# taz.de -- Politikwissenschaftler über Midterms: „Der Wahlkampf fühlt sich wie eine Zeitreise an“
> Das Feindbild der Republikaner bei den Midterms ist der Kommunismus.
> Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller bezweifelt, dass die Strategie
> aufgeht.
(IMG) Bild: US-Präsident Trump beim Wahlkampf in North Carolina
taz: Herr Müller, welche Bedeutung haben [1][diese Midterms] für die
US-Demokratie?
Jan-Werner Müller: Diese Zwischenwahlen sind von existenzieller Bedeutung.
Wenn, im Moment erscheint es nicht sehr wahrscheinlich, aber wenn die
Republikaner die Botschaft aus dem Wahlausgang ziehen, dass alles, was sie
seit Januar 2025 in den USA angestellt haben, von der Bevölkerung
willkommen geheißen oder zumindest nicht entschieden zurückgewiesen wird,
dann wird es nicht nur in dem Stil weitergehen, sondern es wird noch sehr
viel brutaler.
taz: Wie würden Sie die politische Ausgangssituation vor den Wahlen
beschreiben?
Müller: Die Umfragen zeigen doch recht deutlich, dass Donald Trump ein
sehr, sehr unpopulärer Präsident ist. Man fragt sich natürlich, wer sind
eigentlich die knapp 30 Prozent, die immer noch meinen, das läuft ja alles
ganz fantastisch im Moment. Dieser unpopuläre Präsident spielt sich zudem
ständig in den Vordergrund und behauptet, eigentlich stünde er mit auf dem
Wahlzettel. Das macht es seiner Partei schwer und zeigt, dass er sich
letztendlich nicht wirklich um sie schert.
taz: Er schadet den Republikanern …
Müller: Ja, Trump hat kein Interesse daran, das Programm seiner Partei oder
bestimmte politische Ideale langfristig umzusetzen. Jemand, der das wollte,
würde sich anders verhalten als der narzisstische Präsident, der nur an
sich selbst denkt. Letztlich rächt sich auch hier, dass die Partei diese
Art Personenkult zugelassen hat. Dafür zahlt sie nicht zum ersten Mal den
Preis. Es ist eine hochgefährliche Situation.
taz: Weshalb?
Müller: Wir wissen nicht, wie die Republikaner auf eine Wahlniederlage
reagieren. Wir wissen aber seit Januar 2021 und dem Angriff aufs Kapitol,
dass es im Grunde keine Grenzen gibt. Die republikanische Seite könnte
bereit sein, alles zu tun, um einen Wahlausgang auf die eine oder andere
Weise zu revidieren. Das ist im Moment zwar Spekulation. Nur wäre es
fahrlässig, nicht damit zu rechnen. Alle um Donald Trump herum wissen auch,
dass er sie wohl früher oder später begnadigen wird, solange sie tun, was
er will.
taz: Schauen wir auf die [2][Demokraten]. Wie steht es um sie?
Müller: Sie hätten eigentlich eine Chance, die aber offenbar niemand nutzt.
Sie könnten sagen, dass es nicht nur darum geht, diesem unpopulären
Präsidenten ein Signal zu senden. Und auch nicht nur darum, Themen wie
Lebenshaltungskosten, Benzinpreise, Wohnen und so weiter in den Vordergrund
zu stellen – auch wenn all dies richtig und wichtig ist – sondern darum,
größer und grundlegender anzusetzen.
taz: Und zwar wie?
Müller: Bis heute profitieren die Republikaner von dem Image, dass sie in
Wirtschafts- und Sicherheitsfragen besonders gut sind, also Außenpolitik,
Militär etc. Dabei haben die Republikaner unter Trump in beiden Bereichen
wirklich desaströs versagt. Und keiner von ihnen hat offen Kritik geäußert
nach dem Motto: „Moment, wir verlieren diesen Krieg mit dem Iran. Er war
strategisch idiotisch.“ Es traut sich auch niemand zu sagen: „Das mit den
Zöllen ist die Obsession eines älteren Herren.“ Obwohl alle um ihn herum
wissen, welchen Schaden sie anrichten.
taz: Was heißt das jetzt für die Demokraten?
