# taz.de -- Buch über Digitalfaschismus: Wenn der Schwarm Faschismus macht
> Nicht Extremisten „kapern“ die sozialen Medien, ihre digitale
> Netzstruktur treibt den Faschismus voran, schreibt Simon Strick in
> „Faschisierung. Fluchtlinie des Digitalen“.
(IMG) Bild: Letztlich ist es egal, womit man das Monstrum füttert: Es wird größer
Ein oft erprobter Plot des Horrorkinos erzählt von einem bösen Ding, das
man vor der Tür wähnt, während es sich längst im Inneren des Hauses
befindet. Die Protagonisten rufen sich hektisch Abwehrstrategien zu, doch
das Ding hat bereits die Handlung übernommen. Alle Versuche, es zu stellen,
müssen letztlich an der Naivität der Beteiligten scheitern. Ähnlich geht es
heute denjenigen, die eine Rückkehr des Faschismus beschwören und sich
dabei hauptsächlich auf klassische Theorien stützen. Ihre Versuche, das
Phänomen greifbar zu machen, missglücken.
Es lässt sich festhalten, dass viele der so abgeleiteten Fragen, wie etwa
diejenige, ob „Demokratie das tolerieren muss?“, ins Leere laufen. Zum
einen, weil die Demokratie das Phänomen produziert. Zum anderen, weil es
nicht mit den Faschismen der zwanziger und dreißiger Jahre in Deckung zu
bringen ist. Es ist genauso ansteckend, doch seine Viralität ist mutiert.
Seine Uniformität marschiert nicht auf der Straße, sie löst sich in
Poloshirts oder in der Meme-Culture des Internets auf. Das Monströse ruft
dort als Comic-Frosch nach Vernichtung und hat gleichzeitig globale Größe
erreicht.
Die Menge an Büchern, die den Faschismus erklären wollen, füllen
mittlerweile ganze Bibliotheken. Gleichzeitig, meint Simon Strick, gebe es
für das, was sich aktuell vollzieht, kaum mehr als eine „Armutspolitik des
Sprechens“. Ihr tritt der Medien- und Kulturwissenschaftler mit seinem 300
Seiten langen Aufsatz „Faschisierung. Fluchtlinie des Digitalen“ entgegen.
Seine zentrale These: Vergiss die Idee, das Internet als demokratischen
Raum zu verstehen, der von Extremisten „gekapert“ wird. Eben das ist eine
der größten Illusionen unserer Gegenwart. Es ist die digitale Netzstruktur
selbst, die uns in den Faschismus abgleiten lässt.
Rechte Ideologie wird nicht von einem Führer persönlich verkündet, sie ist
vielmehr eine Schwarmtätigkeit, mehr Flächeneffekt als Führerbefehl. Strick
bespricht deshalb eher, wie Faschismus gemacht wird, als was unter dem
Begriff genau zu verstehen sei – das macht sein Buch so lesenswert. Neben
zahlreichen Anekdoten und Referenzen vermittelt es vor allem einen neuen
Blick auf das Thema.
Strick schreibt: „Der Faschismus wird nicht wiederkommen, als fremde Macht,
radikale Partei oder paradoxer Zwilling der Demokratie.“ In Anlehnung an
den Psychoanalytiker Félix Guattari bedeutet das: „Er kommt nicht wieder,
weil die Faschisierung bereits die ganze Zeit in dem Haus arbeitet, das man
zu verteidigen meint.“ Der Horror unserer Gegenwart besteht darin, dass die
Politiken des „Nie wieder“ allesamt nicht mehr greifen. Was tun? Ein erster
Schritt wäre es, den Blick vermehrt auf das Prozesshafte zu richten. Oder,
wie Strick es sagt, „den Weg einer Maschine nachzuvollziehen“.
Wir beginnen die Reise in einem Labor, das auch unser mentaler Zustand sein
könnte. Dort begegnen wir einer Apparatur, die beständig Verkürzungen und
Verknappungen vornimmt, die zuspitzt und umdeutet, neue Muster webt,
während sie Komplexität und Sinnzusammenhänge zerstört. Bemerkenswert ist,
dass das Auftauchen der Maschine mit dem des Rechtspopulismus
zusammenfällt. Die Spuren führen zurück in die 1990er Jahre. Dort nimmt die
verhängnisvolle Gleichzeitigkeit von Faschismus und Digitalisierung ihren
Ausgang. Strick identifiziert sie als „tiefsitzende Verklammerung“, die
landläufig als „Rechtsruck“ bezeichnet wird. Eine erschreckende Implikation
dabei: Wenn die Digitalisierung nicht aufzuhalten ist, dann ist es der
„Prozess der Faschisierung“ womöglich auch nicht.
Worin besteht dieser Prozess? Faschisierung ist zunächst eine Eingewöhnung
in „eliminatorisches Sprechen“, zitiert Strick den Philosophen Pierre
Zaoui. Sie muss nicht zwingend auf einen totalitären Staat oder den
Faschismus hinauslaufen. Die neue Spielart unterscheidet sich von einem
Autoritarismus, der zum Schweigen zwingt. Sie fordert im Gegenteil zum
Sprechen auf. Faschisierung ist „kollektives Einüben“ und tägliche
Wiederholung in sozialen Netzwerken. [1][Was zuerst nur Geschwätz ist, wird
langsam faschisierte Sprache, denn die Maschine bewirtschaftet Gefühle,
insbesondere negative, und ruft dabei zur Reaktion auf.] Sie schlüpft dabei
in die Kleider der Freiheit und in die Psyche der User, öffnet und schließt
zugleich Türen, Gänge und Korridore. So entstehen die Muster der heutigen
digitalen Öffentlichkeit.
Diese ist vor allem schizoid: Soziale Medien erscheinen darin als Problem
und als Lösung gleichzeitig. Sie werden als Gefahr für Demokratie
ausgemacht und zeitgleich für ihre Rettung in Beschlag genommen. In den
Händen der Populisten werden sie zur Waffe, in denen ihrer Gegner
demokratische Heilsbringer. Letztlich aber ist es egal, womit man das
Monstrum füttert, es wird größer.
Strick plädiert in seinem Essay für eine Forschung, die der Normalisierung
rechtsextremer Einstellungen in der Gesellschaft [2][nicht mit
Zahlenbefunden begegnet und über den Mangel an „Zusammenhalt“ fabuliert].
Auch der Ruf nach Faktenchecks, die Appelle an die „Medienkompetenz“ oder
das bloße „Beobachten von Extremisten“ sind angesichts der Lage naiv. Viel
mehr geht es jetzt darum, den neuen Faschismus, der überall auftaucht,
verstehen zu lernen.
Ihn überdies aufzuhalten, dürfte ungemein schwieriger sein. Man wird
gezwungen werden, das vertraute theoretische Zuhause zu verlassen, um an
einem „ortlosen Ort“ zu kämpfen – gegen ein Monster, das gleichzeitig
Gegner und Terrain der Auseinandersetzung ist.
27 Oct 2026
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