# taz.de -- Deportation von Wolgadeutschen: Das bestrafte Volk
       
       > Im Jahr 1941 beschloss Stalin, die Russlanddeutschen nach Sibirien und
       > Kasachstan zu deportieren. Sie galten von einem Tag auf den anderen als
       > Verräter.
       
 (IMG) Bild: Bauernfrauen der Kolonie Kukkus, Teil der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen kommen 1927 vom Gottesdienst
       
       Am 30. August 1941 hörte der deutsche Lehrer Dmitrij Bergmann aus einem
       Wolgadorf die Nachricht, die ihm völlig absurd erschien. Er war Kommunist,
       der Sowjetmacht treu ergeben und wollte den Gerüchten keinen Glauben
       schenken. Er schreibt in seinem Tagebuch, das er bis zu seinem Tod im
       Winter 1942 führte: „August 30. Abends erzählt M., dass alle Deutschen
       ausgesiedelt würden; ich riet, kein Wort weiter darüber zu verlieren; eine
       infame Lüge oder eine kolossale Provokation.“
       
       Doch dann überzeugt er sich davon, dass es wahr ist: „August 31.
       Schrecklich, aber wahr – in der Zeitung mit dem Erlass schwarz auf weiß,
       unbegreiflich! Aber wie ungerecht die Anschuldigung.“
       
       Der katastrophale Rückzug der Roten Armee nach dem Kriegsbeginn löste in
       der sowjetischen Führung Panik aus. Dass man auf den deutschen Einmarsch
       nicht vorbereitet war, war auch eine Folge von Stalins Fehleinschätzung von
       Hitlers Plänen. Stalin reagierte darauf so, wie er es immer tat: Er schob
       die Verantwortung für eigenes Versagen anderen zu.
       
       Dazu gehörte auch die Entscheidung zur [1][Deportation der
       Russlanddeutschen] – aus dem Wolgagebiet und dann aus dem europäischen Teil
       der UdSSR. In dem Erlass vom 28. August 1941, den Bergmann in der Zeitung
       las, wurden alle Russlanddeutschen völlig grundlos des möglichen Verrats
       beschuldigt.
       
       „Nach zuverlässigen Angaben befinden sich im Wolgagebiet unter der
       deutschen Bevölkerung Tausende und Zehntausende von Diversanten und
       Spionen, die auf ein aus Deutschland gegebenes Signal hin Explosionen in
       den von Deutschen bewohnten Gebieten verüben sollen. Folglich verbirgt die
       deutsche Bevölkerung des Wolgagebiets in ihrer Mitte Feinde des
       sowjetischen Volkes und der Sowjetmacht.“
       
       Damit begann die Deportation, und die Republik der Wolgadeutschen wurde
       aufgelöst.
       
       ## Kälte, Elend und Hunger
       
       Das war nicht die erste Zwangsumsiedlung in der UdSSR. Doch die Aussiedlung
       der Russlanddeutschen war die erste Deportation von solcher Größenordnung
       nach dem nationalen Prinzip. 1939 gab es in der UdSSR 1,4 Millionen
       Deutsche. 950.000 wurden umgesiedelt. Nach drei Jahren begann die
       Deportation anderer Völker, die der Kollaboration mit dem Feind beschuldigt
       wurden – Kalmücken, Tschetschenen, Krimtataren und andere.
       
       Die deportierten Deutschen wurden in weit entfernte Dörfer nach Sibirien
       und Kasachstan gebracht: Kälte, Elend und Hunger erwarteten sie dort. Aber
       die Lage wurde noch schlimmer, als 1942 die Mobilisierung in die
       Arbeitsarmee begann, eine der brutalsten Formen der stalinistischen
       Mobilisierungspolitik. Die Lage der Mobilisierten war keineswegs besser als
       die der Gefangenen des Gulags – schwerste Arbeit und hohe Sterblichkeit.
       
       Auch nach dem Ende des Krieges erwartete die Russlanddeutschen die ewige
       Verbannung in den Sondersiedlungen, die erst nach Stalins Tod 1955
       aufgehoben wurde. Von einer Wiederherstellung der Autonomie war dabei keine
       Rede. Das Trauma des Krieges spielte eine Rolle; bei den nachfolgenden
       Generationen gingen Sprache, Bräuche und Religion durch die erzwungene
       Assimilation verloren.
       
       ## Massenausreise nach Öffnung der Grenzen
       
       Erst infolge des Gesetzes von 1991 „Über die Rehabilitierung der Opfer
       politischer Repressionen“ stellte sich die Frage nach der Wiederherstellung
       der Autonomie der Wolgadeutschen. Doch die Bemühungen der Aktivisten
       blieben erfolglos. Die damaligen russischen Behörden wollten diese
       Bestrebungen nicht unterstützen.
       
       [2][Mit der Öffnung der Grenzen begann die Massenausreise der
       Russlanddeutschen nach Deutschland]. So kam diese zweihundertjährige
       Geschichte an ihr Ende.
       
       Russland verlor einen wichtigen Teil seiner multiethnischen Bevölkerung,
       während man in Deutschland nicht auf sie als „wirkliche“ Deutsche blickte.
       Ihre tragische Geschichte ist aber heute von großer Bedeutung, weil sie dem
       Putinschen Geschichtsmythos, der Rehabilitierung Stalins und der
       Verwandlung des Krieges in eine bloße Geschichte des „Großen Sieges“
       widerspricht.
       
       9 Oct 2026
       
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