# taz.de -- Parlamentswahl in Bulgarien: Die Rumen-Show
> Die Bulgaren wählen – zum achten Mal seit 2021. Aussichtsreichster
> Kandidat ist Ex-Präsident Rumen Radew, ein Populist und Russlandfreund.
(IMG) Bild: Einen Kampfjet kann Rumen Radew steuern. Aber auch die Regierungsgeschäfte Bulgariens?
Eine gewisse Offenheit für Experimente an der Wahlurne wird den
Bulgar*innen wohl niemand absprechen. Sozialisten, Liberale und
Populisten – kaum eine politische Kraft, der sie seit dem Sturz des
Kommunismus 1989 nicht die Geschicke ihres Landes anvertraut hätten. 2001
wurde sogar der letzte Zar reanimiert, um als Regierungschef Bulgarien in
eine bessere Zukunft zu führen.
Nun ist wieder ein potenzieller Erretter aufgetaucht: Rumen Radew. Von 2017
bis 2026 war er Präsident, jetzt will er Regierungschef des Balkanstaats
mit 6,5 Millionen Einwohner:innen werden. Bei der Parlamentswahl am 19.
April tritt der 62-jährige Radew mit der neu gegründeten
Mitte-links-Allianz Progressives Bulgarien (PB) an. Umfragen sehen die PB
mit Werten zwischen 21 und 33 Prozent klar in Führung.
Am Abend des 19. Januar 2026 sind in Sofia alle Kameras auf Rumen Radew
gerichtet. Zuallererst wolle er um Verzeihung bitten, sagt der
Damals-noch-Präsident in seinem Amtssitz. Die Zeit habe das Vertrauen der
Bulgar*innen auf die Probe gestellt. Deshalb danke er allen für ihre
Geduld, sagt Radew – wohl wissend, dass die Menschen mit selbiger schon
lange am Ende sind. Die Wahlen im April [1][werden bereits die achten seit
2021 sein], beim letzten Urnengang im Oktober 2024 hatten nur 38 Prozent
der Wähler*innen ihre Stimme abgegeben.
Nicht ganz unerwartet kündigt Radew [2][an jenem Januarabend seinen
Rücktritt an] – nur fünf Wochen nach dem Rückzug der Regierung als Folge
[3][erneuter Massenproteste wegen des Dauerthemas Korruption]. Rumen Radew
teilt aus – mit ruhiger Stimme, aber bestimmt. Als Ursache für Bulgariens
anhaltende Krise macht er ein fehlerhaftes Regierungsmodell aus. Dieses
trage zwar die äußeren Anzeichen einer Demokratie, funktioniere aber nach
den Mechanismen einer Oligarchie.
## Karriere machte Rumen Radew zunächst beim Militär
„Unsere Demokratie kann nicht überleben, wenn wir sie korrupten Figuren,
Geschäftemachern und Extremisten überlassen“, sagt er. Zwar schweigt sich
Radew da noch über seine Zukunftspläne aus, dennoch ist klar: Der Mann will
in Bulgarien – Mitglied der Nato, der EU und seit dem [4][1. Januar 2026
der Eurozone] – auch künftig mitmischen. Immerhin ist er der beliebteste
Politiker des Landes.
Eine politische Karriere ist Radew nicht in die Wiege gelegt worden. 1982,
im Alter von 19 Jahren, geht er zur bulgarischen Armee. Fünf Jahre später
beendet er einen Offizierslehrgang bei der Luftwaffe und tritt der
Bulgarischen Kommunistischen Partei (BKP) bei, die er 1990 wieder verlässt.
Eine Mitgliedschaft in der BKP, seit 1945 an der Macht, sei für Offiziere
obligatorisch gewesen, sagt er später.
Zusätzliches militärisches Rüstzeug erhält Radew in den USA an einer
Universität der Air Force in Montgomery, Alabama, erst an der
Offiziersschule und dann mit einem Masterstudium, das er 2003 abschließt.
2014 übernimmt Radew, mittlerweile im Rang eines Generalmajors, das
Kommando über die bulgarische Luftwaffe. Im selben Jahr sorgt er bei den
Besucher*innen einer Flugshow für Furore, als er mit einer MiG-29
sowjetischer Bauart Kunstflugmanöver vorführt.
Ende 2016 stehen Präsidentschaftswahlen an. Zur Überraschung vieler steigt
auch Radew in den Ring – auf dem Ticket der Sozialisten (BSP). Die Partei,
die aus der BKP hervorgegangen ist, unterhält immer noch enge Beziehungen
zu Russland. Radew entscheidet die Wahl in der zweiten Runde mit 59 Prozent
der Stimmen für sich. Kurz darauf wird die damalige BSP-Chefin Kornelija
Ninowa zu Protokoll geben, Radews Kandidatur mit Wladimir Putins Moskau
abgesprochen zu haben. Quasi über Nacht ist ein General zum Staatschef
mutiert.
