# taz.de -- Neues Album von Nichtseattle: Ihnen wächst niemals dicke Haut
> Heute Umsturz, morgen Landpartie: Beim neuen Album „Große Liebe“ von
> Nichtseattle geht es um Pop, Natur und die eigene Sozialisation in
> Ostdeutschland.
(IMG) Bild: Seattle und aber auch Nichtseattle: Katharina Kollmann im Kreise ihrer Band
Eine Fliege, die auf dem Arm herumkrabbelt, nicht verscheuchen? Eher
gucken, wie sich das Gekrabbel anfühlt? „Und auch wenn’s kitzelt, du lässt
sie / Es ist, als fasst dich jemand an“, singt Katharina Kollmann in
„Stubenfliege“ über einen zurückhaltenden Groove. Zugleich schwingt latent
nervöse Getriebenheit mit.
Nein, der Song ist keine schräge Achtsamkeitsübung. Eher eine Einladung,
Alltäglichem mit frisch austarierter Sensorik zu begegnen – und der
Bereitschaft, [1][Ambivalenz] zuzulassen. Derartige Angebote finden sich
einige auf „Große Liebe“, dem vierten Album von Nichtseattle, dem nun zum
Quintett gewordenem Projekt der Berliner Künstlerin Katharina Kollmann. Und
das, obwohl der Albumtitel ein Gefühl beschriebt, das Eindeutigkeit feiert
und nicht die Ambivalenz.
„Weil sich meine Eltern trennten, krachte die [2][Berliner Mauer] in sich
zusammen“, schreibt Kollmann gleich zum Auftakt eines so lustig wie klugen
Essays, das die Albumveröffentlichung begleitet. In diesen Linernotes
zeichnet Kollmann den Wandel ihrer Vorstellungen von Liebe nach – auf eine
so kurzweilige Weise, dass man sich wünscht, sie möge auch mal ein Buch
schreiben.
Die große Liebe sei damals trotzdem bei ihr eingezogen, dank [3][Popsongs]
und Hollywoodkino: „Uns sollte sie nun offenstehen, die ganze freie Welt,
die unseren Eltern bisher verschlossen war, und mit ihr all die großen
Gefühle, die unsere Erwachsenen noch nicht zu kennen schienen.“ Die
Realität erwies sich dann jedoch als wesentlich komplizierter. Und
irgendwann blieb Kollmann einfach stehen, „genau da, wo ich mich gerade
wiederfand“, statt der romantischen Erfüllung nachzujagen.
## Tiere und Menschen
Mit der Zeit gesellten sich andere Menschen und auch ein paar Tiere zu ihr.
Kollmann lud sie ein, zu bleiben, „obwohl ich mich eigentlich ein bisschen
vor ihnen fürchtete“. Und erlebte Unerwartetes, bisweilen sogar Glück. Im
Song „Wildeste Nacht“ auf eher klassischem Terrain. Aber eben auch im
gruppentherapeutischen Stuhlkreis oder in ihrem Hausprojekt auf dem Land,
wo sie zeitweise lebt: „Ob mit Kind oder Greis / Ich sitze jetzt gerne im
Kreis“ heißt es im Song „Dallas“.
Kotzte sie sich auf dem Vorgängeralbum „Haus“ (2024) im Song „Beluga
(Eigentumswohnung)“ noch frustriert aus – „Jetzt soll ich auch noch was zum
Konzept ‚Liebe‘ sagen“, der Kontext war ein Date mit einem nervig
selbstzufriedenen Gockel –, macht sie auf dem neuem Album genau das, so
vielschichtig wie präzise. Die Songtexte wirken wie Gedichte: assoziativ
und dicht, surreal, aber sozialrealistisch grundiert klingen sie.
Der Song „River Cola“ – die Discounter-Brause ziert als Buntstiftzeichnung
auch das Albumcover – erweist sich als genaue Studie eines Milieus, in dem
es die Liebe eher schwer hat. Auf „blanke Männerbrust“ reimt sie
„halbbewusste Zerstörungslust“. Und „Übersehene Leiber tragen Neonkleider /
Zu flehend grauem Blick“. Dazu die Erkenntnis, dass Kollmann mit größerer
sozialer Distanz gelassener auf die im Song skizzierten Schieflagen blicken
würde. „Wärst du nicht eine von ihnen / Dann / Wärst du doch ruhig
geblieben.“
Wie oft in Nichtseattle-Texten laufen Geschlechterfragen und
Ostsozialisation mit, auf angenehm diskursbefreite Weise. „Es geht mir ja
nicht darum, Statements zum Osten zu machen“, erklärt die 41-Jährige im
Interview. „Eher will ich meine Umwelt erforschen.“ Ihre Generation
beschäftige sich medial und künstlerisch stärker mit diesem Thema – worüber
sich Ältere oft wundern. „Für die Generation meiner Eltern ging es noch
darum, nicht außen vor zu bleiben, die Haltung war: ‚Gut, dass es vorbei
ist.‘ Doch es ist eben nicht vorbei – zumindest nicht für alle.“
## Ein Selbstwertknacks
Aber was genau ist ihrer Einschätzung nach nicht vorbei? Kollmann
attestiert dem Osten Deutschlands einen „ziemlichen Selbstwertknacks“. Zum
einen wegen des Gefühls, „dass man mit der Wiedervereinigung 1990 komplett
alles ablegen musste, was aus der DDR kam. Doch es spielte vieles mehr
rein, unterschiedlichste Erfahrungen: etwa im Zusammenhang mit den
Wochenkrippen“. In die wurden Kleinkinder zu DDR-Zeiten bereits im
Säuglingsalter am Montagmorgen gebracht und erst zum Wochenende wieder
abgeholt – damit auch alleinerziehende Mütter und Schichtarbeiterinnen
werktätig sein könnten. „Das hat traumatische Spuren hinterlassen.“
Unser Gespräch findet in der KulturMarktHalle statt, einer einstigen
Kaufhalle im noch nicht durchgentrifizierten Osten von Prenzlauer Berg in
Berlin. Ein klassischer sogenannter Dritter Ort: niedrigschwellig, ohne
Konsumzwang. Karaoke gibt es hier ebenso wie Sozialberatung und ein
Repair-Café.
