# taz.de -- Proteste in Frankreich: Tanzen, Tränengas, Barrikaden
       
       > In Marseille reißen die Proteste gegen das teure Leben auch dieses
       > Wochenende nicht ab. Die Polizei fährt Panzer auf, erneut brennen etliche
       > Barrikaden.
       
 (IMG) Bild: Brennende Barrikade vor der Kirche Les Réformés am 24. Oktober, davor eine Person mit Skibrille
       
       Am Samstagmorgen gibt die Prachtstraße La Canebière in Marseille ein
       merkwürdiges Bild ab. Einige verzweifelte Tourist:innen wandern umher,
       auf der Suche nach den Luxusläden, in denen man hier gewöhnlich sein Geld
       ausgeben kann – aber fast alle Geschäfte haben ihre Schaufenster mit
       Spanplatten verbarrikadiert. Vor der örtlichen Polizeiwache stehen
       Polizisten und unterhalten sich mit einem kleinen Jungen. Sie lachen. Auch
       ihre Station hat bei den Krawallen vergangenes Wochenende einiges
       abbekommen: Die Scheiben sind zerschmettert, das Gebäude ist mit Parolen
       beschmiert.
       
       Dann rasen Panzer der Gendarmerie vorbei, einer Polizeitruppe mit
       Militärcharakter. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte nach den
       [1][Ausschreitungen bei den von Schüler:innen angeführten Protesten] der
       letzten Wochen landesweit 70.000 zusätzliche Polizeikräfte mobilisiert.
       Darunter auch diese Panzerwagen, auf denen Granatenwerfer montiert sind, um
       Gas verschießen zu können. So viel fährt der Staat inzwischen auf, um die
       Proteste im Zaum zu halten, die sich längst zu einer milieuübergreifenden
       Bewegung gegen Kürzungspolitik, Polizeigewalt und die hohen
       Lebenshaltungskosten entwickelt haben.
       
       Zur dieswöchigen Demonstration sind laut der Gewerkschaft CGT in Marseille
       100.000 Menschen erschienen, die Präfektur spricht nur von 17.000. Wie
       viele es wirklich sind, ist fast unmöglich zu sagen. Am Mittag fluten die
       Demonstrierenden jedenfalls die Straßen in der Nähe der Kirche Les
       Réformés, Anfang und Ende des Protests sind nicht auszumachen.
       
       Wo deutsche Demos oftmals von Redebeiträgen geprägt sind, die Vorträgen in
       Uniseminaren gleichen, ist der Protest hier vor allem eine wütende Party.
       Es werden Lieder gesungen, es wird getanzt und gelacht. Als sich die Demo
       links und rechts einer Autobahnunterführung teilt, liefert man sich einen
       Wettkampf, welche Seite lauter „ACAB“ rufen kann. „Die Jugend hasst die
       Front National“, singen junge Leute, die sich in den Armen halten, eine
       Trommelgruppe gibt den Takt vor. Und etwas weiter steht jemand im
       Napoleon-Kostüm und heizt die Menge mit „Fick dich, Macron“-Rufen an. Über
       den gesamten Demoverlauf bleibt es friedlich.
       
       ## Mit Schwimmbrillen gegen Tränengas
       
       Erst am Ende der Route, an der Porte d'Aix, schießt die Polizei plötzlich
       Tränengas in die Menge. In einer Seitenstraße brennt ein Müllcontainer. Was
       folgt, ist zunächst ein Zusammenstoß zwischen einigen Protestierenden, die
       Flaschen, Steine und Feuerwerk in Richtung Polizei werfen, die wiederum mit
       Gasgranaten antwortet. Zunächst treffen diese nur den vorderen Teil des
       Platzes, wo sich diejenigen aufhalten, die die Konfrontation mit der
       Polizei suchen.
       
       Dann schießt die Polizei in den Demozug. Sofort breiten sich graue
       Gaswolken in der Menge aus. Diszipliniert halten sich die Protestierenden
       an den Schultern, versuchen sich ohne Massenpanik zurückzuziehen. Trotz
       offiziellem Verbot haben viele Schwimmbrillen auf, die etwas vor dem Gas
       schützen. Dennoch ist es ein einziges Gehuste und Geweine, eine junge Frau
       bekommt keine Luft mehr und kippt um. Sie wird von Umherstehenden aus dem
       Gas gezerrt. „Medic! Medic!“, schreien diese, während das Mädchen
       zusammengekrümmt auf dem Boden liegt.
       
       Es folgt ein Katz-und-Maus-Spiel. Die Demonstration zieht sich durch die
       Seitenstraßen zurück und blockiert der Polizei den Weg. In einer
       Seitenstraße bilden vermummte junge Menschen Ketten, um Blockadematerial
       von einer Baustelle auf eine Straße zu schaffen. So löst sich der Protest
       für die Polizei auf unkontrollierbare Weise auf. Überall strömen
       Protestierende lang, die Antifa-Sprechchöre rufen.
       
       In den nächsten Stunden tauchen an vielen Straßenkreuzungen der Innenstadt
       brennende Barrikaden auf. Vor der Kirche Les Réformés lodern die Flammen
       meterhoch. Die Polizei rückt erneut mit Panzerwagen an, diesmal setzt sie
       auch Schockgranaten ein, deren Explosion die ganze Straße erbeben lassen.
       Diese Waffen hatten kürzlich einem 15-Jährigen die Hand abgerissen. Während
       die Polizei anrückt, machen Protestierende noch Selfies vor den brennenden
       Barrikaden und schieben neue Mülleimer ins Feuer hinein.
       
       ## Party im Szenekiez
       
       So geht es bis in den Abend weiter. Teilweise wirkt es, als hätten
       Demonstrierende und Polizei die Brandherde einfach vergessen. Am Abend
       brennen in der Cours Joseph Thierry mehrere Mülltonnen, ohne dass jemand
       Notiz davon nimmt. Man könnte flüstern, so still ist es hier. Nur einige
       Schaulustige gucken ins Feuer, bis irgendwann die Feuerwehr zum Löschen
       anrückt. Es sind zu viele Barrikaden für die Polizei, um sie alle zu
       räumen. Trotz Ausgangssperre kommt es bis in die späten Abendstunden in den
       Seitenstraßen immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Polizei.
       
       Nach vorläufigen Zahlen sollen im gesamten Département [2][71 Menschen
       festgenommen worden sein], sieben Geschäfte wurden geplündert – das sind
       weit weniger als vergangene Woche. „Die Proteste brauchen nun ein
       politisches Ventil“, sagte Marseilles Bürgermeister Benoît Payan und
       [3][forderte die Politik auf], den Forderungen der Schüler:innen
       entgegenzukommen.
       
       Derweil ließen die jungen Leute den Abend im Szenekiez La Plaine
       ausklingen. Am Platz Jean Jaurès tanzen sie um ein weiteres Feuer, zu
       Hunderten trinken sie hier Bier. Wenn Polizeiautos vorbeifahren, werden
       diese beschimpft und beworfen. Die Beamten fahren einfach weiter. Als in
       einer Seitengasse ein Krankenwagen durch muss, springen sofort alle auf und
       räumen blitzschnell die Tische aus dem Weg. Unter Jubelrufen kann sich der
       Krankenwagen einen Weg durch die Partymeute bahnen.
       
       25 Oct 2026
       
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