# taz.de -- Sängerin Katharina Kollmann: „Als Künstlerin keine Aktivistin“
       
       > Am 12. April erscheint „Haus“, das neue Album von nichtseattle. Ein
       > Gespräch über missglückte Dates, politischen Anspruch und Autonomie.
       
 (IMG) Bild: Katharina Kollmann aka Nichtseattle
       
       taz: Katharina Kollmann, Ihr letztes Album unter dem Alias Nichtseattle,
       [1][„Kommunistenlibido“], wurde in der öffentlichen Rezeption vielfach in
       Bezug auf politisch-subversive Implikationen diskutiert. Der Titel Ihres
       neuen Albums „Haus“ legt indes nahe, dass nun ein Rückzug ins Private
       folgt. 
       
       Katharina Kollmann: Die Trennung von Privatem und Politischem würde ich in
       meinen Songtexten nie so klar vornehmen. Den Rückzug ins Private sehe ich
       so auch nicht. Das würde ja einhergehen mit Themen wie Familiengründung,
       Hausbau, und [2][darum geht es ja gerade gar nicht – sondern eher darum,
       sich auf einer tieferen, vielleicht auch gesellschaftlichen Ebene zu
       verbinden.]
       
       Gleich [3][im Auftaktsong „Beluga“ singen Sie]: „Der isst in Ruhe sein
       Quinoa / Seine Beete, spricht von Yoga / Hört nicht auf entspannt zu
       grinsen / Der und seine Bio-Beluga-Linsen.“ Was ist das für ein Mensch, den
       Sie da besingen? 
       
       Es geht um ein Treffen mit einem Typen im Rahmen eines missglückten Dates,
       bei dem es zwischenmenschlich nicht passt. Er ernährt sich gesund, fair und
       bio und ist davon angetrieben, immer alles richtig zu machen. Dabei merkt
       er gar nicht, dass er super egozentrisch handelt, weil er den ganzen Tag
       nur mit sich selbst beschäftigt ist. Er versucht, durch den Konsum der
       vermeintlich richtigen Waren links zu sein, was aber zum Scheitern
       verurteilt ist. Am Ende geht es bei Typen wie ihm viel um Außenwahrnehmung
       und Style.
       
       Begegnen Ihnen im Alltag häufig Charaktere dieser Art? 
       
       Die Umschreibung im Songtext ist auf jeden Fall ein Stereotyp, daher darf
       man das nicht zu wörtlich nehmen. Ich war sehr wütend, als ich getextet
       habe, und es war auch dementsprechend befreiend, das zu Papier zu bringen.
       Aber vielleicht ist der Text auch ein bisschen unfair, so von oben herab.
       Ich nehme es schon so wahr, dass viele Leute nach ähnlichen Idealen streben
       wie der Typ im Text, und das ist ja auch prinzipiell cool. Nur sind damit
       eben viele Widersprüche verbunden. Was ich aber natürlich unterschlage,
       ist, dass man es ja tatsächlich auch nicht richtig machen kann.
       
       Ich habe in dem Text auch eine politische Kritik an dieser Art von
       Charakter gelesen. Verstehen Sie sich eigentlich als politische Künstlerin? 
       
       Die Frage kann ich nicht gut beantworten, weil ich denke, dass ich
       eigentlich gar nicht unpolitisch sein kann. Ich glaube, dass wir alle eine
       politische Prägung haben, und dass das dementsprechend alles beeinflusst,
       was wir tun oder unterlassen. Insofern sind Ballermann-Schlager auf ihre
       Weise auch politisch, weil sie eine Haltung implizieren, die aber eben die
       gegenwärtigen Verhältnisse bejaht. Ich bin auf jeden Fall als Künstlerin
       keine Aktivistin, aber mir ist es schon wichtig, dass sich meine
       persönliche Haltung auch in meiner Musik widerspiegelt. Das ist auch der
       Grund, warum ich Musik mache: Um ein Ventil dafür zu finden, was ich
       empfinde und denke.
       
