# taz.de -- Mensch-Tier-Beziehungen: Auf Augenhöhe mit den Tieren
       
       > Die Kunstwissenschaftlerin Jessica Ullrich untersucht an der
       > Braunschweiger Kunst-Uni das Verhältnis von Mensch und Tier. Damit
       > leistet sie Pionierarbeit.
       
 (IMG) Bild: Komplexes Verhältnis: Ausstellungsbesucher vorm Video „Büsi (Kitty)“ der Künstler Peter Fischli und David Weiss
       
       Es gibt Forschungsfelder, die sind so weitläufig, dass kaum zu ermessen
       ist, wo sie beginnen und wo sie enden. Jessica Ullrich weiß, was das
       bedeutet: Seit Oktober 2026 lehrt und forscht sie an der Hochschule für
       Bildende Künste Braunschweig (HBK) als Professorin für Kunstwissenschaft
       zum Schwerpunkt Cultural Animal Studies. „Manche denken, das ist eine enge
       Nische“, sagt sie. „Aber das Mensch-Tier-Verhältnis durchdringt alle
       Lebensbereiche.“
       
       Es geht um die kritische Analyse der [1][Darstellung von Tieren in Kunst]
       und Literatur, Film und Theater; um ethische, soziologische, ökologische,
       historische, ideologische Bezüge zwischen Mensch und Tier. Und es geht um
       [2][das Aufbrechen der Dominanz, aus der heraus der Mensch das Tier als
       biologische Ressource und passiven Besitz kategorisiert] und um die Frage,
       wie das Tier kulturell vom Objekt der Betrachtung zum handelnden Subjekt
       wird.
       
       Der Blick beschränkt sich nicht nur auf Werke wie Albrecht Dürers
       „Feldhase“, Jack Londons „Wolfsblut“ oder Anton Tschechows „Die Möwe“. Er
       richtet sich auch auf die Realität von Zoogefangenschaft, Jagd,
       Artensterben und industrieller Massentierhaltung.
       
       Auf der Website des Verlags, in dem [3][ihre Fachzeitschrift] Tierstudien
       erscheint, zitiert Ullrich aus einer Vorlesung des französischen
       Philosophen [4][Jacques Derrida]: „Das Tier schaut uns an und wir stehen
       nackt vor ihm. Und vielleicht fängt das Denken an genau dieser Stelle an.“
       Derridas Gedanke könnte Ullrichs neuer Professur als Motto dienen. „Tiere
       schauen uns an, wie wir sie“, sagt sie, „mit ihrer eigenen Sicht der Welt.“
       
       Das Thema Mensch-Tier-Beziehung beschäftigt Ullrich, die Kunstgeschichte,
       Kunstpädagogik und Germanistik sowie Kultur- und Medienmanagement studiert
       hat, schon lange. In ihrer Promotion hat sie sich mit Wachsplastiken
       beschäftigt – also auch mit Bienen. In Südafrika hat sie in einer
       Pavian-Schutzstation gearbeitet. „Es gab sogar eine Zeit, da wollte ich
       Tierärztin werden“, erzählt sie. Heute leistet sie interdisziplinäre
       Pionierarbeit, denn ihr Forschungsfeld ist noch jung, zumindest in
       Deutschland.
       
       Eine von Ullrichs Aufgaben an der HBK ist es, einen neuen Masterstudiengang
       aufzubauen. Externe Expertise wird sie dazuholen, von BiologInnen bis zu
       TierethikerInnen. Auch eine Kooperation mit aktivistischen
       TierrechtlerInnen sei denkbar. „Ich kann mir auch vorstellen, Begegnungen
       mit lebendigen Tieren einzuflechten“, sagt Ullrich. „Etwa bei Besuchen auf
       Lebenshöfen.“ Auch eigene Kunst entsteht so.
       
       Bei ihrem ersten Seminar war der Motivationshintergrund der Interessierten
       breit gefächert, vom Veganismus über den Klimaschutz bis zur Kritik an
       Vorfahren aus der Landwirtschaft. Ullrich setzt auf „kritische Studierende,
       die die Welt verändern wollen“. Kunst könne „visionärere, radikalere,
       utopischere Weltbezüge formulieren als die Wissenschaft“.
       
       Wer bei Ullrich studiert, muss sich auf ungewöhnliche Ansätze einstellen.
       Einer davon: Die werkstoffliche Rolle der Tiere in der Kunst, wie damals
       beim Wachs der Bienen. Farben werden aus dem Körper von Tieren gewonnen,
       Firnis, Pinsel. Ein andere: Die Rolle von Tieren als Kollaborationspartner
       der Gegenwartskunst: Das erinnert an die Aktion „I like America and America
       likes Me“ von Joseph Beuys, 1974, für die er in einer US-Galerie mehrere
       Tage mit einem wilden Kojoten verbrachte.
       
       Ullrich, auch als Ausstellungskuratorin tätig, zeigt: Der
       Mensch-Tier-Beziehung, im Grunde eine Tier-Tier-Beziehung, fehlt es fatal
       an Augenhöhe. Das will sie ändern.
       
       20 Oct 2026
       
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