Müller: Wenn man das aktuelle Versagen der Republikaner zusammendenkt mit
ihrer Politik der vergangenen Jahrzehnte, könnte man sich anschauen: Wer
hat eigentlich diese Kriege angefangen, die letztendlich alle verloren
wurden? Den zweiten Irakkrieg, den Afghanistankrieg. Auch die
Wirtschaftszahlen zeigen, dass es unter republikanischen Präsidenten im
Großen und Ganzen immer schlechter läuft. Auch was Wirtschaftswachstum und
Verschuldung angeht, haben demokratische Präsidenten immer besser performt.
Mit Ausnahmen: Jimmy Carter war keine Erfolgsgeschichte, obwohl er
Veränderungen wie Deregulierung und Inflationsbekämpfung eingeleitet hat,
die dann Reagan zugutekamen. Die Demokraten hätten jetzt die Chance, eine
grundsätzliche Verschiebung der kulturellen Hegemonie anzugehen, wenn sie
sich nicht nur auf die Kitchen Table Issues beschränken, sondern die
Republikaner mit einer größeren Erzählung entwerten würden.
taz: Wenn aber [3][Fragen wie die Lebenshaltungskosten] aktuell so im
Zentrum stehen, wäre das nicht die Chance für eine stärker links
ausgerichtete demokratische Partei nach der Art von Zohran Mamdani?
Müller: Ja, dafür sehe ich schon einen gewissen politischen Spielraum. Nur
im Moment wird ja kein nationales Programm gewählt. Es werden nur
Individuen in zum Teil sehr unterschiedlichen regionalen Kontexten gewählt.
Entscheidend wird sein: Was passiert mit den Kandidatinnen und Kandidaten,
die sich wirklich deutlicher links positioniert haben? Wenn die gewinnen,
dann ist das sicherlich ein Signal, dass es 2028 bei der
Präsidentschaftswahl mit einem ambitionierteren Programm klappen könnte.
Dann ist natürlich noch – wie immer in den USA – die Frage: Was sagen
eigentlich die großen Geldgeber dazu? Wären die glücklich mit solchen
Visionen? Wenn die progressiven Kandidaten bei den Midterms nun aber alle
verlieren, dann werden die Demokraten wohl jemanden mit einem deutlich
mittigeren Programm ins Rennen schicken.
taz: Gibt es denn Themen, die besonders [4][republikanische Wähler]
mobilisieren?
Müller: Das Skurrile ist, dass der Wahlkampf sich wie eine Zeitreise in die
1950er Jahre anfühlt. Also die Behauptung der Republikaner: Wenn ihr die
Anderen wählt, dann kommt der Kommunismus. Das fühlt sich so aus der Zeit
gefallen an. Als könnten sie nichts Besseres, als auf eine primitive Art in
einen McCarthyismus zurückzufallen beziehungsweise gegen Minderheiten wie
trans Personen zu hetzen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das wirklich
funktioniert. Und es gibt da ja auch absurde Verrenkungen bei den
Argumenten.
taz: Zum Beispiel?
Müller: Wenn Vizepräsident J. D. Vance gefragt wird: Was ist eigentlich
Sozialismus? Er, der sich angeblich um die Arbeiterinnen und Arbeiter
kümmern und ein ganz anderer Typ von Republikaner sein will. Dann sagt
Vance: Sozialismus ist, wenn man die amerikanischen Arbeiter durch
ausländische Arbeiter ersetzen will. Oder Sozialismus ist, wenn Männer im
Sport bei den Frauen mitmachen dürfen. Das kommt bei manchen wahrscheinlich
immer noch gut an, weil Hass wichtiger ist als alles andere. Aber man kann
sich schwer vorstellen, dass das jenseits einer überschaubaren Bubble von
Leuten mit festgefahrenen Überzeugungen Erfolg hat.
taz: Sie leben schon sehr lange in den USA. Wie haben Sie denn die
vergangenen zwei Jahre [5][Trump-Präsidentschaft] erlebt?
