gericht die Öffentlichkeit für den
       Großteil der Verhandlungstage ausgeschlossen hat. Andererseits tut sich ein
       Großteil der deutschen Gesellschaft noch immer schwer damit, sich ernsthaft
       mit der sexualisierten Gewalt im eigenen Land auseinanderzusetzen. [2][Es
       herrscht Desinteresse, wenn es um reale patriarchale Gewalt geht.]
       
       Für die Betroffenen ist die Bedeutung des Prozesses nicht zu unterschätzen.
       So ist es noch immer eine Ausnahme, dass Opfern sexualisierter Gewalt
       zugehört und ihnen geglaubt wird. Selten landen solche Fälle vor Gericht
       und wenn, enden sie meist in einem Freispruch für den Angeklagten. Das ist
       in diesem Fall erfreulicherweise anders.
       
       Wichtig wäre nun, dass der Prozess auch gesellschaftliche Veränderungen mit
       sich bringt. Juristische Forderungen lassen sich aus ihm leicht ableiten:
       Vergewaltigungsfälle dürfen nicht verjähren, aus „Nein heißt Nein“ muss „Ja
       heißt Ja“ werden oder die Strafbarkeit aller Mitglieder einer Chatgruppe,
       in der Vergewaltigungen geplant, verherrlicht oder abgebildet werden.
       
       Noch wichtiger wäre allerdings, dass Fälle wie die von Frank S. viel
       schneller auffallen, damit weitere Taten verhindert werden können. Dazu
       braucht es nicht nur Journalist:innen, die investigativ recherchieren (auch
       der Fall Frank S. ist durch einen Fall in Niedersachsen aufgefallen, der
       von Journalist:innen aufgedeckt worden war) und Polizist:innen, die im
       Umgang mit sexualisierter Gewalt sensibler und breiter arbeiten, sondern
       vor allem eine Gesellschaft, die nicht weiter wegschaut.
       
       28 Oct 2026
       
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