# taz.de -- Vor Parlamentswahl in Serbien: Zehntausende Anhänger der Opposition auf Belgrads Straßen
       
       > Serbien wählt am Sonntag ein neues Parlament. Zehntausende Anhänger der
       > oppositionellen „Studentenliste“ kamen zur Abschlusskundgebung in der
       > Hauptstadt.
       
 (IMG) Bild: Zehntausende haben in der Hauptstadt Belgrad für ein Ende der Regierung von Präsident Aleksandar Vučić demonstriert
       
       afp | Drei Tage vor der Parlamentswahl in Serbien haben zehntausende
       Anhänger der Opposition für ein Ende der Regierung von Präsident Aleksandar
       Vučić in dem Westbalkanstaat demonstriert. Die Anhänger der Studentenliste
       zogen am Donnerstagabend durch die Straßen von Belgrad und versammelten
       sich schließlich auf dem Salvija-Platz der Hauptstadt. Nach Angaben der
       unabhängigen Gruppe Archiv öffentlicher Versammlungen nahmen rund 150.000
       Menschen an der Kundgebung teil.
       
       Die Liste wird von Studierenden getragen und hat sich zum Ziel gesetzt, bei
       der Parlamentswahl am Sonntag die seit mehr als 14 Jahren andauernde
       Regierung von Vučić’ rechtspopulistischer Serbischer Fortschrittspartei
       (SNS) zu beenden. „Ich bin gekommen, um die Studentenliste zu unterstützen,
       weil mir die jungen Leute endlich Hoffnung gegeben haben, dass es möglich
       ist, in einem normalen Land zu leben“, sagte die 47-jährige Marija
       Nedeljkovic Radic der Nachrichtenagentur AFP. „Zum ersten Mal in meinem
       Leben glaube ich wirklich, dass es möglich ist.“
       
       Vučić war Ende September nach neun Jahren von seinem Amt als Präsident
       zurückgetreten und kandidiert nun für den Posten des Regierungschefs, den
       er bereits in den drei Jahren vor seiner Zeit als Präsident innehatte.
       [1][Mit dem Rücktritt] machte er den Weg für die Neuwahlen am Sonntag frei
       und entsprach damit einer Hauptforderung der studentischen Protestbewegung,
       die nach dem Einsturz eines Bahnhofsvordachs in der Stadt Novi Sad im
       November 2024 entstanden war.
       
       Bei den vor allem von Studierenden getragenen Protesten ging es anfangs vor
       allem um die Aufarbeitung des Unglücks, bei dem 16 Menschen ums Leben
       kamen. Später weiteten sich die Themen der Demonstrationen auf generelle
       Kritik an der Regierung und an der weitverbreiteten Korruption im Land aus.
       
       ## Einschüchterungen und Festnahmen im Wahlkampf
       
       Vučić sieht in der Protestbewegung einen vom Ausland finanzierten
       Putschversuch. Er sprach am Donnerstagabend auf einer Wahlkundgebung in
       einer Sporthalle von Belgrad. „Lasst uns niemals vergessen, wie sie
       versucht haben, unseren Staat zu stürzen. Lasst uns ihn immer schützen und
       verteidigen“, rief der 56-Jährige seinen Anhängern zu. „Lasst uns
       hinausgehen und sie besiegen!“
       
       Nach Angaben zivilgesellschaftlicher Gruppen war der Wahlkampf von
       Einschüchterungen, Festnahmen und dem Missbrauch öffentlicher Gelder
       geprägt. Verlässliche Prognosen zum Ausgang der Wahl liegen nicht vor. Der
       Politikwissenschaftler Dušan Vučićević von der Universität Belgrad sagte
       AFP, er rechne damit, dass die Studentenliste mehr als 40 Prozent der
       Stimmen gewinnen werde – dies wäre das beste Ergebnis einer
       Oppositionsgruppierung, seit die SNS 2012 an die Macht kam.
       
       Vučić war früher ein radikaler Nationalist und ein Gefolgsmann von
       Ex-Machthaber Slobodan Milošević, der 2006 als Angeklagter des
       Kriegsverbrechertribunals in Den Haag im Gefängnis starb. Später mäßigte
       Vučić jedoch seine Positionen. Seit Jahren präsentiert er sich als Reformer
       und engagiert sich für den EU-Beitritt Serbiens. Zugleich setzt Vučić trotz
       des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine weiterhin auf [2][gute
       Beziehungen seines Landes zu Russland].
       
       Der Hauptgrund für den Stillstand bei Serbiens Beitrittsverhandlungen sind
       mangelnde Fortschritte bei der Erfüllung der EU-Kriterien zu
       Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechten und Marktwirtschaft. Zudem kritisierte
       die EU-Kommission in ihrem letzten Erweiterungsbericht Rückschritte bei der
       Meinungsfreiheit und die nach wie vor große Korruption in dem Land.
       
       23 Oct 2026
       
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