Müller: Erschreckend war, dass es erst mal für sehr, sehr viele Menschen
ganz normal weiterging. Das war in anderen Kontexten, wo Autokraten in spe
agiert haben, nicht völlig anders. Aber auch als relativ privilegierter
Mensch merkt man früher oder später, wie nah einem das Ganze geht. Man ist
nicht selbst von Razzien der Abschiebebehörde ICE betroffen, aber man kennt
Leute, die betroffen sind. Gleichzeitig war ich auch erstaunt darüber, dass
es keine größere Gegenbewegung gegeben hat. Klar ist es wichtig und gut,
dass alle paar Monate Millionen von Leuten auf die Straße gehen. Aber
letztendlich, auch im Vergleich mit anderen Ländern, ist es immer noch
relativ wenig Protest. Erschreckend war auch, wie schnell Eliten das
Handtuch geworfen haben. Viele Universitäten, mehrere der großen
Anwaltskanzleien. Aber auch das kennt man aus der Geschichte.
taz: Wie würde sich Trumps Präsidentschaft verändern, wenn die Demokraten
den Kongress eroberten? Bisher nimmt er ja nicht so viel Rücksicht auf das
Parlament.
Müller: Er würde wohl genauso weitermachen wie im Moment. Er haut
irgendwelche Dekrete raus. Die Dekrete werden zum Teil auch von sehr
respektablen Journalistinnen und Journalisten missverstanden, als seien es
Gesetze, die nun automatisch umgesetzt würden. Dabei sind Dekrete erst mal
nur spezielle Anweisungen an die Verwaltung, keine für alle Bürgerinnen und
Bürger verbindlichen parlamentarischen Entscheidungen; auch kann der
Präsident mit ihnen nicht eigenmächtig Geld ausgeben. Es ist allerdings
Trumps typisches Vorgehen: Ich mache jetzt einfach mal irgendwas, auch wenn
ich weiß, dass es illegal ist; ich schaffe Fakten. Und dann dominiere ich
weiterhin die Debatte. Es ist nicht abzusehen, dass sich das ändert.
taz: Es geht also alles so weiter?
Müller: Man kann der Regierung mit einer demokratischen Mehrheit im
Abgeordnetenhaus und eventuell auch im Senat schon ziemlich zusetzen. Die
Demokraten könnten alle möglichen Amtsenthebungsverfahren einleiten. Selbst
wenn diese letztendlich scheiterten, wäre das sinnvoll. So gäbe es
öffentliche Verfahren; auch eine Partei, die nicht an den Hebeln der Macht
sitzt, kann eine öffentliche Pädagogik in Gang bringen. Der Bevölkerung
könnte so noch mal gesagt werden: Schaut, das sind die korrupten und
grausamen Machenschaften dieser Exekutive.
taz: Wäre Trump dann eine „[6][lame duck]“, die nicht mehr allzu viel
machen kann?
Müller: Es gibt natürlich noch viele Bereiche – klassisches Beispiel
Außenpolitik – in denen er als Präsident sehr viel Macht hätte. Und eine
Sache, die Trump im Gegensatz zur ersten Amtszeit gelernt hat, ist: Man
kann innerhalb der Verwaltung sehr viel machen – und, ich betone es einmal
mehr, die Trumpisten sind nachweisbar bereit, auch mal rechtlos zu agieren.
Man darf beispielsweise Gelder, die vom Kongress für etwas Bestimmtes
vorgesehen sind, nicht einfach nicht auszahlen oder für etwas anderes
ausgeben. Das betrifft sehr stark Forschungseinrichtungen. Deshalb kann man
verklagt werden, es gibt dann ein Verfahren, und das verliert man
vielleicht. Aber zunächst ist erst mal ein Fakt geschaffen worden. Labore
müssen schließen, Postdocs werden arbeitslos, während man auf verwehrte
Bundesmittel wartet. Trump könnte immer noch unglaublich viel zerstören.
2 Nov 2026
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