# taz.de -- Politikprofessor über linke Wahlerfolge: „Politik ist veränderbar“
> Linke Wahlerfolge sind noch keine Trendwende, sagt Politikwissenschaftler
> Klaus Schlichte. Warum er trotzdem Hoffnung hat.
(IMG) Bild: Feierlaune bei Lula da Silva und seinen Anhängern
Linke Erfolge in Brasilien und [1][Serbien] machen Hoffnung. Erleben wir
gerade die Anfänge eines Linksrucks?
Brasilien und Serbien sind zwei Länder von knapp 200 Staaten auf der Welt.
Und sie unterscheiden sich in ihrer Wirtschaftsstruktur und ihren
innenpolitischen Problemen erheblich voneinander. In Brasilien ist die
Parlamentsmehrheit nach wie vor anders zusammengesetzt, als das in der
Präsidentschaftswahl zum Ausdruck kam, sodass es auch für [2][Lula] nicht
einfach ist, eine durchgreifende Politik zu machen. In Serbien ist die
Gesellschaft seit Langem stark polarisiert. Das hat auch mit den
historischen Erfahrungen und dem Verhältnis zum Westen zu tun.
Was macht linke Politik in diesen Ländern trotzdem attraktiv?
Beide Länder haben starke linke Traditionen, allerdings aus ganz
unterschiedlichen Gründen. [3][In Serbien] und im ehemaligen Jugoslawien
wirken die Vorstellungen des staatlichen Sozialismus bis heute nach.
Soziale Gleichheit, eine funktionierende öffentliche Gesundheitsversorgung
und kostenlose Bildung sind Normen, die im kollektiven Bewusstsein
weiterhin präsent sind. Daran wird auch die Gegenwart gemessen, häufig mit
einer gewissen Nostalgie und Überhöhung.
Und in Brasilien?
Dort gibt es eine lange Tradition linker und emanzipatorischer Bewegungen.
Dazu gehören die Landlosenbewegung, Gewerkschaften und linke Bewegungen
unter jungen Menschen. Diese politischen Vorstellungen haben offenbar für
eine wachsende Gruppe in der Bevölkerung eine gewisse Plausibilität.
Gibt es Gemeinsamkeiten von linken und progressiven Wahlsiegern?
Es ist vor allem ein städtisches Phänomen. Wenn man sich das Wahlverhalten
in Europa anschaut, lässt sich ein Muster erkennen, das auch in anderen
Teilen der Welt, [4][zum Beispiel bei Zohran Mamdani in New York,] zu
beobachten ist. Die progressiv Orientierten sind überwiegend in den Städten
angesiedelt, häufig auch im akademischen Milieu. Dazu kommen
Bevölkerungsgruppen, mit denen neue politische Bündnisse entstehen. Auf dem
Land und auch in bestimmten sozialen Schichten innerhalb der Städte wird
diese Entwicklung dagegen nicht unbedingt geteilt. Dort gibt es teilweise
sogar eine stärkere Gegenreaktion.
Was treibt die Menschen politisch auseinander?
Das hat einerseits mit Migrationsprozessen zu tun, andererseits mit der
Enttäuschung über das liberale Wirtschaftsmodell. Im Westen hat es eher zu
einer Erosion der Mittelschichten geführt als zu deren Besserstellung.
Viele Menschen haben erfahren, dass ihnen die politische und
wirtschaftliche Liberalisierung nicht das gebracht hat, was sie sich
erhofft hatten.
Wie weit reicht diese Enttäuschung?
Das sieht man beispielsweise in Afrika. Dort wird wahrgenommen, dass China
in den vergangenen Jahrzehnten enorme wirtschaftliche Fortschritte gemacht
hat, während die Rezepte des Westens in vielen Ländern nicht zu
vergleichbaren Ergebnissen geführt haben. Ich höre auch von afrikanischen
Kollegen, die ich durchaus für Demokraten halte, dass sie sagen: Mit der
Demokratie funktioniert es nicht. Damit meinen sie vor allem, dass die
wirtschaftlichen Ergebnisse weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben
sind.