Und natürlich der Kaufhallen-Chor, den Kollmann leitet, und der sie zum
Schwärmen bringt: „Es ist toll, was entstehen kann, wenn Menschen
zusammenkommen, die nicht aus derselben Bubble stammen.“ Nebenbei habe der
Chor, in dem Männer und Frauen von 30 bis 80 mitsingen, ihr die Angst vor
dem Alter genommen.
Aufgewachsen ist die 1985 geborene Kollmann in Berlin-Karlshorst, jenseits
des S-Bahn-Rings. Das erste Musikprojekt, mit dem sie an die Öffentlichkeit
ging, hieß Lake Felix. Zu introspektiven Texten auf Englisch spielte sie
dabei Bass. 2019 veröffentlichte sie als Nichtseattle mit dem eher kargen
Gitarrenalbum „Wendekid“ erstmals deutschsprachige Musik, damals noch im
Eigenverlag. Der Nachfolger „Kommunistenlibido“ (2022) erschien dann beim
Label Staatsakt und schlug ziemlich Wellen, ebenso wie „Haus“ (2024). Thema
dieses Konzeptalbums waren unterschiedlichste Räume – und die Menschen, die
sich darin einrichten.
## Nicht mehr schlaflos in Seattle
Wenngleich ihre Mitmusiker:innen schon beim Vorgängeralbum dabei waren
– so richtig nach Band und Werk klingt nun erst „Große Liebe“. Opulenter
und pastoser, warm instrumentiert – und manchmal klingt der Sound
tatsächlich ein bisschen nach Seattle, wenn denn diese Stadt für
angegrungten Lo-Fi-Gitarrenpop steht. Und bisweilen blitzt sogar
anarchischer Humor durch, etwa wenn die Band im Liebeslied „Ich mit Brille“
mehrstimmig aus dem Off Kollmanns mäandernden Bewusstseinsstrom
kommentiert.
Die Songs komponiert Katharina Kollmann nach wie vor im Alleingang. „Wenn
ich den Kern des Liedes habe – das kann ein Satz sein oder nur ein paar
Worte, zu denen ich Gitarre spiele – ist es, als öffnet sich eine Tür.
Durch die kommen ganz viele Assoziationen. Wenn das Gerüst erst mal steht,
können wir dann im Proberaum daran feilen“.
Doch noch mal zurück zu den kurzweiligen Linernotes: Was hat die 41-Jährige
überhaupt dazu bewegt, der Liebe nicht weiter nachzurennen? „Erschöpfung
spielte sicher eine Rolle“, erklärt sie. „Wenn es aus verschiedenen Gründen
schwierig ist mit dem Ideal, das man hat, muss man gucken, wie es noch
geht. Und wertschätzen, was schon da ist – im Wissen darum, dass man Liebe
leben muss, egal wie. Einfach, um gesund zu bleiben.“
Ist es ein Frauending, sich so über romantische Beziehungen zu definieren,
dass es automatisch ein Problem wird, wenn es nicht klappt? Obwohl doch
zumindest der Sozialforschung zufolge Männer von festen Beziehungen
emotional stärker profitieren als Frauen. Das jedenfalls legt eine
akademische Metastudie von 2025 nahe, bei der über 50 Studien aus
westlichen Industrieländern ausgewertet wurden. „Vielleicht“, vermutet
Kollmann, „sind Frauen mehr hinterher, weil sie die Liebe nicht so leicht
finden.“
Zugleich sind sie stärker sozial eingebunden, hängen psychisch weniger von
Paarbeziehung ab. Passend dazu findet sich auf dem Album auch das hymnische
„Meine Ladies“. Bei diesem Song wirkt das Abfeiern weiblicher Solidarität
etwas zu gewollt und didaktisch, aber zugleich herzerwärmend. Im Videoclip
stromert eine bunte Bande von Frauen aus Kollmanns Umfeld durch die
mecklenburgische Natur – aus der Band, ihrem Hausprojekt und dem Chor.
Und ausnahmsweise kann Kollmann frei von Ambivalenzen eine Liebe
lobpreisen: „Ich glaub an uns.“ Wofür sie durchaus gute Gründe auflistet –
der vielleicht beste in diesen verhärteten Zeiten: „Denn uns wächst niemals
eine dicke Haut.“
30 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Stephanie Grimm
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