# taz.de -- „Prix Pascal“ für KI-Literatur: Ein Preis für die Superintelligenz
> Der französische „Prix Pascal“ soll mit künstlicher Intelligenz verfasste
> Bücher auszeichnen. Doch das legitimiert Technologie, die Literatur
> bedroht.
(IMG) Bild: Endlich sei jeder dazu befähigt, Literatur zu produzieren, so der „Prix Pascal“
Die Schlagzahl, mit der die großen KI-Firmen immer bahnbrechendere
Durchbrüche verkünden, ist inzwischen so atemberaubend, dass sich selbst
ihre Erfinder oft und medienwirksam erstaunt geben.
Gleichzeitig häufen sich die Versuche, den Einsatz von KI in allen
möglichen und unmöglichen Sparten der Gesellschaft zu normalisieren und als
natürliche Evolutionsstufe einer unvollkommenen menschlichen Spezies
darzustellen. Deren Zukunft, glaubt man derweil Elon Musk, seines Zeichens
Rocket-Man und Präsidenten-Rasputin, liege in einer Verschmelzung zu einer
[1][KI-gestützten „Superintelligenz“].
In Frankreich hat dieser Diskurs nun neues Futter erhalten, denn nach den
jüngsten Verwerfungen um den Betrugsfall eines mutmaßlich mithilfe von KI
geschriebenen Romans beim „Prix Goncourt“ wurde nun ein neuer
Literaturpreis ausgerufen.
Das Besondere beim „Prix Pascal“ ist, dass ganz dezidiert literarische
„Werke“ ausgezeichnet werden sollen, die „gemeinsam mit“, sprich: von
KI-Systemen geschrieben wurden. Eine bisher noch unbekannte Jury aus
Schriftstellern, Kritikern, Redakteuren, Philosophen, sowie Journalisten
soll den besten Maschinentext küren und seinen „Erzeuger“ neben einem
Preisgeld vor allem dabei unterstützen, sein „Werk“ zu veröffentlichen.
Doch steckt dahinter nicht eher KI-politisches Kalkül als tatsächliche
Liebe zur Literatur?
## Demokratisierung der Belletristik
Man fragt sich, ob sich auch der kürzlich [2][in Ungnade gefallene
haitianisch-kanadische Autor Thélyson Orélien] um den nach dem
Mathematiker, Schriftsteller und Philosophen Blaise Pascal benannten
Retortenpreis bewerben könnte. Bis zuletzt hatte Orélien eine Verwendung
von KI für sein viel gelesenes Werk „Es war das oder sterben“ abgestritten,
auch nachdem der Prix Goncourt ihn von der Longlist gestrichen hatte.
Nun hat sein Verlag „Éditions du Boréal“ die Nutzung von KI durch Orélien
bestätigt und will nicht länger mit dem Autor zusammenarbeiten. Doch: The
damage is done. Die Institutionen, darunter seine Verlage, sowie die
Gremien des Prix Goncourt haben sich gehörig blamiert. Denn zuerst schien
niemand den Betrug bemerkt zu haben.
Die Webseite des „Prix Pascal“ möchte von derartigen Disruptionen derweil
nur die vermeintlich positiven gelten lassen. Gepriesen wird die
„kulturelle Inklusion durch KI“, da nun, glaubt man den Ausrichtern,
endlich jeder dazu befähigt sei, Literatur zu produzieren, und es nicht
länger vom Bildungsgrad, der Klassenzugehörigkeit oder einer
Lese-Rechtschreibschwäche (kein Scherz) abhängen solle, wer sich
Schriftsteller:in nennen darf.
Eine Demokratisierung der Belletristik und Überwindung von elitären
Gatekeepern also? Verschleiert wird selbstredend die Tatsache, dass der
Entwicklung textgenerierender LLMs ein Diebstahl intellektueller Leistung
vorausgegangen ist, dessen Ausmaß in der Geschichte der Menschheit wohl
seinesgleichen sucht. Und auch KI-Tokens sind natürlich nicht umsonst.
So erscheint die Selbstdarstellung des „Prix Pascal“ wie ein Hohn in
doppelter Hinsicht: „Der Preis würdigt Werke, die etwas Neues bringen, die
nicht einfach ein bereits in der Vergangenheit produziertes Format
reproduzieren.“
## Literarische Institutionen überfordert
Denn LLMs sind ja gerade deswegen nicht in der Lage, etwas Neues zu
erschaffen, weil sie auf Trainingsdaten existierender Werke basieren und
eben nichts anderes tun, als Bekanntes zu reproduzieren – auch wenn dies –
selbst für Jurys wie die des Goncourt – längst nicht mehr so leicht zu
erkennen ist wie zu Beginn der KI-Ära.
Fälle wie der von Orélien zeigen, wie überfordert die literarischen
Institutionen mit der „KI-Revolution“ sind – nicht nur in Frankreich. Ohne
[3][Pangram, einen ebenfalls KI-basierten Detektor für von LLMs generierte
Texte], wäre Oréliens Täuschungsversuch womöglich nie ans Licht gekommen.
Wie so oft im Neoliberalismus trägt den Schaden die Gesamtheit der
Gesellschaft, in diesem Fall die Literaturwelt, die Autor:innen und
Leser:innen. Vom Rowohlt Verlag, der Oréliens Werk bereits hat übersetzen
lassen, gibt es bis dato noch keine Entscheidung darüber, ob die
Veröffentlichung womöglich zurückgezogen wird.
Darüber, wie sehr Literatur und ihr Fortbestehen der Gruppe von
Tech-Entrepreneurs am Herzen liegen, die hinter dem „Prix Pascal“ stecken,
kann man nur mutmaßen. Neben einem [4][verwaisten Instagram-Account]
präsentiert sich der Preis jedenfalls sonst nur noch im Businessnetzwerk
LinkedIn.
25 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ja-KI-wird-uns-alle-toeten-Aber-anders-als-du-denkst/!6214506
(DIR) [2] /Debatte-um-Thelyson-Orelien/!6214568
(DIR) [3] /KI-Erkennungssoftware/!6185273
(DIR) [4] https://www.instagram.com/prixpascal/
## AUTOREN
(DIR) Yannic Walter
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