       Parallel haben Sie das englischsprachige Projekt Lake Felix. Welchen
       Unterschied macht es für Sie, auf Deutsch oder Englisch zu singen? 
       
       Bei [4][Lake Felix kann ich mich manchmal mehr in die Musik fallen lassen
       und dadurch besser vergessen], was ich gerade singe. Dadurch steht die
       Musik bei dem Projekt für mich im Vordergrund. Bei Nichtseattle ist sie
       auch wichtig, aber es ist schon so, dass der Songtext für mich viel
       präsenter ist, wenn ich auf Deutsch singe.
       
       Tocotronic – an deren Song „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“ der Name
       Ihres Projektes angelehnt ist und mit deren Sänger Dirk von Lowtzow Sie
       Ihren neuen [5][Videoclip zum Song „Krümmel noch da“] gedreht haben –
       hatten auf beim Debütalbum [6][den Song „Über Sex kann man nur auf Englisch
       singen“]. 
       
       Genau, und ich glaube, damit ist auch gemeint, dass man sich hinter
       englischen Texten im Zweifel auch besser verstecken kann als deutsche
       Muttersprachlerin.
       
       Kostet Sie es denn Überwindung, die mitunter intimen und verletzlichen
       Songs von Nichtseattle auf offener Bühne zu präsentieren? 
       
       Nein. Dadurch, dass das alles eine lyrische Form hat, fällt es mir
       tatsächlich nicht so schwer. Denn das, was ich präsentiere, bin ja nicht
       ich, sondern das ist dann das Kunstwerk. Aber klar, manchmal gibt es schon
       ein paar Zeilen, die ich auf konkrete Situationen zurückführen kann, sodass
       ich dann denke: Okay, krass, dass ich das jetzt so singe.
       
       Im Waschzettel zum neuen Album „Haus“ werden mit PJ Harvey und Gerhard
       Schöne zwei sehr unterschiedliche, aber doch treffende Referenzen
       aufgeführt. Was verbindet Sie mit den beiden Künstler*innen? 
       
       [7][PJ Harvey ist in den 1990er Jahren als Künstlerin berühmt geworden],
       wie sie es in der Radikalität damals sonst kaum gab. Durch ihre Haltung und
       ihr Frausein hatte Harvey für mich schon früh Vorbildcharakter. [8][Den
       Liedermacher Gerhard Schöne habe ich durch meine Mutter schon in meiner
       Kindheit gehört]. Seine Texte sind total unschuldig und unironisch, was ich
       ganz toll finde.
       
       Gerhard Schöne gehört ja zur klassischen Liedermacher-Generation. Auch Sie
       werden oft als Liedermacherin bezeichnet. Fühlen Sie sich mit diesem
       Begriff wohl? 
       
       Ich weiß nicht so recht. Was mich an dem Begriff stört, ist, dass dabei
       mitunter die Rolle der Musik unterschätzt wird. Liedermacher werden oft mit
       viel Text und zusätzlich zwei, drei Grundakkorden auf der akustischen
       Gitarre verbunden. Das ist bei mir ja schon anders. Aber andererseits ist
       es ja schon so, dass der Text bei mir auch sehr wichtig ist. Insofern ist
       der Begriff okay.
       
       Liedermacher*innen sind in ihrem künstlerischen Ausdruck viel
       autonomer und freier als Künstler*innen, die sich in einer Band
       demokratisch verständigen müssen. Bei Ihnen scheint mir das ähnlich zu
       sein. 
       
       Ja, künstlerische Autonomie ist mir tatsächlich sehr wichtig. Das hängt
       auch damit zusammen, dass Songskizzen in meinem Kopf sehr schnell als
       fertige Songs mit komplexer Instrumentierung erscheinen. Dadurch habe ich
       oft den Drang, eine bestimmte Melodie auch genauso in den Song zu
       überführen. Manchmal nervt mich das aber auch selbst, dass ich davon nicht
       auch leichter mal loslassen kann. Aber ich merke halt schnell, dass ich
       unzufrieden werde, wenn ich meine Vision nicht verwirklichen kann.
       
       11 Apr 2024
       
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