# taz.de -- Parlamentswahlen in Bulgarien: Russland-Freund Radew klar vorn
> Bulgarien hat gewählt und Ex-Präsident Rumen Radew dürfte sich zum Sieger
> erklären. Seine Wahl ist auch eine klare Ansage an Brüssel im
> Ukraine-Kurs.
(IMG) Bild: Mit Kritik am Ukrainekrieg im Wahlkampf gepunktet: Rumen Radew und seine Parteienallianz
Die Prognosen sollten Recht behalten: Bei den Parlamentswahlen am Sonntag
in Bulgarien, den achten seit 2021, [1][haben der ehemalige Präsident Rumen
Radew und seine erst im März dieses Jahres gegründete Mitte-links-Allianz
Progressives Bulgarien (BP) einen haushohen Sieg eingefahren]. Ersten
Ergebnissen zufolge entfielen auf die BP 44,59 Prozent der Stimmen.
Auf dem zweiten Platz landete das proeuropäische Bündnis Wir setzen die
Veränderungen fort – Demokratisches Bulgarien (PP-DB) mit 13,9 Prozent,
gefolgt von der konservativen Partei Bürger für eine europäische
Entwicklung Bulgariens (GERB) des langjährigen Regierungschefs Bojko
Borissow (12,8 Prozent).
Ebenfalls den Sprung über die Vierprozenthürde schafften die Bewegung für
Rechte und Freiheiten-Neuanfang (DPS) des Oligarchen Deljan Peewski mit 5
sowie die rechtsradikale Partei Wasraschdane (Wiedergeburt) mit 5,1 Prozent
der Stimmen. Sollte sich der Trend verstetigen, könnte Radew sogar eine
absolute Mehrheit erreichen. Er sei zu einer Koalition mit der PP-DB
bereit, sagte Radew. Das hatte er vor den Wahlen noch ausgeschlossen.
## Höhere Wahlbeteiligung verzeichnet
Insgesamt hatten sich 24 Parteien und Parteienbündnisse um die 240 Mandate
beworben. Die Wahlbeteiligung lag Angaben des Meinungsforschungsinstituts
Alpha Research zufolge bei rund 51 Prozent und war damit deutlich höher als
bei den letzten Wahlen im Oktober 2024 (38 Prozent). „Wir haben die Apathie
besiegt, doch dies ist nur der erste Schritt, denn das Misstrauen gegenüber
der bulgarischen Politik besteht weiterhin. Dies ist ein Sieg der Hoffnung
über das Misstrauen, der Freiheit über die Angst. Das Volk hat die
Selbstzufriedenheit und die Schwerfälligkeit der alten Politiker
zurückgewiesen“, sagte Radew am Wahlabend.
Die Neuwahlen waren notwendig geworden, [2][nachdem die Regierung unter
Ministerpräsident Rossen Scheljaskow (GERB) im Dezember 2025 infolge von
Massenprotesten zurückgetreten war]. Diese hatten sich zunächst an den
Haushaltsplänen der Regierung entzündet, die höhere Steuern und
Sozialversicherungsbeiträge vorsahen, sich dann jedoch gegen die Regierung
gerichtet, der die vor allem jungen Demonstrant*innen Korruption
vorwarfen. Laut dem Korruptionsindex von Transparency International (CPI)
für 2025 liegt Bulgarien – Mitglied der EU, Nato und seit dem 1. Januar
2026 auch der Eurozone – EU-weit auf dem vorletzten Platz.
Am 19. Januar 2026 reichte Rumen Radew seinen Rücktritt ein – sein zweites
und letztes Mandat als Staatschef wäre erst im kommenden November dieses
Jahres ausgelaufen. Schon Wochen zuvor hatte es Gerüchte gegeben, er wolle
politisch weiter mitmischen und bei den Parlamentswahlen antreten.
Der Wahlkampf des 62-Jährigen stand ganz im Zeichen des Kampfes gegen
Korruption. Mit entsprechenden Vorwürfen adressierte er nicht nur Bojko
Borissow, sondern auch den Oligarchen Deljan Peewski, den Großbritannien
und die USA mit Sanktionen belegt haben.
Ein zweites Thema waren der Krieg in der Ukraine und die Beziehungen zu
Russland. In der Vergangenheit hatte sich Radew immer wieder gegen
Russland-Sanktionen und Militärhilfen für die Ukraine ausgesprochen und in
diesem Zusammenhang die Gefahr heraufbeschworen, Sofia könne in den Krieg
hinein gezogen werden.
## Radew will den Dialog mit Russland wieder herstellen
Ende März unterzeichneten Bulgariens Interims-Regierungschef Andrej Gjurow
und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in Kyjiw ein
Sicherheitsabkommen mit einer Laufzeit von zehn Jahren. Dieses sieht unter
anderem vor, dass Bulgarien seine militärische Unterstützung für die
Ukraine, einschließlich der Ausbildung und der gemeinsamen Produktion von
Drohnen und Munition, im Rahmen des EU-Programms „Sicherheitsmaßnahmen für
Europa“ (SAFE) fortsetzt.
Mit zu den schärfsten Kritikern gehörte Radew. „Die Bulgar*innen
erwarten von Ihnen (gemeint ist Gjurow; d. Red.) Wahlen und Schutz vor den
steigenden Kosten, nicht unsere weitere Beteiligung an einem Krieg“, sagte
er und bezeichnete das Abkommen als „Gefahr für die nationale Sicherheit“.
In einer Videobotschaft warnte er, der Krieg sei nahe, aber die Taschen der
Bulgar*innen leer.
Gleichzeitig sprach Radew von der Notwendigkeit, den Dialog mit Russland
wieder herzustellen. Schließlich befinde sich Bulgarien in einer
einzigartigen Position, da es als einziger EU-Mitgliedsstaat sowohl
slawisch als auch orthodox sei, wie er kürzlich postulierte.
## Brüssel sollte sich vorbereiten
Mit Wladimir Putin scheint er diesen Dialog bereits zu führen. Bei einer
Wahlkampfveranstaltung vergangene Woche in der zweitgrößten bulgarischen
Stadt Varna tauchte auf einer riesigen Leinwand ein Video seiner Partei auf
mit einer kurzen Szene, wo er und Putin sich die Hände schütteln. Das
befeuerte Spekulationen, Radew mache sich anheischig, in die Fußstapfen des
unlängst [3][abgewählten ungarischen Regierungschefs Viktor Orbán] zu
treten. Das US-Magazin Politico reihte Radew unter die möglichen
„Hauptrebellen der EU“ ein, die Orbán ersetzen könnten.
Der Politologe und Publizist Veselin Stojnew ist da vorsichtiger. [4][Der
ehemalige Präsident könne nur zu einer „abgeschwächten Version“ Orbáns
werden], so Stojnew gegenüber der BBC. Vielmehr müsse man sich auf eine
allmähliche geopolitische Neuausrichtung des Landes, eine mögliche Rückkehr
zu alten Energieabhängigkeiten und ein konfliktreicheres Verhalten
innerhalb der EU einstellen. Welche Einschätzung zutrifft, wird sich
zeigen. Klar jedoch ist: Brüssel sollte sich auf alle Eventualitäten
vorbereiten.
20 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Barbara Oertel
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