# taz.de -- Dead Moon kommen auf Tour: „Die tiefen Töne liegen mir“
       
       > Toody Cole von der US-Band Dead Moon über Forstarbeiten mit Motorsäge,
       > Garagerock mit 70 und ihre Entscheidung, noch mal die alten Songs für
       > eine Konzertreise zu spielen.
       
 (IMG) Bild: Zurück auf die Bühne: Mitbegründerin Toody Cole von Dead Moon
       
       Es ist Sonntagmorgen bei Toody Cole in Orgeon, die 77-Jährige hat gerade
       gefrühstückt. Ihr Mann Fred ist inzwischen acht Jahre tot, die gemeinsame
       Band Dead Moon aber lebt weiter. Gerade bereitet sich Cole auf die
       mehrwöchige Europa-Tournee vor. Hinter dem Fenster des rustikalen
       Wohnzimmers wuchert dichte Vegetation. 
       
       taz: Der Blick aus Ihrem Fenster sieht tatsächlich nach einem Außenposten
       der Zivilisation aus. Leben Sie so [1][„Off the Grid“, wie es der Buchtitel
       der Biografie] über Ihre Band Dead Moon nahelegt? 
       
       Toody Cole: Als wir herzogen, gab es hier nichts: keinen Strom, keine
       Straße, kein Haus. Unsere Wasserversorgung kam von einem kleinen Bach, der
       durch das Grundstück fließt. Anderthalb Jahre haben wir in einem Zelt
       gelebt, bis ich Fred irgendwann sagte: „Hey, ich will in einem richtigen
       Haus wohnen.“ Ich mag ein bisschen Komfort, gerade wenn man drei kleine
       Kinder hat.
       
       taz: Ihre Kinder sind lange aus dem Haus, Ihr Mann Fred ist 2017 gestorben:
       Wohnen Sie nun allein in der Wildnis? 
       
       Toody Cole: Nein, vor ein paar Jahren ist unser Sohn Weeden wieder
       eingezogen. Wir kommen gut miteinander aus und er ist stark genug, um die
       Motorsäge zu bedienen und für all die anderen Haus- und Forstarbeiten, die
       ich besser nicht mehr machen sollte.
       
       taz: In der SWR-Mediathek ist eine einstündige Radiofeature über Dead Moon
       abrufbar. In Nürnberg singt sogar ein Frauenchor die Stücke Ihrer Band a
       cappella und eine Reihe der jetzt anstehenden Konzerte in Europa sind
       bereits ausverkauft: Obwohl sich Dead Moon vor 20 Jahren offiziell
       aufgelöst haben, hält die Faszination für Ihre Band weiter an. Woran liegt
       das? 
       
       Toody Cole: Da fragen Sie mich was! Ich bin gerade erst von einem Festival
       in Schweden zurückgekehrt, mitten in der Pampa, war wirklich schön. Danach
       haben wir vier Konzerte in Finnland gespielt. Alle ausverkauft. Natürlich
       waren da viele alte, nostalgische Fans. Es kam auch ein neues, junges
       Publikum hinzu. Leute, die kaum geboren waren, als Dead Moon sich
       auflösten. Eltern, ältere Geschwister haben ihnen wohl von der Band erzählt
       und jetzt wollten sich selbst ein Bild von uns machen. Auftritte von Dead
       Moon sollten immer familiär sein, für Fred, Andrew und mich gehörten Band
       und Publikum zusammen. Aber erst jetzt wird aus diesem Wunsch ein
       Mehrgenerationen-Event. Das hat etwas wunderbar Zeitloses, ich liebe es.
       
       taz: Sie sagen, als Teenagerin seien Sie ein schüchterner, introvertierter
       Bücherwurm gewesen, der vermutlich Bibliothekarin geworden wäre. Inzwischen
       liegen Jahrzehnte in Garage-Punk-Bands hinter ihnen und mit 77 Jahren gehen
       Sie dieses Jahr erneut auf Europa-Tour. Wie kam das? 
       
