# taz.de -- Zwischenwahlen in den USA: Magier ohne Zauber
       
       > Bei den Midterms haben die Demokraten gute Chancen, die
       > Republikaner-Mehrheit zu brechen. Auch Trump scheint daran nichts ändern
       > zu können. Woran liegt das?
       
       Ja, natürlich, die Meinungsforschung hat schon oft falsch gelegen. Sie hat
       die Stimmung in den USA nicht einzufangen vermocht und den Willen zur
       Disruption der vergangenen Wahlen nicht erspürt. Und dennoch könnte am 3.
       November, wenn die Amerikanerinnen und Amerikaner ihre Volksvertretung
       wählen, etwas Großes geschehen: Donald Trump und seine Republikaner könnten
       eine Niederlage erleiden, vielleicht sogar eine wuchtige.
       
       Zum einen hat die Demoskopie ihre Methoden angepasst und ermittelt seitdem
       deutlich besser. Und zweitens sind es die Republikaner selbst, die immer
       offener daran zweifeln, dass sie beide Kammern des US-Parlaments, das
       Repräsentantenhaus und den Senat, verteidigen können. Glaubt man den
       meisten Meinungsforschenden, wird das Haus an die Demokraten gehen. Die
       Frage sei mittlerweile eher, „wie groß die Mehrheit der Demokraten in 2027
       sein wird“, bilanziert Erin Covey vom unabhängigen Wahlanalysedienst „Cook
       Report“.
       
       Und im Senat sind selbst Wahlsiege der Demokraten in einst tiefroten
       Bundesstaaten wie Texas (wo der Demokrat James Talarico überraschend stark
       ist), North Carolina (das schon zugunsten der Demokraten verbucht wird),
       Alaska (mit der Demokratin Mary Peltola) oder Iowa (wo die Kandidaten Kopf
       an Kopf liegen) nicht mehr undenkbar und damit ein Kippen der
       Mehrheitsverhältnisse. [1][In Michigan könnte mit Abdul El-Sayed sogar ein
       muslimischer Sozialist in den Senat gewählt werden.] Nochmal zum
       Mitschreiben: ein MUSLIMISCHER SOZIALIST! IN DEN USA!
       
       Dabei schienen die Vereinigten Staaten doch im eisernen Griff von Donald
       Trump und seiner MAGA-Armee. Woher kommt dieser Lichtstrahl im politischen
       Dunkel? Und was heißt das für den Zustand der Demokratie in den USA?
       
       Der Fundus an Erklärungen für den Aufstieg rechtsextremer Populisten in den
       vergangenen 20 Jahren ist groß. Man muss keine Marxistin sein, um zu
       verstehen, dass das moderne System der westlichen Demokratien nicht mehr
       für ausreichend viele Menschen funktioniert, zumindest gefühlt. Vom
       kognitiv-kulturellen Kapitalismus, wie der Soziologe Andreas Reckwitz ihn
       nennt, profitieren in der globalisierten, digitalisierten Welt zu wenige.
       Und die zum Zuschauen Verdammten wenden sich mit einer zerstörerischen Wut
       von ihren Eliten ab, in Sachsen-Anhalt wie in South Dakota.
       
       Im Zustand der sozialen wie kulturellen Spaltung der westlichen
       Gesellschaften gedeihen disruptive Antworten ganz formidabel. Und die Kraft
       globaler Krisen seit dem Finanzmarkt-Meltdown von 2008, von Corona und den
       jüngsten Kriegen, zuletzt in Iran, [2][haben Verunsicherung und
       Verlustängste nur noch wachsen lassen.] Die Analysen dazu sind ebenso
       zahlreich wie bestechend.
       
       [3][In den USA haben die Demokraten daraus ganz unterschiedliche Lehren
       gezogen.] Jon Ossoff beispielsweise, demokratischer Kandidat für den Senat
       in Georgia, hat sich darauf verlegt, die offenkundige Korruption des
       Trump-Clans, der neuen Elite also, anzuprangern. Andere, wie Zohran Mamdani
       in New York und El-Sayed in Michigan, treten als sozialistische
       Wärmestuben-Betreiber auf und versprechen affordability durch städtisch
       betriebene Supermärkte, Krankenversicherung für alle oder kostenlose
       Kinderbetreuung.
       
