# taz.de -- 550 Siedlungen im Westjordanland: Der Pate des Siedlungsbaus
       
       > Illegale Siedlungen im Westjordanland haben seit 2023 sprunghaft
       > zugenommen, zeigt eine Analyse. Ihre Expansion begann vor 30 Jahren unter
       > Netanjahu.
       
 (IMG) Bild: Einst geräumt und seit März 2026 wieder errichtet: die Siedlung Sanur im Westjordanland
       
       afp | Kurz vor der Wahl ließ Israels Premier Benjamin Netanjahu nach einem
       tödlichen Angriff an einem Checkpoint im Westjordanland das gesamte Gebiet
       abriegeln. Israel hält es seit 1967 militärisch besetzt. Seitdem trieben
       alle israelischen Regierungen – rechte wie linke – den Siedlungsbau dort
       voran. Doch noch nie entstanden so [1][viele neue jüdische Kolonien in dem
       palästinensischen Gebiet] wie in den vergangenen drei Jahren. Fast die
       Hälfte der israelischen Siedlungen im [2][Westjordanland] wurde seit 2023
       errichtet. Das ergab eine Analyse der Nachrichtenagentur AFP von Daten der
       Nichtregierungsorganisationen Peace Now und International Crisis Group
       sowie des UN-Nothilfebüros Ocha.
       
       Peace Now zählt im Westjordanland einschließlich Ostjerusalems mehr als 550
       Siedlungen. Dazu gehören auch sogenannte Außenposten, die Siedler ohne
       offizielle Genehmigung errichteten. Laut internationalem Recht sind alle
       diese Ansiedlungen illegal, weil sie gegen das Völkerrecht verstoßen.
       
       Neben den mehr als 3 Millionen Palästinensern leben inzwischen über 500.000
       israelische Siedler im Westjordanland, 200.000 weitere in Ostjerusalem. Im
       Unterschied zur palästinensischen Bevölkerung dort dürfen sie bei Wahlen in
       Israel mitwählen. Der International Crisis Group zufolge wächst die
       israelische Bevölkerung in den israelischen Siedlungen auch deutlich
       schneller als die palästinensische Bevölkerung.
       
       ## Außenposten und Farmen besetzen Land
       
       Seit dem Überfall der palästinensischen, militant-islamistischen Hamas auf
       Israel am 7. Oktober 2023, der den Krieg im Gazastreifen auslöste, ist die
       Zahl der neuen Außenposten sprunghaft angestiegen. Dabei besetzen Siedler
       Land, indem sie ein paar Wohnwagen oder provisorische Bauten aufstellen, in
       denen einige wenige Familien leben und häufig Viehzucht betreiben.
       
       Diese Farmen haben für die Israelis den Vorteil, mit wenigen Menschen große
       Flächen okkupieren zu können. Auf diese Weise beherrschen die radikalen
       Siedler oft riesige Gebiete, die sich hauptsächlich im östlichen Teil des
       Westjordanlands entlang des Jordans oder auf den Hügeln nahe Ramallah
       befinden. Die palästinensische Bevölkerung wurde zuvor von dort vertrieben.
       
       Die Siedler fühlen sich offenbar ermutigt, auch ohne Erlaubnis immer neue
       Außenposten zu errichten, da die israelischen Behörden diese zunehmend
       nachträglich genehmigen. Peace Now registrierte seit Anfang des Jahres etwa
       90 neue Farmen und andere Außenposten im Westjordanland – fast dreimal so
       viele wie 2023.
       
       ## Immer mehr Baugenehmigungen
       
       Die ersten Außenposten entstanden ab 1996 – dem Jahr, in dem Regierungschef
       Benjamin Netanjahu zum ersten Mal an die Macht kam. Die Siedlerfarmen
       etablierten sich ab 2012 in Netanjahus zweiter Amtszeit und wurden zum
       Motor der israelischen Expansion in dem Gebiet, während sich der Bau
       klassischer Siedlungen verlangsamte.
       
       Seit dem 7. Oktober 2023 erteilen die israelischen Behörden deutlich mehr
       Baugenehmigungen für das Westjordanland. 2025 genehmigten sie der
       International Crisis Group zufolge 23.000 Neubauten – mehr als dreimal so
       viele wie 2012. Symbolisch für die neue Siedlungspolitik war in diesem Jahr
       der Wiederaufbau von vier Siedlungen im Norden des Westjordanlands, die
       2005 im Rahmen eines Rückzugsplans geräumt worden waren.
       
