# taz.de -- Zum Tod von Autor Joachim Lottmann: Er ließ uns nicht allein mit der Moral
> Den eigenen Tod medial verwerten: Joachim Lottmann hielt sein Sterben
> online im „Langweiligen Tagebuch“ fest. Nun ist der Schriftsteller
> gestorben.
(IMG) Bild: Der Buchautor Joachim Lottmann, aufgenommen am 27.01.2005, ist tot
So recht glauben wollte man es am Ende nicht. Lottmann soll sterben? Hieß
das Buch, das er über die Coronakrise schrieb, nicht „Sterben war gestern“?
War dieses angebliche Sterben nicht einfach der nächste Dreh, den sich
Joachim Lottmann ausgedacht hat, um wieder Aufmerksamkeit auf sich zu
ziehen?
Denn damit kannte er sich aus: Verdrehungen, Provokationen, entlegene
Meinungen zu diesem und jenem, Verfälschungen bis hin zu schlicht falschen
Darstellungen, aber alles nicht ganz so bierernst gemeint, nicht so, wie es
die stets von ihm erwähnten, bewunderten und „wichtigeren“ Konkurrenten
[1][Maxim Biller] und [2][Rainald Goetz] vormachten, sondern stets mit
doppeltem Boden. „Auf der Borderline nachts um halb eins“ hieß ein anderes
seiner Bücher, nicht unbedingt eines seiner besten, aber vor allem hieß
eine leider recht kurzlebige taz2-Kolumne von ihm so, in der er der
taz-Lesendenschaft unter anderem fast schon bösartig auseinanderlegte, wie
großartig doch die Idee der Atomkraft eigentlich sei.
Irgendwie war er ja schon immer dabei. Damals, kurz nach dem kulturellen
Anti-Hippie-Urknall namens Punk in den späten Siebzigern, als in Hamburg
die Neue Deutsche Welle und fast gleichzeitig die linksintellektuelle
deutsche Popjournaille erfunden wurde, da hing FDP-Politiker-Sohn Lottmann
auch schon mit Diedrich Diederichsen herum, schrieb [3][seinen Erstling
„Mai, Juni, Juli“,] der dann nach Ersterscheinen 1987 lange in
Antiquariaten verstaubte, und seinen Vor-Erstling „Port Stanley ist
gefallen“, der erst jetzt, sozusagen als Vorlass, veröffentlicht wurde.
Dann zog er mit dem Szene-Tross umher, erst nach Köln, wo auch Martin
Kippenberger zu Gange war, dümpelte herum, folgte in der späten
Nachwendezeit dem Zug nach Berlin, wo er endlich seinen zweiten, eigentlich
ersten Frühling erlebte, weil es jetzt die zweite Welle der neuen deutschen
Pop-Literatur gab und Lottmann tatsächlich mit „Die Jugend von heute“ ein
Wurf gelungen war – ein komisches, hochironisches Buch, das sich angemessen
über die Irrungen und Wirrungen besonders der jungen Leute, der Generation
Y bis Z, ja: lustig machte.
## „Lügen-Eimer“ Lottmann
Nach diesem Peak wurden fast jährlich Bücher auf dem Markt geworfen – meist
als KiWi-Taschenbuch mithilfe seines großen Förderers Helge Malchow. Das
Niveau freilich schwankte. „Lügen-Eimer“ (Goetz) Lottmann berichtete mal
lustiger, mal weniger lustig über die Berliner Szene, die Kunstwelt, die
Mode, die „Zentrale Intelligenz Agentur“; schimpfte über Goetz, Biller,
Herrndorf und die anderen; und schrieb nicht zuletzt gerne über junge
Frauen, die „fickten wie ein Weltmeister“, bis ihm mit „Endlich Kokain“
endlich wieder ein gutes Buch gelang.
Dass alles Moralinsaure stets seine belustigte Gegnerschaft auf sich zog,
war selbstredend, und tatsächlich war es oft so, dass man über eine Figur
wie ihn auch froh sein konnte: Er ließ uns nicht allein mit der
aufgeblasenen Moral, der Bigotterie, die durch die deutsche Öffentlichkeit
zog, ob sie nun von Grün, von links, von rechts kam, aus PC-Wokeistan oder
von der Migrantifa. Gleichzeitig rutschte seine Diskurshygiene, die es eben
auch immer war, immer weiter an den Rand; es schien, als hätte die
Reaktion, die rechte wie die linke, das Diskursfeld vollends erobert und
gewonnen.
Lottmann selbst flüchtete in die Ehe mit einer Wienerin und in der Folge
auch räumlich nach Wien. Seinen grenzwertigen Reportagen blieb er natürlich
treu, er bildete sein eigenes Genre, schrieb nach kurzzeitiger
Mitgliedschaft in der Redaktion des Spiegel für sämtliche Blätter zwischen
taz, SZ und FAS; die Zeit, in der er sich selbst als „Erfinder der
Popliteratur“ stilisieren konnte, ging aber allmählich vorbei. Es kam der
Sommer der Geflüchteten, es kamen die bleiernen, letzten Merkel-Jahre, es
kam Corona.
Irgendwann im Laufe des Jahres 2026 wurde bekannt, dass Lottmann Krebs
hatte. „Wurde bekannt“? Natürlich war es Lottmann selbst, der sein eigenes
Sterben medial verwertete; auf Instagram und Facebook erschien sein
„Langweiliges Tagebuch“, womit er Anhänger- und Feindschaften auf dem
leider traurigen Laufenden hielt. Ab Mitte September erschienen die ersten
Nachrufe zu Lebzeiten, auch in österreichischen Zeitungen. Dennoch hielt
sich lange der Verdacht, dass auch das wieder nur gespielt war, eine
weitere Finte des fintenreichen, listigen Witzbolds.
Doch jetzt ist es leider Gewissheit. Joachim Lottmann ist tot. Er starb
nach schwerer Krankheit an diesem Sonntag in Wien. Er wurde 74 Jahre alt.
26 Oct 2026
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(DIR) René Hamann
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