# taz.de -- Neues Gesicht, altes Konzept: Der ewige Faschismus
> Der „alte“ Faschismus baut auf gewaltigen, moralfreien Wertvorstellungen.
> Und der „neue“ Faschismus? Verbindet sich mit dem digitalen
> Neoliberalismus.
(IMG) Bild: Neo-Liberal-Faschismus bleibt Faschismus
„Weg“ waren sie nie, die völkischen Nationalisten, die unbelehrbaren Nazis,
die Geiferer, die eine rassistische und sexistische „Reinheit“ anstreben.
Die Spießer, die auf jede Art von Freiheit verzichten aus Angst vor der
Freiheit der anderen, die Faschisten eben. Es gibt den „ewigen Faschismus“,
von dem Umberto Eco sprach und den man anhand seiner Sprache, seiner Ziele,
seiner Bilder und seiner Handlungsweisen genau bestimmen kann. Es droht
dieses Potenzial der faschistischen Reaktion, solange es eine
kapitalistische Klassengesellschaft mit einem unruhigen Kleinbürgertum in
der Mitte gibt.
Ihr Einfluss auf die Gesellschaft ist umso größer, [1][je schwächer die
sozialen, intellektuellen, kulturellen Gegenkräfte] sind. Dazu gehört die
Auflösung der politischen Organisationen der Arbeiterschaft, die sich
schließlich von der Rechten eher repräsentiert fühlen muss als von der
Sozialdemokratie, den Gewerkschaften, den linken Intellektuellen.
Schließlich wurde den Arbeiterinnen und Arbeitern nicht erst seit dem
Neoliberalismus ein Aufstieg zum Kleinbürgertum versprochen. Wer diesen
Aufstieg nicht schafft, ist selber schuld – und landet, wenn es hoch kommt,
im Prekariat. Als Einzelner.
Und doch lässt sich der Siegeszug des Rechtsextremismus zu dieser Zeit
nicht allein aus der Kontinuität des „ewigen Faschismus“ erklären. Der neue
Faschismus ist sicher in vielen Kernbereichen ganz der alte. Aber es gibt
auch einige Unterschiede zum historischen Faschismus. Der
Nationalsozialismus in Deutschland etwa lässt sich nicht erklären ohne
seine enge Verflechtung mit dem Industriekapitalismus. Das ist nicht nur
eine Sache von wechselseitiger Abhängigkeit und Korruption, dieses Geben
und Nehmen zwischen dem terroristischen Staat und den großen
Wirtschaftskomplexen, wie es nun wieder in den USA zu beobachten ist.
Es ist vielmehr eine gemeinsame Entwicklung von Kapitalismus und Faschismus
auf der Basis von Weltvorstellungen: Die Verwandlung der Gesellschaft in
eine gewaltige, effiziente und von jeder Moral und Vernunft befreite
Maschinerie. Der Faschist dieser Art will Teil der Maschine werden, das
„Ornament der Masse“ ästhetisiert diese Maschinisierung, wie es dann auch
Militarisierung und Krieg tun.
Der neue Faschismus dagegen [2][muss sich mit dem digitalen Neoliberalismus
verbinden]. Statt der mechanischen geht es um eine „fluide“ Faschisierung.
Weil dieser Neoliberalismus seinen Parteigängern gegenüber auch die
fundamentale Subjektivierung versprochen und verlangt hat, bleibt etwas vom
Subjekt-Hedonismus ebenso wie von der Subjekt-Paranoia auch bei Aktivisten
und Mitläufern des neuen Faschismus erhalten. Für die Bewegung hat dies den
massiven Vorteil, dass mit Widersprüchen, Ungleichzeitigkeiten und
offensichtlichen Lügen viel elastischer umgegangen werden kann als beim
historischen Faschismus. Der neue Faschismus muss nicht „uniformiert“ sein,
und seine Massen müssen weniger maschinell als strömend sein.
Der Kapitalismus in der Zeit des historischen Faschismus hatte sich perfekt
an Regimes wie das unter Hitler, Franco oder Mussolini angepasst, und seine
Vertreter wussten nur zu gut, wie man sich an „Arisierungen“, an
Rüstungsaufträgen oder an billigen Arbeitskräften aus den Gefangenenlagern
bereichert. Beim neuen Faschismus indes verhält es sich eher umgekehrt: Er
passt sich den Bedürfnissen des postneoliberalen Oligarchenkapitalismus
perfekt an.