## Kampf gegen Korruption
Die Erwartungen der Bevölkerung an Rumen Radew sind hoch. In den Medien ist
von einer neuen Ära der bulgarischen Politik die Rede – verbunden mit der
Hoffnung auf eine effektive Bekämpfung der Korruption. Doch während in der
Öffentlichkeit noch spekuliert wird, wie sich Radew außenpolitisch
positionieren werde, warten Expert*innen bereits mit einer klaren
Einschätzung auf: Er werde deutlich russlandfreundlicher sein als sein
Vorgänger Rosen Plewneliew, der sich für das Völkerrecht und die
europäische Position gegenüber der Ukraine und Russland ausgesprochen habe,
sagt der Politologe Ognjan Mintschew in einem Interview mit der Deutschen
Welle.
In seiner ersten Amtszeit bekommt es Präsident Radew mit Premierminister
Bojko Borissow und dessen konservativer Partei Bürger für eine europäische
Entwicklung Bulgariens (GERB) zu tun. Dieser ist seit 2009 fast durchgehend
Regierungschef, als ehemaliger Leibwächter des letzten KP-Chefs Todor
Schiwkow mit beachtlichen (Tür-)Steherqualitäten ausgestattet und korrupter
Umtriebe nicht unverdächtig.
2020 ist das Tischtuch zwischen den beiden Politikern endgültig
zerschnitten. Im Sommer erlebt Bulgarien – eines der ärmsten Länder der EU
– wochenlange Massenproteste gegen Korruption, die vor allem auch Borissow
adressieren.
Radew macht die Sache der Demonstrant*innen zu seiner eigenen. Borissow
hingegen verweigert sich einem Rückzug. Wohl auf seine Veranlassung hin
durchsuchen bewaffnete Polizisten Radews Amtssitz – eine Retourkutsche auf
veröffentlichte Fotos aus Borissows Schlafzimmer. Darauf sind eine Waffe,
Banknoten und Goldbarren zu sehen. Der Premier vermutet den Präsidenten
hinter der „Intrige“, doch der spricht von „Paranoia“.
## Sieben Übergangsregierungen setzte er als Präsident ein
Im April 2021 finden die vorerst letzten regulär terminierten
Parlamentswahlen statt. Sie eröffnen einen Reigen vorgezogener Wahlen, die
alle keine stabile Regierungsmehrheit hervorbringen. Das eröffnet für Radew
neue Möglichkeiten, und er nutzt sie. Zwar stattet die Verfassung das
Staatsoberhaupt vor allem mit repräsentativen Vollmachten aus. Doch es ist
der Präsident, der, wenn nötig, Übergangsregierungen einsetzt. Letzteres
tut Radew sieben Mal – mehr als jeder bulgarische Staatschef vor ihm.
Die Präsidentenwahl im November 2021 gewinnt Radew erneut, im zweiten
Durchgang mit 67,7 Prozent der Stimmen. Das macht politisch offenbar
Appetit auf mehr. Oder, wie der Historiker Tom Junes schreibt: Ab Juni 2022
und inmitten der politischen Krise habe der ehemalige Kampfpilot und
militärische Alphamann Radew zunehmend bonapartistische Züge an den Tag
gelegt, die seine politischen Ambitionen befeuert hätten.
Zu dieser Beobachtung passt, dass Radew immer mal wieder nationalistische
und populistische Töne anschlägt. Im Sommer 2023 ist ein Projekt der
Superlative in aller Munde. Im Rhodopengebirge soll ein 111 Meter hoher
Mast installiert werden, um eine überdimensional große bulgarische Flagge
zu hissen. Er kostet 500.000 Euro, die Summe ist angeblich durch private
Spenden zusammengekommen, Radew hat die Kampagne unterstützt. Als der Mast
im Juli eingeweiht wird, stimmt Radew in die Rufe „Lang lebe Bulgarien!“
ein.
Auch die russophile heimische Wähler*innenklientel bedient Radew.
Nach dem Beginn von Russlands Invasion in die Ukraine im Februar 2022
spricht er sich gegen Waffenlieferungen an Kyjiw aus. Bulgarien dürfe nicht
in diesen Krieg hineingezogen werden, lautet Radews Mantra. Diese Position
wiederholt er auch bei einem Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten
Wolodymyr Selenskyj in Sofia im Juli 2023. Selenskyj reagiert schroff, es
kommt zum Eklat, Kamerateams werden des Saales verwiesen.
Noch ist Radew innenpolitisch auf Stimmenfang bei den Wähler*innen, zum
dritten Mal. Doch sollte seine Allianz bei den Wahlen erfolgreich bei
linken, zentristischen und rechtsextremen Parteien wildern und stärkste
Kraft werden, ist die Bildung einer stabilen Regierung kein Selbstgänger.
Und dann könnte der Überflieger Rumen Radew ganz schnell und unsanft in der
bulgarischen Realität landen.
17 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Barbara Oertel
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