# taz.de -- Wegfall von Pflegegrad 1: Ohne Marc ist das nicht zu schaffen
       
       > Fällt der Pflegegrad 1 weg, erschwert das den Alltag von Betroffenen, von
       > Einkaufs- über Haushaltshilfe bis hin zur Wegbegleitung. Eine Mutter
       > erzählt.
       
 (IMG) Bild: Begleitung ins Schwimmbad: ohne die Entlastungsleistung der Pflegeversicherung nicht möglich
       
       Es klingelt. Marc kommt mit meinem zehnjährigen Sohn nach Hause. Sie waren
       im Schwimmbad. Marc ist „unser Student“. Er unterstützt mich als pflegende
       Angehörige. Mein Sohn hat Pflegegrad 1, seitdem er vier Jahre alt ist. Als
       Baby bekam er eine schwere Atemwegsinfektion, seitdem hat er massive
       gesundheitliche Probleme. Nach einer Corona-Infektion litt er an Long Covid
       und muss dauerhaft mit Cortison behandelt werden. Wegen der
       Beeinträchtigungen nimmt er an unterschiedlichen Therapien teil. Schwimmen
       ist ein Sport, den er gut bewältigen kann. Ohne die Entlastungsleistung der
       Pflegeversicherung wäre vieles für ihn und damit für uns als Familie nicht
       lebensmöglich.
       
       Darüber wird allerdings kaum geredet, weder in den Medien noch in der
       Gesellschaft – während die Frage der Zuzahlung bei den Pflegeheimkosten
       medial eine große Rolle spielt. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, als
       würden die zusätzlichen Bedarfe von Menschen mit Pflegegrad 1 nicht
       existieren. Dabei gibt es viele Menschen, die den Pflegegrad 1 haben: jene,
       die Unterstützung bei ihrer Versorgung benötigen, Menschen mit chronischen
       Erkrankungen, andere mit Beeinträchtigung in ihrer Selbstständigkeit.
       
       Durch die Reform der Pflegeversicherung soll der Pflegegrad 1 neu
       strukturiert werden. Der sogenannte monatliche Entlastungsbetrag in Höhe
       von 131 Euro soll ab kommendem Jahr ersatzlos wegfallen und durch neue
       „Angebote“ ersetzt werden. So sieht es jedenfalls der Entwurf aus dem
       Gesundheitsministerium vor. Diesen Entlastungsbeitrag nutzen viele für
       Hilfen im Alltag, also für jemanden, der mit anpackt, einkaufen geht,
       begleitet, im Haushalt hilft – und so die Pflegeperson entlastet. Wer weiß,
       wie teuer eine Haushaltshilfe oder ein Babysitter ist, weiß auch, dass man
       mit 131 Euro im Monat nicht weit kommt.
       
       In unserem Fall ist es Marc, der mich entlastet. Marc war Praktikant in der
       Krabbelgruppe meines zweiten Kindes. Ich fragte ihn, ob er nicht bei uns
       aushelfen könnte, und war sehr froh, als er zusagte. Er absolvierte ein
       Seminar für Pflege und Entlastungsleistung. Das Zertifikat reichte ich bei
       der Pflegeversicherung ein, Marc konnte starten. Seitdem begleitet er
       meinen Sohn zu den Therapien, macht mit ihm Sport, hilft nachmittags bei
       uns im Haushalt. Das Geld überweist die Pflegeversicherung direkt auf Marcs
       Konto. Ich bin alleinerziehend, ohne Marc wüsste ich nicht, wie ich das
       alles schaffen sollte. Marc kümmert sich auch um mein jüngeres Kind, wenn
       ich meinen Sohn dabei unterstütze, Medikamente zu inhalieren.
       
