# taz.de -- Nach dem Wahlsieg: Jetzt muss Serbiens Studentenliste liefern
> Nach ausgelassenen Wahlpartys stellen sich immer mehr Fragen zur
> politischen Ausrichtung und der künftigen Regierung. Welche Namen sind im
> Gespräch?
(IMG) Bild: Ilija Srdanović, Spitzenkandidat der Studentenliste, könnte ein wichtiges Amt bekommen. Doch vieles ist noch unklar
Es scheint fast so, als wäre Belgrad eine andere Stadt. Seit dem Wahlsieg
der Studentenliste bei der serbischen Parlamentswahl ist sie kaum
wiederzuerkennen. Seit 14 Jahren hätten sie darauf gewartet, und nun sei
eine riesige Last von ihren Schultern gefallen, sagen viele junge Leute.
Die Studentenbewegung steht jetzt vor der Aufgabe, vom Widerstand zur
Regierungsverantwortung zu wechseln. Inmitten der Euphorie stellen sich
kritische Köpfe die ersten Fragen. Die Studentenliste hat bewusst auf eine
Führungsfigur verzichtet. Wie eine Regierung aussehen wird und wer an ihrer
Spitze stehen soll, ist noch unklar.
Mit 52,7 Prozent der Stimmen und vorläufig 140 von 250 Mandaten kann sie
allein regieren. Die 250 Kandidaten sind Professoren, Ärzte, Künstler und
andere Persönlichkeiten wie Schauspieler Tihomir Stanić oder
Basketball-Legende Dejan Bodiroga. Studierende selbst stehen nicht auf der
Liste.
Der Name des [1][ehemaligen Nationalbank-Gouverneurs] Dejan Šoškić kursiert
als möglicher Premierminister. Er hat als einer der wenigen bereits ein
wichtiges öffentliches Amt bekleidet. Auch [2][Spitzenkandidat Ilija
Srdanović] wird genannt. Entschieden ist bisher nichts. Die Erwartungen der
Gesellschaft an die mögliche neue Regierung sind riesig.
Unterschied zu Ungarn
Eine der Prioritäten werden die Medien sein. In den vergangenen 14 Jahren
hat das Regime von Aleksandar Vučić große Teile der serbischen
Medienlandschaft auf Linie gebracht. Kritische Journalisten wurden unter
Druck gesetzt, regierungsnahe Sender diffamierten die Protestbewegung.
Wie groß die Wut darüber ist, zeigte sich am Montagabend in Belgrad.
Demonstrierende drangen in das Gebäude des regierungsnahen Senders Informer
ein und stellten Chefredakteur Dragan J. Vučićević zur Rede. Es kam zu
Auseinandersetzungen, die Polizei schritt ein. In den regierungsnahen
Medien wird Aleksandar Vučić bereits als „Oppositionsführer“ zitiert. Es
steht zu befürchten, dass er seine politischen Gegner weiterhin angreifen
wird.
Beim öffentlich-rechtlichen Sender RTV Vojvodina ereignen sich derweil
andere Szenen. Ein Teil der Belegschaft entschuldigte sich bei den
Zuschauern für die jahrelange einseitige Berichterstattung und das
Verschweigen von Themen. Der Chefredakteur trat zurück. Der politische
Umbruch zeigt sich also in den Medien, aber ein Szenario wie in Ungarn, wo
nach der Abwahl von Orbán ganze Redaktionen gekündigt und ausgetauscht
werden, ist hier nicht zu erwarten.
Außenpolitisch dürfte der Machtwechsel [3][weniger Veränderung bringen],
als man in Brüssel hoffen mag. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen
hat der Studentenliste gratuliert. Dejan Šoškić will die
EU-Beitrittsreformen beschleunigen und am Ende per Referendum über eine
Mitgliedschaft entscheiden lassen. Zugleich schließt Jovo Bakić, Professor
an der Philosophischen Fakultät und Kandidat der Studentenliste, Sanktionen
gegen das Putin-Regime aus. „Wir respektieren Russland als große Macht und
als Partner, vielfach als Schutzmacht“, sagte er dem russischen
Staatssender RT Balkan. Hierfür dürfte die Abhängigkeit Serbiens von
russischem Erdgas eine Rolle spielen.
Soziologin mahnt zur Geduld
Seit Beginn versammeln sich in der Studentenbewegung neben Liberalen und
Linken auch Konservative und Nationalisten. So tauchten auch bei den
Feierlichkeiten nach dem Wahlsieg Flaggen auf, [4][auf denen Kosovo als
serbisches Staatsgebiet beansprucht wird]. Bei den Protesten waren auch
Bilder [5][des Tschetnik-Führers Draža Mihailović] zu sehen. Solche Symbole
sind in der Bewegung nicht neu. Von Rechtsextremen distanzierten sich
Studierende allerdings.
„Es ist eine Catch-all-Bewegung. Und das war wohl der einzige Weg, um
Autokraten wie Vučić zu stürzen“, sagt Gazela Pudar Draško vom Institut für
Philosophie und Gesellschaftstheorie. Die Studentenbewegung konzentriere
sich vorwiegend auf innenpolitische Themen, um den institutionellen
Schaden, den Vučić angerichtet hat, zu beheben.
Die politische Soziologin ruft außerdem dazu auf, sich in Geduld zu üben –
vor allem in der Übergangszeit von der alten zur neuen Regierung.
„Demokratie ist ein langsamer Prozess, und wenn wir nachhaltige,
demokratische Institutionen haben möchten, müssen wir es richtig machen.
Erwarten Sie also nichts über Nacht“, so Draško. Der Wahlsieg der
Studentenliste hat erst den Grundstein für Veränderungen gelegt.
27 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Dennis Miskic
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