# taz.de -- Häusliche Pflege: Ich wollte keine Heldin sein, ich wollte Hilfe
       
       > Politiker preisen pflegende Angehörige gern als Helden – aber die
       > geplanten Reformen drohen deren ohnehin knappe Unterstützung weiter
       > einzuschränken.
       
 (IMG) Bild: Applaus fürs Heldentum reicht nicht: Pflegende Angehörige beantragen Entlastungshilfen oft nicht, weil es kompliziert ist
       
       Zur Abwechslung [1][redet man in der Politik mal über Pflege]. Allerdings
       nur, weil Geld fehlt. Das Wort „Pflegereform“ macht mir Angst. Zu oft ist
       „Reform“ nur ein Euphemismus für Sparmaßnahmen.
       
       Der größte Teil aller pflegebedürftigen Menschen wird zu Hause von
       Angehörigen betreut. Sie kosten vergleichsweise fast nichts. Sie können
       jedoch aus der Pflegekasse Unterstützung bekommen, zum Beispiel, falls sie
       selbst krank sind. An ihnen zu sparen, bedeutet, an der tragenden Säule des
       Systems zu sägen, und zwar mit einer Kettensäge.
       
       Von den vielen Menschen, die zu Hause pflegen, hört man wenig. Selbst als
       es zuerst hieß, man wolle ihnen die Rentenpunkte kürzen, waren sie nicht
       auf der Straße. Wer eine schwerbehinderte oder demente Person pflegt, kann
       auf keine Demo gehen. Ein simpler Einkauf ist oft schon Herausforderung
       genug. Man benötigt dann jemanden, der die Betreuung stundenweise
       übernimmt. Pflegepersonen bekommen dafür von der Pflegekasse sogenannte
       Entlastungsleistungen.
       
       Unzählige Male habe ich Gott gedankt – obwohl ich nicht mal gläubig bin –,
       in einem so großartigen Land wie Deutschland zu leben, in dem es solche
       Hilfen gibt! Gerne würde ich kurz erklären, welche Unterstützungsangebote
       es gibt. Leider geht das nicht. Die Gelder kommen aus so vielen
       unterschiedlichen Töpfen und können jeweils nur für ganz bestimmte
       Leistungen ausgegeben werden, dass die allermeisten Anspruchsberechtigten
       sie gar nicht erst beantragen. Unter gewissen Bedingungen können sie
       allerdings verschoben, übertragen, angespart und umgewandelt werden.
       
       Ich brauchte Jahre, bis ich das Ganze durchschaut und unser eigenes kleines
       Hilfekonstrukt daraus aufgebaut hatte, welches jedes Mal gefährlich ins
       Wanken geriet, wenn sich etwas änderte. Mir tun die Familien von Herzen
       leid, deren Unterstützungsnetzwerk durch das neue Gesetz zwangsweise erst
       mal zusammenbrechen wird.
       
       Immerhin sieht die geplante Neuordnung die Einführung einer persönlichen
       Pflegebegleitung vor, die den Betroffenen beim Bürokratie- und
       Antragswahnsinns zur Seite stehen soll. Leider ist zuerst der große Umbau
       der Budgets vorgesehen und die Beratungen für die Pflegenden sollen dann
       zwei Jahre später beginnen. Umgekehrt hätte das mehr Sinn ergeben.
       Ebenfalls nicht im Sinne der Betroffenen ist es, dass die individuelle
       Nutzung der Hilfen weniger flexibel werden soll.
       
       Uns haben immer nur die Gelder genutzt, die wir ohne viel Bürokratie direkt
       an helfende Personen auszahlen konnten. Meistens waren das Auszubildende
       der Heilerziehungspflege und sie waren großartig! Alles andere haben wir
       angespart und in Ferienaufenthalte für Willi investiert, die genau genommen
       Ferien von der Pflege für uns waren.
       
       ## In schweren Zeiten braucht es Solidarität
       
       Obwohl ich wusste, wie wichtig diese Auszeiten für uns waren, hatte ich oft
       ein schlechtes Gewissen, mein behindertes Kind [2][auf Kosten der
       Solidargemeinschaft] betreuen zu lassen. Über solche Schuldgefühle und die
       vielen Belastungen bei der 24-Stunden-Pflege, wie Erschöpfung, Scham, Angst
       oder Aggression, spricht man selten. Man liebt doch diesen Menschen, für
       den man das tut.
       
       Unser Bundesgesundheitsminister bezeichnete jüngst pflegende Angehörige als
       „Alltagshelden Deutschlands“, [3][dabei hätte er Heldinnen sagen müssen].
       Ohnehin klang das wenig glaubwürdig vom Generalsekretär der Partei, die den
       „Sozialstaat in seiner jetzigen Form“ infrage stellt und davon spricht,
       dass sich Leistung wieder lohnen soll. Diese Art Leistung, wie von
       pflegenden Angehörigen, ist nämlich gar nicht gemeint. Und denen nützt
       Heldentum reichlich wenig.
       
       Helden bleiben außen vor, setzen still ihr Leben ein und fordern nichts. So
       soll es aber eben nicht sein! In meiner schweren Zeit mit Willi hat mich
       die Solidarität unserer Familie und die vieler anderer Menschen getragen.
       Also das, was man gesellschaftlichen Zusammenhalt nennt. Der sollte im
       Mittelpunkt aller Reformen stehen.
       
       24 Oct 2026
       
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