# taz.de -- Klimaanpassung in der Landwirtschaft: Bloß nicht den Boden aufreißen
       
       > In der Uckermark nutzt ein konventioneller Landwirt neue Techniken der
       > Bodenbewirtschaftung, um bei Dürre und Hitze die Erträge stabil zu
       > halten.
       
 (IMG) Bild: Kein tiefes Pflügen und Grubbern mehr, der Regenwurm übernimmt die Arbeit
       
       Egal, wo Stefan Bernickel den kleinen Spaten in den Acker tritt, ob im
       Rapsfeld oder im zart grünenden Wintergetreide: Der Brocken Erde, den er
       rauszieht, sieht immer gleich aus. Oben eine trockene Schicht Erde, dann
       leicht feuchter Boden und hektisch ringelnde Regenwürmer, die aus dem
       Sonnenschein fliehen. „Der Boden lebt“, stellt der Landwirt zufrieden fest.
       Und das, obwohl es hier in der Uckermark, rund 100 Kilometer nördlich von
       Berlin, in den vergangenen Wochen kaum geregnet hat.
       
       Es könnte am Boden liegen, aber das tut es nicht, im Gegenteil: Der
       Sandanteil ist hoch. Die feuchte Erde hat einen anderen Grund – Bernickel
       hat seine Bodenbearbeitung radikal umgestellt. Kein tiefes Pflügen und
       Grubbern mehr auf seinen rund 300 Hektar Acker, um die Stoppel
       unterzugraben. Keine zweite Fahrt, um zu säen. Stattdessen lockert nun die
       riesige Maschine, die er dafür gekauft hat, nur die Saatstreifen leicht
       auf, und sät und düngt in einem Rutsch – im so genannten
       Strip-Till-Verfahren. „Damit werden 80 Prozent des Bodens nicht
       aufgerissen“, erzählt der 43-Jährige.
       
       [1][Der studierte Elektroingenieur und Landwirtschaftsmeister hat den
       Vierseithof mit Backstein- und Fachwerkscheune 2021 von seinem Vater
       übernommen.] Bis dahin war das konventionelle Konzept gut aufgegangen:
       keine Tiere, Anbau von Weizen, Gerste, Raps. „Das ist hoch lukrativ, wenn
       das Wetter passt. Aber diese Zeiten sind vorbei“, sagt er.
       
       2018 kam die Dürre, riesige Staubwolken wälzten sich über die Felder. Ende
       Juni 2021 unterspülte ein Sturzregen mit 250 Litern in einer Nacht die
       Äcker. „Davon wird heute noch geredet.“ Schon da wurde Bernickel klar, dass
       er etwas ändern muss. Zudem hatte er auf seinen Reisen als Elektroingenieur
       gesehen, wie in Osteuropa oder Nordafrika mit Trockenheit umgegangen wird.
       [2][Also fing er an, Alternativen auszuprobieren, bei der Bodenbearbeitung,
       bei der Fruchtfolge, bei Saatgutsorten.] Er bestellte die neue Maschine und
       stellte um.
       
       Der Erfolg, der sich nicht nur an den messbar häufigeren Regenwürmern
       zeigt: „Das Stoppelfeld bleibt hell und heizt sich dadurch nicht so auf –
       Hitze tötet Bodenleben. Das Bodenleben wird geschont, der Boden behält mehr
       Wasser, und ist besser vor Wind- und Wassererosion geschützt. Er wird auch
       besser befahrbar, und ich spare Diesel und Arbeitszeit.“ Rund 10.000 Liter
       weniger Diesel im Jahr habe er gebraucht, rechnet er vor, 40 Prozent seines
       Bedarfs. Dieses Jahr hat das Verfahren ihm außerdem einen schönen Bonus in
       die Kasse gespült: den mit 25.000 Euro prämierten Bundespreis „Blauer
       Kompass“, ausgelobt von Umweltministerium und Umweltbundesamt.
       
       Neu ist die Methode Strip-Till nicht. Sie gehört zu der konservierenden
       Bodenbearbeitung ohne Pflug, die sich in Deutschland immer mehr verbreitet.
       Das Vorbild ist Down-Under: In Australien ist Strip-Till mit No-Till – die
       Saat wird direkt auf den Boden gelegt – das gängige Verfahren, um die Böden
       vor Austrocknung zu schützen. In Brandenburg gebe es sechs weitere
       Landwirte, die Strip-Till anwenden, sagt Bernickel.
       
       Der Nachteil, auch in Australien: Wer nicht pflügt, muss Unkraut anders
       bekämpfen. Und Biobauer ist Bernickel mit seiner Umstellung nicht geworden.
       Er setzt Ackergifte gegen Insekten, Pilze und Wildkräuter ein und er
       erklärt gerne wortreich, warum er das Verbot, Saatgut mit Neonikotinoiden
       gegen Schädlingsbefall zu beizen, für grundlegend falsch hält. „Stattdessen
       muss ich jetzt oberirdisch Mittel einsetzen, in viel größeren Mengen, und
       das mehrfach“, schimpft er.
       
       Aber er probiert gleichzeitig, den Einsatz aller Mittel zu mindern, schon
       aus Kostengründen. Er sät mit dem Raps Senf, Rettich und Bockshornklee, die
       den Rapserdfloh vom Raps ablenken sollen. Der Winterweizen wird möglichst
       spät ausgebracht, um es dem Ackerfuchsschwanz schwer zu machen. Statt
       chemische Wachstumsregler beim Getreide, die das Umkippen der Halme
       verhindern sollen, nutzt er einen Regler, den auch Biobauern verwenden.
       „Damit konnte ich den chemischen Einsatz um 75 Prozent senken.“ Seine
       Strip-Till-Maschine füttert er mit Daten, sodass die Maschine je nach
       Bodenqualität präzise sät und düngt. „Das ist noch nicht Standard,
       verbreitet sich aber gerade. Ohne solche Technik hat die Landwirtschaft
       keine Zukunft“, sagt Bernickel.
       
       Sein Ziel ist nicht, Erträge zu steigern, sondern sie im Klimawandel zu
       stabilisieren. „Ich habe eine bessere Risikostreuung, je nach Hitze,
       Trockenheit, Regen oder Frost. Mais liebt zum Beispiel Wärme, Weizen
       verliert dagegen bei Hitze an Qualität. Und ich kann damit vor allem Kosten
       senken, darunter Dünger, Diesel, Arbeitszeit, Pflanzenschutzmittel.“
       
       Gleichzeitig versucht er einen Blick in die Zukunft. Warum in Brandenburg
       nicht die genügsamen Kichererbsen anbauen? Sie lieben Wärme, brauchen wenig
       Wasser und werden bisher zu über 90 Prozent importiert. Auf einem Testfeld
       probiert er den Anbau seit drei Jahren unter wissenschaftlicher – und
       honorierter – Aufsicht, er ist Mitglied im Brandenburger
       „Kichererbsenring“. Bisher mit wenig Erfolg: Im ersten Jahr fraß die
       Bohnensaatfliege die Pflanzen, im zweiten keimte die Erbse in der Hülse
       nach zu viel Regen, dieses Jahr war die Ernte schlecht wegen Trockenheit
       und Kälte. Weitermachen will er trotzdem. Und bald wird er den Mais ernten.
       Alles von der Pflanze, bis auf die Körner, wird auf dem Boden liegen
       bleiben – für die Regenwürmer.
       
       25 Oct 2026
       
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