       Toody Cole: 1966 Fred zu treffen, hat meinem Leben eine ziemliche Wendung
       gegeben. Vielleicht schlummerten da aber auch andere Wünsche in mir, als in
       einer Bibliothek zu arbeiten. Von Fred lernte ich Bass spielen und
       plötzlich stand ich Ende der 1970er während der Punk-Rebellion in Portland
       mit der Band The Rats auf der Bühne. Das ging so weiter, aber erst mit Dead
       Moon hat es richtig geklickt. Nach Freds Tod habe ich eine Weile keine
       Musik gemacht, aber zuletzt wieder mit Kelly Halliburton, unserem Drummer
       bei der Band Pierced Arrows gespielt. Kelly lebt dafür, auf Tour zu sein
       und Konzerte zu spielen und hing mir ständig mit der Idee in den Ohren, mit
       Dead Moon-Songs zu touren. Irgendwann sagte ich: „Mach halt, Kelly, buch'
       uns 'ne Tour!“
       
       taz: Dead Moon wurden zeitgleich mit Grunge und unweit von Seattle und
       seinen [2][Bands wie Nirvana] groß. Anders als diese blieben Sie immer
       unabhängig. Warum? 
       
       Toody Cole: Ja, Grunge wurde maßgeblich durch ehemalige Punkkids in Seattle
       geprägt, die zuvor uns und die Wipers live gesehen hatten. Die Grunge-Welle
       hat auch uns geholfen, noch mehr aber die Mundpropaganda in ihrem Umfeld.
       
       taz: Kurt Cobain meinte damals, er blicke mit Neid auf Bands, die sich
       keinen Major-Label-Diktat unterwerfen mussten. 
       
       Toody Cole: Glücklicherweise waren wir alt genug, um nicht auf Majorlabels
       hereinzufallen. Denen geht es nur ums Geld, nicht um die Musik.
       
       taz: Kurt Cobain wollte Dead Moon als Support für Nirvana buchen, aber Sie
       haben das ausgeschlagen, weil Sie schon eine Neuseeland-Tour zugesagt
       hatten, bei der Sie vor durchschnittlich 50 Leuten gespielt haben. 
       
       Toody Cole: Eine von Freds eisernen Regeln lautete: Du sagst keinen
       Auftritt ab, nur weil ein besser bezahlter hereinkommt. Neuseeland war
       gebucht, und diese Tour wurde zum größten Spaß meines Lebens.
       
       taz: Wieso ist Hollywoodstar Katharine Hepburn ein Vorbild für Sie gewesen? 
       
       Toody Cole: Sie war so selbstbewusst. Ich war schüchtern, und jemanden zu
       sehen, dem es egal war, was andere über sie dachten, war umwerfend. Als ich
       40 wurde und durch Europa tourte, war ich Kate Hepburn! (lacht)
       
       taz: Hatten Sie nicht nach dem 70. Geburtstag gesagt: Dankeschön, das war’s
       … 
       
       Toody Cole: Ja, das war ein guter Schlusspunkt. Dann bat mich Eric
       Isaacson, Labelboss von Mississippi Records, der die Dead-Moon-Neuauflagen
       veröffentlicht, anlässlich des 20. Geburtstags seines Ladens, etwas auf die
       Beine zu stellen. Ich habe mit lokalen Musikern eine Retrospektive
       konzipiert, mit Stücken aller Bands, in denen Fred und ich jemals zusammen
       gespielt haben. Das sollte eine einmalige Sache sein. In den Wochen danach
       explodierte mein E-Mail-Postfach und die Anfragen hörten einfach nicht auf.
       Bass spielen und gleichzeitig gut singen, das ist in meinem Alter eine
       Herausforderung. Bisher läuft es jedenfalls gut!
       
       taz: Als Sie zur Veröffentlichung des Dead-Moon-Buches 2022 in Berlin
       auftraten, klang es wie früher. 
       
       Toody Cole: Da hab ich nur gesungen, während andere die Songs spielten. Das
       ist leicht und hat viel Spaß gemacht. Selbst Bass zu spielen und dazu
       singen ist schon schwieriger.
       
       taz: Kürzlich haben Sie sogar eine neue EP unter dem Namen Pinky Tex
       veröffentlicht. 
       
       Toody Cole: Fred hat mich früher Pinky genannt und ich ihn Tex. Daher kommt
       der Name.
       
       taz: Unter den vier Songs ist ein zuvor unbekanntes Lied aus der Feder von
       Fred. Gibt es noch viele unveröffentlichte Songs, auf die Sie zurückgreifen
       könnten? 
       
       Toody Cole: Als wir nur noch ein Duo waren, hat Fred eine Handvoll Songs
       komponiert, aber weder die Texte noch die Musik wurden fertig. Es gibt also
       eigentlich kein unveröffentlichtes Material mehr.
       
       taz: Stimmt es, dass Joan Baez Sie zur Gitarre gebracht hat? 
       