       Zudem wurde eine Ausschreibung für den Bau von mehr als 1.200 Wohneinheiten
       veröffentlicht – die erste Phase des sogenannten E1-Projekts, das an die
       Siedlung Maale Adumim in der Nähe von Jerusalem angrenzt. Die UNO und viele
       Staaten verurteilen das Vorhaben, weil es einen künftigen palästinensischen
       Staat weiter erschwert.
       
       ## „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“
       
       Erst am Montag, einen Tag vor der Parlamentswahl in Israel, hat eine
       UN-Untersuchungskommission Israel beschuldigt, im Westjordanland
       „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ zu begehen. Die Lage im
       Westjordanland habe sich seit dem 7. Oktober 2023 [3][dramatisch
       verschlechtert], heißt es in dem Bericht der Kommission, die nicht im Namen
       der Vereinten Nationen als Ganzes spricht.
       
       Israelische Behörden und die israelische Armee hätten im Westjordanland
       Verbrechen wie „Auslöschung, Folter, Vergewaltigung und andere Formen
       sexueller Gewalt“ begangen, erklärte die Kommission weiter. Demnach wollen
       die israelischen Behörden die Zivilbevölkerung im Westjordanland kollektiv
       für den Angriff der Hamas bestrafen. Die Gewalt der Siedler sei Teil dieser
       Strategie. Im Gazastreifen begehe Israel zudem weiterhin „Akte des
       Völkermords“. Dort wurden nach palästinensischen Angaben fünf Menschen bei
       israelischen Angriffen getötet.
       
       Die israelische Vertretung in Genf erklärte, der Bericht sei Teil der
       „Desinformationskampagne“ der Untersuchungskommission, „den Staat Israel zu
       dämonisieren und seine bloße Existenz als kriminell darzustellen“.
       
       ## Vorwurf der „ethnischen Säuberung“
       
       UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk hat am Montag angesichts des
       israelischen Militäreinsatzes in Hebron im besetzten Westjordanland vor
       einer möglichen „ethnischen Säuberung“ gewarnt. Drohungen, ganze
       Stadtviertel zu räumen und zu zerstören, gäben Anlass zu ernster Sorge,
       erklärte Türk am Montag. „Kollektivstrafen“ seien ein schwerwiegender
       Verstoß gegen das Völkerrecht.
       
       Nach Angaben der Stadtverwaltung von Hebron mussten seit Beginn des
       Militäreinsatzes am Freitag 3 189 Menschen ihre Häuser verlassen. Betroffen
       waren demnach unter anderem mehr als 200 Kleinkinder. Israelische Soldaten
       rückten in das Viertel Ein Deir Baha ein und wiesen Bewohner an, ihre
       Häuser zu verlassen. Die Armee erklärte, sie habe im Westjordanland 40
       Menschen festgenommen und mehr als 400 Orte durchsucht.
       
       29 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Israelische-Besatzungspolitik/!6213030
 (DIR) [2] /Nach-toedlicher-Attacke-an-Checkpoint/!6224066
 (DIR) [3] /Westjordanland/!6217272
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Israel
 (DIR) Westjordanland
 (DIR) Siedlungsbau
 (DIR) Palästina
 (DIR) Besatzung
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Parlamentswahl in Israel: Angezählt, aber nicht abgewählt
       
       Netanjahus Lager liegt bei den israelischen Parlamentswahlen derzeit vorn,
       für eine Mehrheit reicht es wohl nicht. Und jetzt?
       
 (DIR) Siedlergewalt im Westjordanland: Siedler greifen Journalisten und Diplomaten an
       
       Eine US-Fotojournalistin und eine europäische Diplomatendelegation werden
       im Westjordanland von Siedlern attackiert. Israels Regierung wiegelt ab.
       
 (DIR) Gewalt im Westjordanland: „Es ist ein staatliches Projekt“
       
       Yair Dvir von der Menschenrechtsorganisation B'Tselem sagt: Israel arbeite
       daran, die Palästinenser in Enklaven zu drängen. Die Welt müsse Handeln.