Steckt also nicht nur die liberale Wirtschaftsordnung in der Krise, sondern
auch die Demokratie?
Wir haben seit dem 19. Jahrhundert verschiedene Demokratisierungswellen
erlebt. Es gab natürlich auch Rückschritte. Auf den Siegeszug der
Demokratie folgten nach dem Ersten Weltkrieg der Faschismus und der
Nationalismus. Die autoritären Regierungen, wie in Spanien, hielten sich
teils bis in die 1970er Jahre. Dann endeten die Militärdiktaturen, auch in
Lateinamerika, später auch der Staatssozialismus in Ost- und Mitteleuropa.
Es herrschte damals ein großer Optimismus darüber, dass sich die Demokratie
weltweit durchsetzen würde. Doch diese Entwicklung erodiert seit etwa zehn
bis fünfzehn Jahren. Wir beobachten einen deutlichen Rückgang
demokratischer Standards. Die Welt wird wieder autoritärer.
Auf progressive Phasen folgt ein Rechtsruck. Dann schwingt das Pendel
wieder nach links. Ist Politik wirklich so einfach?
Ich halte das für eine populäre Metapher, die durchaus ihre Verdienste hat,
aber auch ihre Gefahren. Das Bild ist relativ einfach und erklärt zunächst
einmal nicht, warum das Pendel in die eine oder andere Richtung schwingt.
Natürlich bringt jeder politische Wandel Gewinner und Verlierer hervor.
Bestimmte gesellschaftliche Gruppen profitieren von einer Entwicklung,
andere haben Nachteile. Daraus können politische Gegenbewegungen entstehen,
aber die Unterschiede zwischen Gesellschaften und historischen Situationen
sind beträchtlich. Die deutsche Gesellschaft heute ist beispielsweise eine
völlig andere als in den 1920er Jahren. Man kann deshalb nicht einfach
davon ausgehen, dass immer dieselben politischen Gesetzmäßigkeiten wirken.
Das bedeutet aber auch, ein Linksruck ist keineswegs garantiert. Kann man
trotzdem hoffen?
Ja, ich finde schon. Das ist vielleicht auch eine Frage des Alters. Ich bin
Anfang 60 und habe einen längeren Zeitraum politischer Entwicklungen
erlebt. Für viele meiner Generation fühlt sich die Gegenwart wie eine
Rückkehr in die frühen 1980er Jahre an. Damals gab es ebenfalls starke
Aufrüstung, politische Polarisierung und verhärtete gesellschaftliche
Auseinandersetzungen. Vergleicht man die Gegenwart mit den ruhigeren 2000er
und 2010er Jahren in Deutschland, entsteht schnell das Gefühl, dass alles
schlechter wird. Aber langfristig sieht man, dass sich solche Situationen
wieder verändern können. Damals kamen schließlich Ereignisse, die kaum
jemand vorhergesehen hatte: der Fall der Berliner Mauer und der Zerfall der
Sowjetunion. Innerhalb weniger Monate hatte sich die historische Lage
grundlegend verändert.
Und was macht Ihnen heute Hoffnung?
Die Menschen werden selbstbewusster und stellen höhere Ansprüche an ihre
Lebensbedingungen. Durch Medien, kulturellen Austausch und Migration wissen
sie stärker, welche Lebensstandards anderswo möglich sind. Daraus entstehen
politische Forderungen. Deshalb bin ich kein Pessimist. Natürlich gibt es
Widerstände und Verteilungskonflikte, die sich nicht einfach durch Wahlen
lösen lassen. Aber ich glaube schon, dass sich Forderungen nach besseren
Lebensverhältnissen weiter durchsetzen werden.
28 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Laura Verseck
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