       Aber so erfolgreich manche der vielfältigen demokratischen Ideen auch sein
       mögen und so populär der eine oder die andere Kandidatin: Noch ist nicht
       ausgemacht, ob sie wirklich eine Antwort von links auf die Verwerfungen des
       globalisierten und digitalisierten Kapitalismus sind. Einiges spricht
       vielmehr dafür, dass derzeit nicht die Demokraten besonders stark, sondern
       Donald Trump und seine Republikaner schwach sind.
       
       Trump, der Magier, der Marionettenspieler, der Mann, der meint, er könne
       ungestraft auf der 5th Avenue in New York einen Menschen erschießen, der
       Bully, der der Welt nahezu ungebremst seine Regeln aufzuzwingen schien, ist
       seit seiner Rückkehr ins Weiße Haus auf menschliches Maß geschrumpft
       worden.
       
       Trumps Fähigkeit, Menschen aufzuwiegeln und Emotionen anzuheizen, sein
       Killerinstinkt für das Momentum, wirkt seltsam verbraucht. Sein Versuch,
       die Midterms zu einer Abstimmung über sich selbst zu machen, als stünde der
       Name Trump auf dem Wahlzettel, mobilisiert zwar den harten Kern seiner
       MAGA-Base – ruft aber in der eigenen Partei bestenfalls gemischte Gefühle
       hervor: Mancher Kandidat wie manche Kandidatin hält lieber maximale Distanz
       zum Präsidenten, um nicht mit in den Abgrund gerissen zu werden.
       
       Der Donald Trump von 2026 ist mehr zur Belastung denn zur Stärke seiner
       Partei geworden. Nur noch gut 30 Prozent schätzen derzeit Trumps
       Amtsführung, 60 bis 70 Prozent lehnen sie ab. Die Werte bewegen sich auf
       einem historisch niedrigen Level. Warum das so ist, dafür gibt es eine
       Reihe von Gründen:
       
       ## 1. Er hält nicht, was er verspricht
       
       Trump ist mit einer Reihe von Versprechen ins Weiße Haus eingezogen, die
       ihn im Wahlkampf beflügelt haben. Da ist die versuchte Wiederbelebung der
       produzierenden Industrie mittels eines Zollkriegs, der den Rest der Welt
       verschreckt hat. Der Effekt, von Trump mit spektakulärem Elan gestartet,
       ging allerdings alsbald irgendwo zwischen Chinas Seltenen Erden und dem
       Persischen Golf verloren. Was stattdessen geschah: Die im Wahlkampf von
       Trump als Biden-flation angeprangerte hohe Inflation ist viel weniger als
       versprochen zurückgegangen – zuletzt betrug sie noch immer stolze 3,7
       Prozent. Wenn eine Gallone Diesel 6 Dollar kostet, dann bekommen das
       ebenjene Farmerinnen in Iowa und Arbeiter in den Appalachen zu spüren, die
       Trump zweimal ins Amt getragen haben. Das Leben in den USA, ohnehin schon
       teuer, wird immer schwieriger zu bezahlen.
       
       Und aus seinem Versprechen, die amerikanischen Soldaten aus den
       Krisenregionen dieser Welt zurückzuholen, wurde ein neuer Krieg gegen Iran,
       der sich schon nach einigen Monaten anfühlt wie ein weiterer never-ending
       war. Bei manchen seiner Anhängerinnen hat ihn dieser Krieg viel Kredit
       gekostet, bei anderen die hohen Preise. Eingehalten hat Trump nur die
       versprochene brutale Verfolgung nichtlegalisierter Immigrantinnen und
       Immigranten durch die paramilitärischen Schwadrone der Einwanderungsbehörde
       ICE.
       
       ## 2. Der Dealmaker ist dechiffriert
       
       Einen Teil seines Nimbus zog Trump aus dem Mythos, der weltbeste dealmaker
       zu sein, einer, der zwar etwas vulgär sein mag, aber die USA international
       zu alter Größe zurückführt. Den Ukrainekrieg? Beendet er am ersten Tag
       seiner Amtszeit! Das iranische Atomprogramm? Stoppt er in kürzester Zeit,
       wahlweise mit einem historischen Deal oder durch die überragende Macht der
       US-Luftwaffe. Hilfe für das iranische Volk? Ist auf dem Weg! Das Problem
       ist nur: Spätestens mit seiner zweiten Amtszeit haben sich die Autokraten
       der Welt auf Trump eingestellt, haben ihn analysiert und dechiffriert. Der
       russische Präsident Wladimir Putin spielt geschickt mit Trump. Der
       chinesische Staatschef Xi Jinping kontert Zolldrohungen mit dem Exportstopp
       Seltener Erden und zwingt Trump zum Kompromiss. Und das iranische Regime,
       wiewohl seiner Staatsspitze entledigt, widersteht einem Regimewechsel in
       überraschender Zähigkeit. Selbst die historisch handzahmen Europäer haben
       Trumps neoimperialistischen Ambitionen, sich Grönland einzuverleiben,
       getrotzt und ihm einen Deal abgerungen, der den USA in Grönland kaum mehr
       Rechte einräumt, als sie ohnehin schon hatten. Die Welt hat gelernt, mit
       der erratischen Außenpolitik des US-Präsidenten umzugehen.
       