Und während der historische Faschismus auf die eine große und
ausschließliche Erscheinung hinauswollte, die Verbindung von
industriekapitalistischem Progress mit dem maschinisierten Volk in
Deutschland oder die Verbindung von Faschismus und Katholizismus in
Spanien, lebt der neue Faschismus gerade von einer Vielfalt der Szenen,
Milieus, Bewegungen, Ideologien, Narrationen, die sich in Bezug auf eine
Person (Trump in den USA) oder ein symbolisches Zentrum (AfD in
Deutschland) organisieren lässt, während ansonsten die Verbindungen
untereinander locker bleiben können.
Während die Linke eine Gemeinschaft der Ideen ist (und schon deswegen
einigermaßen instabil und uneinig), ist die Rechte im Wesen eine
Glaubensgemeinschaft (in deren Riten und Erzählungen sich auch noch das
Widersinnigste vereinen lässt). Der Glaube, der die verschiedensten
Gruppierungen der Rechten verbindet, entsteht aus der Negation: Die
Apokalypse steht bevor, und zu den Katastrophen, die auf sie sich
vorbereiten, gibt es, wie Naomi Klein in „End Times Fascism“ schreibt,
anders als im historischen Faschismus, kein Außen mehr. Die Energien wenden
sich also eher nach innen, auf eine „Säuberung“ der eigenen Gesellschaft,
auf ein fundamentales Schweigegebot, auf die Verdrängung der Wirklichkeit
im religiösen Wahn. In einer Glaubensgemeinschaft geht es nicht um
Lösungen, sondern um Erlösung. Daraus entsteht eine vollkommene Resistenz
gegenüber Vernunft und Moral.
Doch all diese Eigenschaften des „neuen“ Faschismus, die innige Verbindung
mit dem Neoliberalismus, der fluide Charakter der Faschisierung (nicht
zuletzt in den sozialen Medien), der subjektivistische Rest (als „Freiheit“
deklariert, praktiziert als Rest von individueller Liberalität und
Konsumfreude), die Vielfalt der Szenen und Milieus, die apokalyptische,
pseudoreligiöse Ausrichtung der großen rechten Erzählung, der Pop-Charakter
vieler rechter Inszenierungen – sie sind zugleich Stärken und Schwächen des
neuen Faschismus.
Rechte Bewegungen (wie MAGA) können in ihre Einzelteile zerfallen, wenn die
einigende Symbolfigur schwindet, der hedonistische Subjektivismus kann über
die politische Organisation triumphieren, die apokalyptische Energie
erlahmen, der Pop-Anteil sich in neuen Kulten aufheben, und nicht zuletzt
kann jederzeit der Pakt zwischen den Tech-Oligarchen und den neuen
Faschisten aufgelöst werden. Ganz zu schweigen davon, dass möglicherweise
auch die [3][demokratische Zivilgesellschaft sich als neue
antifaschistische Kraft reorganisiert.] Wenn sie beginnt, ihre eigenen
Konflikte zu lösen und den Gegner in seiner wahren Gestalt zu erkennen.
28 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /CDU-und-Faschismus/!6222680
(DIR) [2] /Buch-ueber-Digitalfaschismus/!6219084
(DIR) [3] /Wider-dem-Rechtspopulismus/!6219077
## AUTOREN
(DIR) Georg Seeßlen
## TAGS
(DIR) Schlagloch
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Faschismus
(DIR) Nazis
(DIR) Donald Trump
(DIR) Schwerpunkt AfD
(DIR) Social-Auswahl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Buch über Digitalfaschismus: Wenn der Schwarm Faschismus macht
Nicht Extremisten „kapern“ die sozialen Medien, ihre digitale Netzstruktur
treibt den Faschismus voran, schreibt Simon Strick in „Faschisierung.
Fluchtlinie des Digitalen“.
(DIR) CDU und Faschismus: Durch die Mitte gegen die Wand
Die geistige Leere und die Habgier im Zentrum der Gesellschaft sind Zeichen
der Sehnsucht nach autoritärer Herrschaft. Ein Vorbild steht bereit.
(DIR) Wider den Rechtspopulismus: Linke in Zeiten der Monster
Erfolge und Niederlagen der Progressiven folgen keinem einfachen Muster.
Ein paar Erfolgsrezepte sind aber erkennbar.