       Toody Cole: Ja, wie jede Teenagerin wollte ich mit 14 oder 15 wie Joan Baez
       sein. Sie und [3][Bob Dylan] waren so cool. Meine Eltern kauften mir eine
       Konzertgitarre. Aber meine eher kleinen Hände und der breite Gitarrenhals
       wurden keine Freunde. Mit dem Bass war es anders, im Grunde ist es ein
       Perkussionsinstrument. Die Kraft eines E-Basses ist wunderbar. Die tiefen
       Töne liegen mir viel mehr als das hohe Zeug der Gitarre.
       
       taz: Die Anziehungskraft von Dead Moon ging immer über den Sound hinaus.
       Viel hat auch mit Ihrer Do-it-Yourself-Mentalität und Ihrem Lebensstil zu
       tun. 
       
       Toody Cole: Die technologische Entwicklung rund um KI verläuft derart
       rasant, dass dies vielen Menschen Angst macht. Auch junge Leute suchen nach
       Alternativen und entdecken dabei die Vergangenheit – genau wie wir damals
       in den 1960ern und später. Zuletzt hab’ ich jemandem ein langes Interview
       gegeben, der einen Dokfilm über den DiY-Ansatz dreht. Für viele Junge ist
       das wieder interessant.
       
       taz: Das Haptische ist dabei ein Faktor, aber bieten die digitalen
       Produktions- und Vertriebswege heute nicht auch gute DiY-Möglichkeiten,
       mehr als je zuvor? 
       
       Toody Cole: Vermutlich, aber für uns ging es bei DiY vor allem um eine
       Gemeinschaft, die sich gegenseitig ermutigte und dabei unterstützte, eigene
       Projekte unabhängig von großen Musik-Konzernen in die Tat umzusetzen.
       
       taz: Ist dieses Gemeinschaftsgefühl im digitalen Raum verloren gegangen? 
       
       Toody Cole: Ich glaube, die meisten Musiker:innen wollen mit
       Gleichgesinnten zusammenarbeiten. Für mich ist das Gefühl einer echten Band
       jedenfalls zentral, eine Ein-Mann-Show liefert das nicht. Nur Greg Sage hat
       das mit den Wipers mal geschafft und alle Instrumente im Alleingang
       eingespielt. Für mich würde das nicht funktionieren.
       
       taz: Fred und Sie haben Dead Moon-Alben über Jahrzehnte selbst aufgenommen,
       gemastert und bei kleinen Presswerken auf Vinyl pressen lassen. Auch die
       Cover haben Sie selbst gestaltet – während Sie parallel ein Musikgeschäft
       geführt und Kinder großgezogen haben. Ist DiY bloß ein anderes Wort für
       Selbstausbeutung? 
       
       Toody Cole: Man muss jedenfalls höllisch auf sich selbst aufpassen.
       Irgendwann haben wir Vertrieb und Promotion abgegeben, weil es uns zu viel
       wurde und weder Fred noch ich uns gerne vermarkten. Die Kinder waren in den
       1990ern erwachsen, so konnten wir ausgiebig durch Europa touren. Unseren
       Musikladen haben wir damals geschlossen. Vielleicht wären wir sonst
       wirklich durchgedreht.
       
       taz: Mit Zipper, Rats oder King Bee haben Sie beide bereits vor Dead Moon
       in etlichen Bands gespielt. Aber keine war ansatzweise so erfolgreich. Wo
       lag das Geheimnis? 
       
       Toody Cole: Es lang an der speziellen Bandchemie, unsere Trio-Kombination,
       das Mysterium unseres Lebensstils, unsere Liebesgeschichte und vor allem an
       der Musik selbst. Wir drei hatten völlig unterschiedliche Persönlichkeiten,
       und zusammen waren wir einfach umwerfend (lacht). Ich vermisse das sehr. Es
       war authentisch, und wir hatten so viel Spaß. Gegen Ende fühlte es sich
       mehr wie ein Job an, und Fred war etwas entmutigt, weil die Leute immer nur
       die gleichen alten Songs hören wollten. Also mache ich das jetzt für ihn:
       Ich spiele „Walking on My Grave“, „Dagger Moon“, „It’s O.K.“, „Dead Moon
       Night“. Noch ein letztes Mal.
       
       17 Aug 2026
       
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