       Die Amerikaner und Amerikanerinnen lieben starke Führer. Aber ebenso
       riechen sie Schwäche.
       
       ## 3. Sein Personenkult überragt noch seinen Fanatismus
       
       Amerika erlebt einen Präsidenten, der den Ostflügel des Weißen Hauses für
       seinen Traum eines riesigen Ballsaals einreißen lässt. Und gleich nach den
       Wahlen soll in Washington der Bau eines Triumphbogens beginnen, ein Bauwerk
       fast doppelt so hoch wie der Arc de Triomphe in Paris, das das Lincoln
       Memorial auf der anderen Seite des Flusses überragen würde. Der
       Personenkult Donald Trumps wächst über seinen politischen Fanatismus
       hinaus. Wo doch gerade im politischen Fanatismus ein Teil seiner
       Anziehungskraft liegt. Jetzt, so scheint es, plant Donald Trump
       insbesondere seine monumentale Hinterlassenschaft. Er kümmert sich um sich
       selbst und sein politisches Erbe, nicht um seine Wählerinnen und Wähler.
       
       Ein Präsident jedoch, der sich Monumente erbauen lässt, statt Versprechen
       an das Volk zu erfüllen, der das Land in einen Krieg führt, ohne diesen
       gewinnen zu können, der an Putin, Xi und iranischen Klerikern scheitert und
       dem die nötige Durchsetzungsfähigkeit am Ende doch meist zu fehlen scheint,
       bleibt hinter einem zentralen Motiv des rechten Populismus zurück:
       Gestaltungsmacht.
       
       In einer hyperglobalisierten Welt ist das das eine Narrativ, das rechte und
       rechtsextreme Populisten teilen. Sie suggerieren einfache Lösungen in einer
       komplexen Welt, Unabhängigkeit von komplizierten Tatsachen und absolute
       Handlungsfreiheit.
       
       Es gibt leider wenig Anzeichen, dass die große Mehrheit in den USA
       eingesehen hätte, dass Trumps Politik inhaltlich ein Desaster ist, dass sie
       seinen Rassismus ablehnt, seinen Neoimperialismus und seine
       nationalistische Politik. Aber einen Versager im Weißen Haus, der nicht
       liefern kann – den wählen auch die Amerikanerinnen und Amerikaner nicht
       mehr ganz so unbekümmert.
       
       1 Nov 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Vorwahlen-zu-US-Midterms-Kopf-an-Kopf-Rennen-der-Demokraten-in-Michigan/!6201889
 (DIR) [2] /Regisseur-ueber-Polarisierung-in-den-USA/!6225335
 (DIR) [3] /US-Philosophin-ueber-Midterms/!6219042
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Barbara Junge
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Zohran Mamdani
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) US-Wahl 2024
 (DIR) US-Demokraten
 (DIR) Donald Trump
 (DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
 (DIR) Midterms
 (DIR) Republikaner
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Regisseur über Polarisierung in den USA: „Den Leuten steht das Wasser bis zum Hals“
       
       Filmemacher Tim Boehme zeigt in seiner Doku „Under Pressure“, wie gespalten
       die Gesellschaft in den USA ist. Trump habe das Land nachhaltig verändert.
       
 (DIR) Wahlmanipulation in den USA: Von „Gerrymandering“ bis Wahlmaschinenklau
       
       In den USA versucht die Trump-Regierung mit verschiedenen Mitteln die
       Midterm-Wahlen zu beeinflussen. Demokraten und Zivilgesellschaft halten
       dagegen.
       
 (DIR) Midterms in den USA: Die US-Demokratie ist doch noch nicht ganz verloren
       
       Der Supreme Court hat Trumps Vorhaben, die Briefwahl einzuschränken,
       gestoppt. Das oberste Gericht holt sich seine Unabhängigkeit teilweise
       zurück.