# taz.de -- Nach der Parlamentswahl in Serbien: Gefährliches Vakuum in Belgrad
> Bis zur Bildung einer Regierung in Serbien kann es dauern. Diese Zeit
> könnten der Wahlverlierer Vučić und seine Gefolgsleute versuchen für sich
> zu nutzen.
(IMG) Bild: Steht Serbien tatsächlich vor einem politischen Neuanfang?
Als die Ergebnisse der Parlamentswahl am Abend des 25. Oktober bekannt
wurden, brach in Serbien grenzenloser Jubel aus. [1][Die Studentenliste
hatte einen Erdrutschsieg erzielt], der Autokrat Aleksandar Vučić seine
Niederlage eingeräumt. Die ganze Nacht wurde gefeiert, auch am Montag noch.
Doch am Dienstag kehrte auch schon wieder Nüchternheit ein.
Den politischen Triumph haben die Sieger zwar in der Tasche, doch nicht
einmal der Wahlprozess ist formal beendet. Das besiegte Regime könnte die
Konstituierung des Parlaments und auch die Regierungsbildung hinauszögern
sowie dieses Übergangsvakuum nutzen, um im Trüben zu fischen. Das letzte
Wort hat nämlich die Wahlkommission und die war bisher ein Spielzeug in den
Händen von Vučić.
Wenn sie Einwände akzeptiert, müssen in einzelnen Wahllokalen die Wahlen
wiederholt werden, selbst wenn das gar keinen Einfluss auf das Endergebnis
hat. Erst wenn alle Einwände abgearbeitet sind, wird der Wahlprozess für
beendet erklärt und die neu gewählten Abgeordneten können ihren Eid
ablegen. Eine gesetzlich vorgeschrieben Frist dafür gibt es nicht. Nach der
Parlamentswahl 2022 wurde in einem einzigen Wahllokal im Süden Serbiens die
Wahl mehrmals wiederholt, das dauerte drei Monate.
[2][Nach dem ersten Schock zeigte sich Vučić kämpferisch. Er werde nicht
fliehen, beteuerte er, sondern die Opposition anführen und zurückschlagen,
sollten seine Anhänger angegriffen werden]. Für seine Serbische
Fortschrittspartei (SNS) haben immerhin über 1,6 Millionen Wähler gestimmt.
Sie rühmt sich über 700.000 Mitglieder zu haben.
## Armee von Vučić’ Gefolgsleuten
Zudem steht nun die Studentenliste an der Spitze der staatlichen Pyramide,
die aus Korruption, Verbrechen und Gesetzlosigkeit zusammengebastelt wurde.
Im Unterbau lauert eine ganze Armee von Gefolgsleuten des ehemaligen
Staatspräsidenten. In 14 Jahren hat es die SNS geschafft, in alle Poren der
Gesellschaft einzudringen, alle staatlichen Institutionen mit Vučić-treuen
Parteigenossen und Genossinnen zu besetzen sowie diese an sich zu reißen –
kurzum einen richtigen Schurkenstaat aufzubauen.
In erster Linie gilt das für die Justiz, die Polizei, die Geheimdienste und
Finanzen. „Serbien wird nach einer systematischen Zerstörung demokratischer
Institutionen und der Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit, nach jahrelangem
Dahinsiechen im Zustand eines gekaperten Staates, den gesamten
demokratischen Regierungsapparat des Landes neu starten müssen“, sagt Srđan
Majstorović, Vorstandsvorsitzender des Zentrums für europäische Politik
(CEP) und Mitglied der Beratungsgruppe für öffentliche Politik „Balkan in
Europa“ (BiEPAG).
Für die älteren Bürger Serbiens ist alles, was jetzt passiert, ein Déjà-vu
unter anderen historischen Vorzeichen. Als im Jahr 2000 der damalige
Herrscher Serbiens Slobodan Milošević eine Wahlniederlage nicht anerkennen
wollte, wurde er in einem Volksaufstand zum Rücktritt gezwungen.
Die siegreiche Opposition hatte eine solide Mehrheit im Parlament und
bildete eine Regierung. Doch damals wie heute waren alle staatlichen
Institutionen von der zuvor regierenden Partei besetzt. Mit wenig
Verständnis für die brüchige Demokratie, setzte der Westen Reformpremier
Zoran Đinđić unter enormen Druck, sofort seine prowestliche Politik unter
Beweis zu stellen und alle wegen Kriegsverbrechen angeklagten Serben an das
UN-Tribunal für Kriegsverbrechen zu überstellen.
## Viele Krisen
Drei Jahre später wurde Đinđić ermordet, die Vollstrecker waren aktive
Mitglieder der Sondereinheiten der Polizei. Neun Jahre später, nach vielen
Krisen, kamen dieselben antiwestlichen Kriegshetzer an die Macht,
Aleksandar Vučić konnte beginnen, die gerade hergestellte Demokratie wieder
abzubauen.
„Der damalige Umfang entscheidender, struktureller Reformen, in Kombination
mit den überzogenen Erwartungen der EU, hat zum Scheitern des Traums einer
ganzen Generation geführt, der durch die Ermordung von Zoran Đinđić ein
grausames Ende fand. Aus dieser Erfahrung müssen Lehren gezogen werden“,
sagt Majstorović.
Anstatt die neue serbische Regierung unter Druck zu setzen, zum Beispiel
gleich Sanktionen gegen Russland zu verhängen, was in dem vom russischen
Gas und Erdöl abhängigen Land die Preise hochtreiben würde, sollte die EU
Belgrad bedingungslos dabei unterstützen, zunächst eine funktionale
Demokratie wieder aufzubauen.
Majstorović mahnt die EU, „realistische Erwartungen und strategische
Geduld“ zu haben, angesichts des Umfangs und der Komplexität der Aufgaben,
mit denen die neuen Behörden in Serbien konfrontiert sind. „Schließlich hat
die EU in den vergangenen 14 Jahren unangemessen viel Geduld gegenüber dem
autoritären Regime und dem Abbau demokratischer Institutionen aufgebracht“,
erklärt er. „Sie hat dabei ihre eigene Glaubwürdigkeit bei den Bürgern
Serbiens geopfert, die Brüssel zuvor als einen Orientierungspunkt für
Demokratie betrachtet hatten.“
28 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Andrej Ivanji
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