# taz.de -- Klimastrategie für die EU: Brüssel stellt sich auf 3 Grad plus ein
> Die EU-Kommission legt nach dem „Sommer der Wahrheit“ einen Rahmen für
> mehr Klimaresilienz vor. Konkret ist der nicht. Und woher kommt das Geld?
(IMG) Bild: Ein Passant sucht Abkühlung während einer Hitzewelle in Dortmund im Juni 2026
Die EU-Kommission hat Deutschland und die übrigen 26 Mitgliedstaaten
aufgefordert, sich auf eine [1][Erderhitzung von bis zu drei Grad Celsius]
einzustellen und nationale Pläne gegen Hitzewellen und andere Klimakrisen
vorzulegen. Regierungen, Regionen und Kommunen sollten „in allen großen
Politikbereichen“ auf die Anpassung an den Klimawandel achten.
Damit wirft die EU-Kommission ihre eigenen Planungen über den Haufen.
Bisher war sie davon ausgegangen, dass die Erderwärmung durch
Klimaschutz-Maßnahmen auf 1,5 Grad zu begrenzen wäre. Nun ist von 1,5 Grad
bis 2030, 2 Grad bis 2050 und bis zu 3 Grad bis 2100 die Rede. Außerdem
gesteht die Behörde ein, dass die bisherige auf CO₂-Einsparung
ausgerichtete Klimapolitik nicht ausreicht.
Jetzt geht es um die [2][Anpassung an die Folgen des Klimawandels] – ein
Thema, das die EU bisher sträflich vernachlässigt hat. Doch nach dem
„Sommer der Wahrheit“ sei dies nicht länger möglich, räumte
EU-Klimakommissar Wopke Hoekstra ein. Neben dem Verlust von bis zu
[3][50.000 Menschenleben durch die Hitze] und 700.000 Hektar Land durch
Brände habe auch die Wirtschaft enorm gelitten.
Fachleute schätzten die Kosten des Extrem-Sommers auf mehr als 100
Milliarden Euro, so Hoekstra. Für den Zeitraum 2022 bis 2025 lagen die
geschätzten Verluste durch Klimaschäden bei rund 200 Milliarden Euro, das
macht etwa 50 Milliarden Euro pro Jahr.
## Wer soll das bezahlen?
Um sich an neue Wetterextreme anzupassen, seien Investitionen von rund 70
Milliarden Euro im Jahr nötig, schätzt die EU-Kommission. Der „EU-Rahmen
für Klimaresilienz“, den Hoekstra in Brüssel vorlegte, enthält allerdings
kein frisches Geld. Brüssel schlägt auch keine Nachschärfung des
[4][„European Green Deal“] oder eine straffere Klimapolitik vor.
Im Gegenteil: Die EU hat ihre Klimapolitik zuletzt immer mehr aufgeweicht.
Das für 2035 geplante Verbrenner-Aus wird durch Rechentricks ausgehebelt.
Die Regeln zum Schutz vor dem Klimakiller Methan werden um mindestens ein
Jahr verschoben, möglicherweise auch um drei Jahre.
Auch bei der Anpassung an den Klimawandel zeigt die EU-Kommission wenig
Ehrgeiz, viele Vorschläge sind kaum mehr als heiße Luft. So sollen die 27
EU-Länder ihre Maßnahmen an einem „einheitlichen Strategieplan“ ausrichten.
Dafür soll ein neues Klimaresilienzgesetz sorgen. Eine Webseite, European
Climate Viewer, soll Gefahren sichtbar machen.
## Verantwortlich sind die anderen
Wer nach konkreten Maßnahmen – etwa zur Ausstattung von Krankenhäusern mit
Klimaanlagen oder zur Begrünung von Innenstädten – sucht, wird enttäuscht.
Dies bleibt Städten, Gemeinden und Regierungen überlassen. Die EU fordert
die Mitgliedsländer dazu auf, festzulegen, welche Behörde wofür zuständig
ist. Das sei effizienter, heißt es in Brüssel.
Kritik kommt vom Umweltverband Nabu. „Papier allein schützt niemanden vor
Hitze und Überschwemmungen“, sagte Büroleiter Raphael Weyland. Die Pläne
seien zu unverbindlich, die Finanzierung sei mangelhaft. „Es fehlen
unterstützende EU-Finanzmittel, ohne die die Klimaanpassungspläne bloße
Papiertiger zu bleiben drohen“, meint auch die Europaabgeordnete Delara
Burckhardt von der SPD.
Für mehr Klimaanlagen spricht sich Peter Liese (CDU) aus: „Wir brauchen
diese insbesondere dort, wo alte und kranke Menschen zu Hause sind
beziehungsweise behandelt werden.“ Dank der EU-Gesetzgebung enthielten
Klimaanlagen schon heute praktisch kein klimaschädliches F-Gas mehr, so der
praktizierende Arzt Liese.
Für wesentlich radikalere Maßnahmen plädiert unterdessen ein Experten-Team
unter Federführung des University College London. Die
Weltgesundheitsorganisation müsse die Klimakrise zur gesundheitlichen
Notlage erklären, fordern die Forscher im Fachmagazin Lancet. Die Politik
müsse dem Schutz der Gesundheit höchste Priorität einräumen und die
notwendigen finanziellen Mittel bereitstellen. Dazu ist allerdings nicht
einmal die EU bereit, wie die Vorschläge aus Brüssel zeigen.
29 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Eric Bonse
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