       Doch Marcs Leistung soll jetzt gestrichen werden. In Deutschland hatten
       zuletzt rund 863.000 Menschen den Pflegegrad 1, etwa 15 Prozent aller
       Leistungsempfänger:innen in der Pflegeversicherung. Sie alle haben
       Anspruch auf die monatliche Entlastungsleistung. Zugegeben, der Name
       suggeriert, als sei die Pflegebedürftigkeit meines Kindes eine Last. Die
       eigentliche Last ist aber die fehlende Unterstützung. Mit dem
       Entlastungsbetrag wurde ich wenigstens ein wenig von all den zusätzlichen
       Anstrengungen entlastet. All das fällt nun weg. Für nicht wenige Menschen
       bedeutet das, die Wohnung überhaupt einmal verlassen zu können, und sei es,
       um im Park die Tauben zu füttern (was zwar verboten ist, aber
       Lebensqualität darstellt).
       
       Stattdessen kommen Beratungsstrukturen dazu, die ich als pflegende
       Angehörige nutzen darf. Doch das Letzte, was ich benötige, ist eine
       zusätzliche Beratung. Wie die meisten Betroffenen kenne ich mich bestens
       mit der Erkrankung meines Kindes aus. Ich weiß um die Therapien und
       Angebote und bin eingebunden in ein stabiles Netz aus medizinischen und
       therapeutischen Angeboten. Gemäß der Pflegereform soll es – als „Ersatz“
       für den Entlastungsbetrag – in jedem Landkreis oder in jeder kreisfreien
       Stadt eine Beratungsperson geben. Das ist ineffizient, teuer und unnötig.
       Pflegebeauftragte und Pflegestützpunkte, die genau dazu beraten, gibt es
       schon lange. In Berlin gibt es sie in jedem Bezirk. Diese neue
       Beratungsperson, die eingesetzt wird, soll auf Präventionskurse hinweisen.
       So soll verhindert werden, dass Betroffene in einen höheren Pflegegrad
       „hineinrutschen“.
       
       ## Entlastungsbeiträge werden verballert
       
       Statt Hilfe beim Einkauf bekommt man demnächst wohl den Ratschlag,
       Gymnastik zu machen. Statt einer Begleitung für den Gang zum Arzt gibt es
       nun den Hinweis, dass man eine Krankenkassen-App nutzen kann. Statt des
       wöchentlichen Spaziergangs mit einem demenzkranken Angehörigen muss man
       dankbar sein für Tipps zu Präventionskursen der Krankenkasse. So oder so
       ähnlich dürfte die künftige Beratungsstruktur aussehen – und unsere gut
       angelegten 131 Euro des Entlastungsbeitrags im Monat werden auch noch mit
       vielen anderen Entlastungsbeträgen für eine zusätzliche Onlineplattform
       verballert.
       
       Das sogenannte Pflegecockpit soll online über weitere Angebote informieren,
       etwas, das ChatGPT schon lange kostenlos tut. Ja, sicherlich sind nicht
       alle Betroffenen ausreichend informiert, möglicherweise nutzen viele
       ChatGPT nicht. Doch es gibt bereits Strukturen in der Pflegeversicherung,
       die genau das bieten, dazu beraten und unterstützen. Unser Marc fällt einer
       geschaffenen Doppelstruktur zum Opfer – und ich habe wieder mehr Lasten zu
       schultern.
       
       Als alleinerziehende Mutter mit einem Kleinkind werde ich es im Alltag
       nicht schaffen, unter anderem mit meinem älteren Sohn schwimmen zu gehen.
       Die Wege zu den Therapien, die mein Sohn benötigt, werden zur Nervenprobe,
       denn das jüngere Geschwisterkind muss immer mitkommen, eine Betreuung für
       das jüngere Kind fehlt.
       
       Man wird den Eindruck nicht los, dass die Umstrukturierungen in der
       Pflegeversicherung gemacht wurden, ohne den Alltag von Betroffenen
       einzubeziehen. Oder die Ideen für die Neuordnung stammen von Leuten, die
       von Pflege keinen blassen Schimmer haben.
       
       13 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Schwedt
       
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